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90PLUS » Infantino gegen die Kritiker: 15 Slides, keine Rückfrage
Fußball News

Infantino gegen die Kritiker: 15 Slides, keine Rückfrage

Fritz Pecker
27.07.26, 15:30
Fritz Pecker
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Gianni Infantino, WM
Foto: Getty Images

Sieben Millionen Zuschauer. 16 Städte. Keine Zwischenfälle, keine Gewalt – so steht es in Gianni Infantinos Bilanz. Was in seiner Abrechnung eine Woche nach dem Finale fehlt, ist etwas anderes: ein Ort, an dem jemand nachfragen darf.

Der FIFA-Präsident hat sich am Montag zurückgemeldet. Nicht im Saal, nicht am Mikrofon, sondern in einem 15-teiligen Karussell-Beitrag auf Instagram. Darin nennt er das Turnier in den USA, Kanada und Mexiko die herausragendste Weltmeisterschaft der FIFA-Geschichte, wirbt für den Fußball als Symbol des Zusammenhalts – und wirft seinen Kritikern vor, „Hass und falsche Gerüchte“ zu verbreiten. Zum Abschluss legt er ihnen nahe, sich Zeit zu nehmen, „zu meditieren, zu beten oder ein Fußballspiel anzuschauen“.

Fünfzehn Slides, null Rückfragen

Man kann das als verständliche Reaktion eines Mannes lesen, der sechs Wochen lang bei jedem Stadionbesuch Pfiffe kassiert hat. Man kann es auch als Muster erkennen. Denn die Wahl des Kanals ist hier die eigentliche Nachricht.

Infantino hat vor Turnierbeginn in Mexiko-Stadt eine Pressekonferenz gegeben – die erste seit drei Jahren, in der freie Medien überhaupt Fragen an ihn richten konnten. Nach dem Finale kam keine. Stattdessen ein Format, das technisch alles kann außer einem: widersprochen werden. Wer auf einem Instagram-Karussell antwortet, entscheidet selbst, welche Vorwürfe überhaupt vorkommen.

Die Frage ist also nicht, ob es unter den Kritikern der vergangenen Wochen auch Übertreibung, Häme und schlechten Stil gab. Den gab es. Die Frage ist, warum ein Verband, der sich Transparenz auf die Fahnen schreibt, seine Verteidigung ausgerechnet dort platziert, wo keine zweite Frage möglich ist.

Die Bilanz, die er aufmacht – und die, die er auslässt

Infantinos Zahlenwerk ist beeindruckend und in weiten Teilen unstrittig. Rund sieben Millionen Menschen aus mehr als 200 Ländern in den Stadien, Milliarden vor den Bildschirmen, ein Turnier ohne Ausschreitungen. Als Beleg für die verbindende Kraft des Fußballs führt er die Einreise der iranischen Nationalmannschaft in die USA an – trotz aller politischen Spannungen.

Nur: Die Kritik der vergangenen Wochen richtete sich nie gegen die Besucherzahlen. Sie richtete sich gegen Entscheidungen. Und die kommen in den 15 Slides praktisch nicht vor.

Streitpunkt Was passierte Infantinos Antwort
Visa & Einreise Dem somalischen Schiedsrichter Omar Artan wurde kurz vor dem Turnier die Einreise in die USA verweigert; Fans und Offizielle einzelner Länder waren betroffen Verweist auf Millionen erteilter Visa
Fall Balogun Die Rotsperre des US-Stürmers wurde aufgehoben, nachdem Donald Trump bei Infantino angerufen hatte Betont die Unabhängigkeit der FIFA-Rechtsorgane; Fehlerkorrekturen gebe es in jeder großen Liga
Ticketpreise Dynamische Preise, Beschwerden von Fanorganisationen über die Kosten für Gruppenspiele und Finale Marktpreise seien branchenüblich; die Nachfrage übersteige das Angebot bei weitem
Nähe zu Trump Gemeinsame Auftritte, FIFA-Friedenspreis, Sitz im „Board of Peace“ Kein Thema im Instagram-Beitrag

Der Fall Balogun ist der Riss, der nicht verschwindet

Ein Punkt sticht heraus, und Infantino weiß das. Folarin Balogun sah im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina Rot und hätte das Achtelfinale gegen Belgien verpassen müssen. Nach einem Anruf des US-Präsidenten bei Infantino hob die formal unabhängige Disziplinarkommission die Sperre auf. Belgien gewann trotzdem.

Genau dieser Zufall hat Infantino womöglich das Amt gerettet. LaLiga-Boss Javier Tebas formulierte es Mitte Juli in der Gazzetta dello Sport unverblümt: Hätte Belgien verloren, wäre daraus ein Fall geworden, der den FIFA-Chef den Posten hätte kosten können. Tebas fordert offen den Rücktritt und nennt das System hinter Infantino an der Wurzel krank. Härter noch trifft er die Verbände, die hinter vorgehaltener Hand kritisieren und öffentlich schweigen: Er wisse nicht, ob Schweigen oder Komplizenschaft schlimmer sei.

