Fünf Spiele, fünf Siege, keine einzige Niederlage: So liest sich Lionel Messis Bilanz, wenn Ismail Elfath die Pfeife führt. In England liest man diese Zahl dieser Tage wie ein Geständnis. Sie ist keins.
Die Zahl, die England nervös macht
Die FIFA hat den 44-jährigen US-Amerikaner Ismail Elfath für das Halbfinale zwischen England und Argentinien angesetzt (Mittwoch, 21 Uhr, Atlanta). Kaum war die Personalie draußen, drehte sich die Debatte auf der Insel weg vom Sportlichen. The Telegraph nannte Elfath Messis „Glücksbringer“, The Sun und die Daily Mail befeuerten „rigged“-Vorwürfe, wonach das Turnier zugunsten des Weltmeisters geschoben sei. Der Auslöser: Seit Messi in der MLS für Inter Miami spielt, hat der Argentinier kein Spiel verloren, das Elfath geleitet hat – dazu zählt der dramatische Leagues-Cup-Triumph 2023 im Elfmeterschießen. Vierter Offizieller war der Amerikaner obendrein, als Argentinien 2022 in Katar den Titel holte.
Klingt nach einem Muster. Ist aber vor allem eins: eine Statistik ohne Beleg für ein Vergehen. Kein seriöses Medium, auch keines der britischen, hat bislang einen Nachweis für eine Begünstigung geliefert. Ein Omen ist kein Beweis.
Die Frage ist nicht, ob Elfath Argentinien pfeift
Wer Elfaths Vita kennt, weiß: Das ist kein Grünschnabel, den man ins Halbfinale hochlobt. Zweimal MLS-Referee of the Year, zurückgekämpft nach einer schweren Knieverletzung bei der Copa América 2024 samt zwei Operationen und über einem Jahr Pause. Bei dieser WM leitete er bereits drei Partien – Japan gegen die Niederlande (2:2), Spanien gegen Uruguay (1:0) und im Achtelfinale Norwegen gegen Brasilien (2:1). Gegen Uruguay zückte er eine der klarsten Roten Karten des Turniers, für Agustín Canobbio. Nach einem, der Argentinien schont, sieht das nicht aus.
Die Frage ist also nicht, ob Elfath pfeift wie ein Argentinier. Sie ist, warum die FIFA eine Ansetzung durchwinkt, die genau diese Wahrnehmung befeuert – in einem Moment, in dem der Verband sie sich am wenigsten leisten kann. Zur Seite stehen Elfath zwei weitere US-Amerikaner (Corey Parker, Kyle Atkins), Vierter Offizieller ist der Italiener Maurizio Mariani.
Die Falkland-Klausel: Wenn ein Krieg von 1982 die Ansetzung bestimmt
Dass überhaupt ein Amerikaner pfeift und kein Europäer mit mehr Turnier-Kilometern, hat einen Grund, der 44 Jahre zurückreicht. Englische und argentinische Unparteiische werden bei Spielen der jeweils anderen Nation grundsätzlich nicht eingesetzt – eine Folge des Falklandkriegs von 1982, den beide Länder bis heute politisch nachhallen lassen. Zur üblichen Regel, dass niemand Spiele der eigenen Nation leitet, kommt hier also eine geopolitische Sperre.
Für Englands Top-Referees Michael Oliver und Anthony Taylor ist das Turnier damit faktisch vorbei – und für den Argentinier Facundo Tello ebenso. Ein kurzer Blick auf die verbliebenen Partien zeigt, warum:
| Verbliebene Partie | Termin | Warum kein englischer Referee? |
|---|---|---|
| Halbfinale England – Argentinien | 15.07. | England = eigene Nation, Argentinien = Falkland-Sperre |
| Spiel um Platz 3 | 18.07. | Verlierer ist England oder Argentinien – beide gesperrt |
| Finale (gegen Spanien) | 19.07. | Sieger ist England oder Argentinien – beide gesperrt |
Egal, wie das Halbfinale ausgeht: In jeder der drei restlichen Partien steht England oder Argentinien auf dem Platz. Für Oliver und Taylor bleibt kein einziges Spiel übrig. Ein WM-Aus ohne Fehler, ohne Fehlentscheidung – nur wegen eines Krieges, der vor der Geburt der beiden Referees endete.
