Ein Training. Ein Dienstagnachmittag. Ein Spieler, der nicht spielen darf. Und trotzdem öffnete der Hamburger SV zum ersten Mal in der Geschichte des Volksparkstadions seine Nordtribüne für eine Übungseinheit – weil er wusste, dass die Trainingsplätze dem Andrang nicht standgehalten hätten.
Um 15.17 Uhr betrat die Mannschaft den Rasen. Mehr als 3.000 Menschen, so die Klubangabe, standen auf der Nordtribüne, andere Beobachter sprachen von mehreren Tausend. Trikots mit der 44, Fahnen, ein Banner auf Kroatisch: Die Reise sei lang gewesen, das Ziel rücke näher. Mario Vuskovic verbeugte sich, die Hände aneinandergelegt. Dann schoben ihn seine Mitspieler Richtung Stehplatzblock und ließen ihn das Aufnahmeritual für Neuzugänge über sich ergehen. Ein Neuer, der seit 2020 im Verein ist.
Warum ein Klub in der Krise einen Gesperrten feiert
Der Zeitpunkt ist bemerkenswert. Der HSV ist Bundesliga-Letzter, hat gegen Mainz und in Leipzig jeweils 0:5 verloren, Sportdirektor Claus Costa und Trainer Merlin Polzin hatten eine Woche der Inhalte angekündigt. Und dann stellen sie den ersten Tag dieser Woche in den Dienst eines Spielers, der wegen Dopings gesperrt ist und noch rund zwei Monate warten muss, bis er überhaupt eingesetzt werden darf.
Polzin begründete es schlicht: Man wolle Mario einen wertschätzenden Moment geben. Dahinter steckt mehr. Vuskovic ist für die HSV-Kurve seit 2022 eine Identifikationsfigur, deren Banner nie abgehängt wurde. „Free Vuskovic“ stand jahrelang im Stadion, als wäre er ein politischer Gefangener und kein Fußballer mit positiver EPO-Probe. Der Klub hat diese Erzählung mitgetragen – und erntet jetzt die Emotion, die er gesät hat.
Was der NDR ein „verstörendes Ereignis“ nennt
Nicht alle sehen das so. Der NDR-Kommentator sprach von einem verstörenden Ereignis. Man kann den Einwand verstehen: Ein Verein feiert einen Sportler, dessen Sperre wegen Dopings vom Internationalen Sportgerichtshof bestätigt wurde, mit einer Kulisse, die andere Bundesligisten für Pflichtspiele nicht zusammenbekommen. Das ist eine Botschaft. Ob es die richtige ist, darf man diskutieren.
Man kann aber auch sehen, was der Nachmittag für den Spieler war: 1.404 Tage ohne Mannschaftstraining, vier Jahre, in denen er von Bakery Jatta, Miro Muheim und Daniel Heuer Fernandes nur drei Mitspieler behalten hat. Der 24-Jährige hat in dieser Zeit weder aufgegeben noch den Verein gewechselt. Für die Fans ist das Loyalität. Für die Kritiker ändert es am Befund nichts.
Die sportliche Rechnung
Rein fußballerisch wäre ein fitter Vuskovic Gold wert. Zwei Mal 0:5 in einer Woche sind kein Zufall, sondern eine Defensive ohne Ordnung. Ob der Innenverteidiger nach vier Jahren Einzeltraining das Tempo der Bundesliga sofort mitgehen kann, weiß niemand – am wenigsten der HSV. Die 90min bringt das Nordderby gegen Bremen im November als mögliches Comeback-Datum ins Spiel. Das ist Spekulation, aber keine unplausible.
Bis dahin gilt: Vuskovic darf trainieren, nicht spielen. Der Volkspark hat ihn zurück. Die Bundesliga noch nicht. Und der HSV muss die Wochen bis dahin mit den Spielern überstehen, die am Dienstag neben ihm standen – und die am Samstag gegen Köln beweisen müssen, dass dieser Nachmittag mehr war als schöne Bilder.