Wer die Debatte auf „Hass“ reduziert, muss erklären, in welche Kategorie ein Ligapräsident fällt, der mit Namen und Gesicht dafür einsteht.

Warum der Zorn genau jetzt kommt

Das Timing ist kein Zufall. In der Woche vor dem Instagram-Beitrag hat sich die Lage für Infantino spürbar entspannt.

  • 24. Juli: Die IOC-Ethikkommission weist eine zehnseitige Beschwerde der Menschenrechtsorganisation FairSquare gegen Infantino zurück – nicht inhaltlich, sondern wegen fehlender Zuständigkeit. Jeder Fachverband sei unabhängig.
  • Wiederwahl: Laut Guardian haben mehr als 200 Verbände Unterstützungsschreiben für eine weitere Amtszeit unterzeichnet. Bindend sind sie nicht – aber ein Gegenkandidat für den Kongress am 18. März 2027 in Rabat ist bis heute nicht in Sicht.
  • Gegenwind aus Europa: Der DFB hat das Unterstützungsschreiben nicht unterzeichnet, der Schweizerische Fussballverband will seine bereits zugesagte Unterstützung noch einmal prüfen. Beides ändert an der Mehrheit nichts.

Ein Präsident, der um sein Amt fürchtet, teilt anders aus. Er sucht Verbündete, er räumt Fehler ein, er bietet Gespräche an. Infantino verteilt Meditationsempfehlungen. So klingt jemand, der bereits gezählt hat.

Souverän in der Mehrheit – dünnhäutig in der Debatte

Der FIFA-Präsident wird im März 2027 in Rabat wiedergewählt werden, mit oder ohne deutsche Unterschrift. Genau deshalb ist dieser Beitrag so aufschlussreich. Er musste ihn nicht schreiben. Er hatte nichts zu gewinnen und wenig zu verlieren – und wählte trotzdem den Ton des Gekränkten und den Kanal des Unangreifbaren.

Eine Institution, die Milliarden verwaltet, Turniere vergibt und über Sperren entscheidet, muss Widerspruch aushalten können, ohne ihn zu pathologisieren. Wer Kritik zu Hass erklärt, muss sie nicht mehr beantworten. Wer sie nur auf Instagram beantwortet, muss sich nie erklären, warum er sie sonst nirgends beantwortet hat.

Häufige Fragen zu Infantinos Abrechnung nach der WM 2026

Was genau hat Gianni Infantino gesagt?

In einem 15-teiligen Instagram-Beitrag eine Woche nach dem WM-Finale nannte Infantino das Turnier die herausragendste Weltmeisterschaft der FIFA-Geschichte. Kritikern warf er vor, „Hass und falsche Gerüchte“ zu verbreiten, und empfahl ihnen, zu meditieren, zu beten oder ein Fußballspiel zu schauen. Eine Pressekonferenz gab es nach dem Turnier nicht.

Warum steht der Fall Balogun im Zentrum der Kritik?

Die Rotsperre des US-Stürmers Folarin Balogun wurde aufgehoben, nachdem US-Präsident Donald Trump bei Infantino angerufen hatte. Balogun durfte im Achtelfinale gegen Belgien auflaufen. Der Vorgang nährte den Verdacht politischer Einflussnahme auf eine sportliche Entscheidung. Infantino verweist auf die formale Unabhängigkeit der FIFA-Rechtsorgane.

Gefährdet die Kritik Infantinos Wiederwahl?

Nach aktuellem Stand nicht. Der FIFA-Kongress wählt am 18. März 2027 in Rabat, ein Gegenkandidat hat sich bislang nicht erklärt. Laut Guardian haben über 200 Verbände Unterstützungsschreiben unterzeichnet – rechtlich unverbindlich, politisch eindeutig. Der DFB gehört nicht dazu.

Wie hat das IOC auf die Beschwerde gegen Infantino reagiert?

Die IOC-Ethikkommission wies die Beschwerde der Organisation FairSquare am 24. Juli 2026 zurück. Begründung: Governance-Entscheidungen eines internationalen Fachverbands fielen nicht unter den IOC-Ethikkodex. Eine inhaltliche Prüfung der fünf erhobenen Vorwürfe fand damit nicht statt. Infantino ist seit 2020 IOC-Mitglied.

Wer kritisiert Infantino aus dem Fußball selbst?

Am deutlichsten LaLiga-Präsident Javier Tebas, der in der Gazzetta dello Sport Infantinos Rücktritt forderte. Auch Vorgänger Sepp Blatter äußerte scharfe Kritik. Auf Verbandsebene verweigerte der DFB die Unterschrift unter das Unterstützungsschreiben, der Schweizerische Fussballverband prüft seine Zusage erneut.

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