Das Muster, das sich wiederholt
Der eigentliche Nährboden für die Verschwörungserzählung liegt nicht bei Elfath, sondern in den Runden davor. Schon Argentiniens Achtelfinalgegner Ägypten fühlte sich beim 2:3 benachteiligt. Im Viertelfinale gegen die Schweiz (1:3 n. V.) wurde daraus ein handfester Aufreger: Breel Embolo sah nach VAR-Eingriff Gelb-Rot wegen einer Schwalbe – kurz nachdem er selbst minutenlang gehalten und getreten worden war, ohne dass der portugiesische Referee João Pinheiro eingriff.
Schweizer Schiedsrichter-Legende Urs Meier, ein ehemaliger Weltklasse-Referee, machte daraus keinen Hehl. Über die Argentinier sagte er schlicht: „Sie konnten machen, was sie wollten.“ Den naheliegenden Einwand, da schlage nur das Schweizer Herz durch, wies er zurück – ihm gehe es um Gerechtigkeit, nicht um Herkunft. Auch Nati-Trainer Murat Yakin fand klare Worte: „Wir haben gegen den Schiri und den VAR gespielt.“
Man kann das als Frust der Verlierer abtun. Man kann es auch als Muster erkennen: Ägypten, die Schweiz – und nun die Sorge Englands, das Nächste in der Reihe zu sein. Meiers eigentlicher Vorwurf zielt dabei nicht auf eine Verschwörung, sondern auf handwerkliches Versagen: zu viel VAR, zu wenig Spielführung. Die Schiris pfeifen, aber sie leiten nicht mehr.
Der Befund
Bleibt der nüchterne Kern. Es gibt keinen Beleg, dass Ismail Elfath gekauft, befangen oder Messis verlängerter Arm wäre – im Gegenteil, sein Turnier spricht dagegen. Die Personalie ist sportlich vertretbar. Das Problem ist ein anderes: Die FIFA lässt nach Ägypten und der Schweiz ausgerechnet den Schiedsrichter mit der prominentesten Messi-Statistik auf das brisanteste Spiel los – und wundert sich dann über die Schlagzeilen. Die Politik heizt das Übrige an: Argentiniens Vizepräsidentin stichelt auf X über die Inseln, während Trainer Lionel Scaloni es „Wahnsinn“ nennt, Sport und Politik zu vermengen, und London zur Sachlichkeit mahnt.
Die Frage ist nicht, ob Elfath sauber pfeift. Das wird er vermutlich. Die Frage ist, warum die FIFA ein Wahrnehmungsproblem, das sie über zwei K.-o.-Runden selbst gefüttert hat, mit der denkbar angreifbarsten Ansetzung krönt. Ein starkes Spiel des Amerikaners beendet die Debatte für heute. Das strukturelle Problem dahinter pfeift kein Schiedsrichter weg.
Häufige Fragen zur Schiedsrichter-Debatte vor England – Argentinien
Wer pfeift das WM-Halbfinale England gegen Argentinien?
Der US-Amerikaner Ismail Elfath (44), geboren in Casablanca. Ihn unterstützen die Assistenten Corey Parker und Kyle Atkins, Vierter Offizieller ist der Italiener Maurizio Mariani. Anpfiff ist am 15. Juli um 21 Uhr in Atlanta.
Warum gilt Elfath als „Messis Glücksbringer“?
Seit Messi für Inter Miami spielt, hat der Argentinier kein von Elfath geleitetes Spiel verloren; britische Medien sprechen von einer 100-Prozent-Bilanz. Zusätzlich war Elfath Vierter Offizieller im WM-Finale 2022, das Argentinien gewann. Belege für eine Begünstigung gibt es keine.
Warum darf kein englischer Schiedsrichter Argentinien pfeifen?
Wegen der politischen Spannungen seit dem Falklandkrieg 1982 setzt die FIFA englische und argentinische Unparteiische nicht bei Spielen der jeweils anderen Nation ein. Diese Praxis gilt für das gesamte Turnier – von der Gruppenphase bis zum Finale.
Warum ist die WM für Michael Oliver und Anthony Taylor vorbei?
Alle drei verbleibenden Spiele – Halbfinale, Spiel um Platz 3 und Finale – betreffen entweder England oder Argentinien. Da englische Referees für beide Teams gesperrt sind, bleibt für Oliver und Taylor keine Partie mehr übrig.
Was kritisiert Urs Meier an den Schiedsrichtern dieser WM?
Der frühere Weltklasse-Referee bemängelt zu starke VAR-Abhängigkeit und fehlende Spielführung. Mit Blick auf Argentiniens Viertelfinale gegen die Schweiz sagte er, die Argentinier hätten machen können, was sie wollten – ohne dass Fouls geahndet

