Breel Embolo ist gefallen, ohne dass ihn jemand berührt hat. Daran zweifelt niemand, auch in der Schweiz nicht. Trotzdem hätte er dafür nicht vom Platz gestellt werden dürfen – zwei Wochen nach dem Viertelfinale steht das jetzt schriftlich.
Das International Football Association Board hat am Montag ein Rundschreiben an die Verbände verschickt. Darin stellt das oberste Regelgremium des Weltfußballs klar: Die „Mistaken Identity“-Klausel, über die der Videoassistent in Kansas City den Platzverweis herbeiführte, deckt diesen Fall nicht ab. Öffentlich einsehbar ist das Papier bislang nicht; berichtet hat darüber zuerst The Athletic.
Die 72. Minute von Kansas City
Zur Erinnerung an die Szene, die das Schweizer Turnier beendete. Dan Ndoye hatte in der 67. Minute zum 1:1 ausgeglichen, die Nati hatte das Momentum. Fünf Minuten später ging Embolo im Zweikampf mit Leandro Paredes an der Seitenlinie zu Boden, hielt sich das Bein, rollte über den Rasen.
Schiedsrichter João Pinheiro entschied auf Foul und verwarnte Paredes. Dann meldete sich der VAR mit dem Hinweis, es sei der falsche Spieler bestraft worden. Pinheiro ging an den Monitor, nahm die Gelbe Karte gegen Paredes zurück und gab sie stattdessen Embolo – wegen Schwalbe. Weil der Stürmer bereits in der ersten Halbzeit verwarnt worden war, war das Gelb-Rot. Argentinien traf in der Verlängerung zweimal, Endstand 3:1.
Was in dem Rundschreiben steht
Die entscheidende Passage ist kurz und eindeutig. Eine Verwarnung, die keine zweite Gelbe Karte ist, darf laut IFAB ausschließlich daraufhin überprüft werden, welcher Spieler das geahndete Vergehen begangen hat. Das Vergehen selbst darf dabei nicht neu bewertet oder geändert werden.
Genau das aber ist in Kansas City passiert. Aus einem Foul von Paredes wurde eine Schwalbe von Embolo – nicht dieselbe Tat mit einem anderen Täter, sondern eine komplett andere Bewertung derselben Szene. Der britische Journalist Ben Jacobs hatte das schon am Spieltag angezweifelt: Eine Verwechslung habe bei Pinheiro nie vorgelegen. Der habe sich schlicht geirrt.
| Regelwerk | Vorgesehen | In Kansas City |
|---|---|---|
| Was der VAR prüfen darf | Wer das Vergehen begangen hat | Ob überhaupt ein Vergehen vorlag |
| Was änderbar ist | Der bestrafte Spieler | Die gesamte Bewertung der Szene |
| Ergebnis | Karte wandert zum richtigen Spieler | Aus Foul wird Schwalbe, aus Gelb wird Gelb-Rot |
Warum das kein FIFA-Eingeständnis ist
Hier lohnt die Genauigkeit. Das IFAB ist nicht die FIFA. Ihm gehören die vier britischen Verbände und der Weltverband an, Sitz ist wie bei der FIFA Zürich. Und das Papier ist kein Schuldeingeständnis, sondern eine Grenzziehung für die Zukunft.
Das IFAB schreibt sogar, die Anwendung der Klausel gegen Schwalben sei bei der WM gut angekommen. Nur eben: Bis zur Überprüfung des gesamten VAR-Protokolls, die seit März läuft, darf sie so nicht mehr eingesetzt werden. Für spätere Wettbewerbe hält sich das Gremium die Tür ausdrücklich offen.
Die FIFA hatte diese Auslegung vor Turnierbeginn und noch einmal während der WM offensiv verteidigt – nach dem Fall Miguel Almirón im Spiel USA gegen Paraguay, in dem Tim Ream zunächst für ein Foul verwarnt wurde und am Ende der Paraguayer die Karte für eine Schwalbe sah. Dieselbe Mechanik, dasselbe Muster, nur ohne Viertelfinale als Bühne.
Der Ärger war sofort da
In der Schweiz brauchte es keine zwei Wochen für ein Urteil. SRF-Kommentator Sascha Ruefer schimpfte noch während der Übertragung: „Für mich ist das ein Skandal!“ Trainer Murat Yakin sprach von einer Regel, die das Spiel zerstört habe. Und Granit Xhaka sagte der Sportschau knapp: „Es war ein Gamechanger.“
Was dabei nicht untergehen sollte: Embolo hat sich fallen lassen. Die Zeitlupe ist eindeutig, das bestreiten selbst Schweizer Fans nicht. Wäre Pinheiro die Schwalbe direkt aufgefallen, wäre der Platzverweis regelkonform und unstrittig gewesen. Das Problem ist der Weg dorthin, nicht das Ziel.
Ein Rundschreiben ohne Öffentlichkeit – und ein Ergebnis, das bleibt
Die Schweiz verliert dadurch nichts und gewinnt nichts. Das Viertelfinale ist gespielt, der erste WM-Halbfinaleinzug der Verbandsgeschichte bleibt aus, Argentinien stand danach im Finale. Ein Wiederholungsverfahren gibt es im Fußball nicht, und das ist grundsätzlich auch richtig so.
Bleibt die Frage, warum eine Regelauslegung, die ein WM-Viertelfinale gedreht hat, erst nach dem Turnier präzisiert wird – und dann in einem Papier, das kein Fan lesen kann. Der Weltverband hat diese Praxis während der WM zweimal öffentlich für richtig erklärt. Korrigiert wurde sie jetzt still, per Rundschreiben, ohne Pressemitteilung. Für ein Gremium, das Transparenz von allen anderen einfordert, ist das eine bemerkenswerte Reihenfolge.

