Eine Rote Karte, zurückgenommen. Ein Präsidenten-Anruf, bestätigt. Eine Beschwerde beim IOC, eingereicht. Der Fall Balogun ist keine Randnotiz mehr – er ist zur Grundsatzfrage über Gianni Infantinos Amtsverständnis geworden.
Zehn Seiten, fünf Vorwürfe
Die britische Menschenrechtsorganisation FairSquare hat am 14. Juli eine zehnseitige Beschwerde gegen Infantino beim Internationalen Olympischen Komitee eingereicht. Der Kern: fünf mutmaßliche Verstöße gegen die IOC-Regeln zur politischen Neutralität, dazu Prima-facie-Belege für zwei schwerere Fälle. Infantino ist seit 2020 IOC-Mitglied und damit an den Ethikkodex gebunden. Und hier liegt der eigentliche Reiz: Anders als in der FIFA, wo er der Chef ist, sitzt er beim IOC nur mit am Tisch. Genau deshalb ging FairSquare über den Weltverband hinweg – dorthin, wo Infantino sich verantworten muss statt zu regieren.
Vom Friedenspreis zur roten Linie
Jahrelang war die Kritik an der Trump-Nähe vor allem symbolisch: der FIFA-Friedenspreis für den US-Präsidenten, der Auftritt beim „Board of Peace“ im Februar, die rote USA-Kappe auf der Bühne. Das IOC winkte damals ab. Der Fall Balogun aber wechselte die Kategorie. Nach seiner Roten Karte im Sechzehntelfinale gegen Bosnien (2:0) durfte der US-Stürmer im Achtelfinale gegen Belgien (1:4) auflaufen – die Sperre aufgehoben, nachdem Trump bei Infantino angerufen und um eine Überprüfung gebeten hatte. Laut „Times“ entschied ein einzelner Funktionär im Alleingang. Infantino und die Disziplinarkommission bestreiten jede Einflussnahme. Die UEFA sprach dennoch von einer überschrittenen „roten Linie“.
Der DFB zieht die Grenze
Und der DFB? Der lange so geschmeidige Verband geht plötzlich auf Distanz. Präsident Bernd Neuendorf verweigerte seine Unterschrift unter das Unterstützerschreiben für Infantinos Wiederwahl beim Kongress am 18. März 2027 in Rabat. „Der DFB hat kein Unterstützungsschreiben unterzeichnet“, teilte der Verband mit. Der Vorgang, so Neuendorf zum SID, dürfe „nicht zu den Akten gelegt werden“. Ein bemerkenswerter Satz – von einem, der den Friedenspreis an Trump noch mitgetragen hatte.
Nebenschauplatz mit Symbolwert
Dazu ein Randgefecht, das gut ins Bild passt: Die FIFA wies den Vorwurf als „irreführend“ zurück, Infantino müsse in jedem WM-Spiel mindestens einmal von den Kameras gezeigt werden. Bestätigt ist immerhin eine Vereinbarung mit dem Produktionsunternehmen HBS über einen „dignitary shot“ pro Halbzeit – die Aufnahme eines Würdenträgers, ob Staatschef, Funktionär oder Promi.
Bedeutet?
Am Ende steht Ernüchterung. IOC-Präsidentin Kirsty Coventry hat lediglich signalisiert, eine eingegangene Beschwerde werde geprüft – mehr nicht, und das Gremium hat den „Board of Peace“ schon einmal durchgewunken. Infantinos Wiederwahl gilt trotz allem als sicher, die großen Konföderationen stehen hinter ihm. Die Frage ist also nicht, ob Infantino diese Affäre übersteht. Er wird. Die Frage ist, wie viel Glaubwürdigkeit der Wettbewerb auf dem Weg dorthin verliert.

