Ein Solo, ein Ausgleich, ein Finger, der über die Kehle fährt. Paris Brunner hat am Samstag in Straßburg in drei Sekunden alles gezeigt, was ihn seit Jahren begleitet: außergewöhnliches Talent und ein Temperament, das ihn immer wieder einholt.
Der Nationale Ethikrat des französischen Fußballverbands hat den Fall an die Disziplinarkommission der Profiliga LFP weitergereicht. Das ist der formale Weg – und das Ende einer Woche, in der Brunners Tor zum 1:1 der AS Monaco schnell zur Nebensache wurde.
Was passiert ist
71. Minute im Stade de la Meinau. Brunner erzielt mit einer sehenswerten Einzelaktion den Ausgleich, läuft in Richtung der Straßburger Fankurve und deutet einen Schnitt durch die Kehle an. Pfeifkonzert. Der Schiedsrichter greift nicht ein, es gibt keine Verwarnung. Erst die TV-Bilder machen daraus, was es jetzt ist: ein Fall für die Verbandsjustiz.
Brunner selbst spricht von Provokation. Fans hätten seine Familie, seine Mutter und seinen Vater beschimpft, er habe die Personen sehen können. Nach dem Tor seien viele Emotionen im Spiel gewesen. „Ich wollte nicht respektlos sein“, sagte der 20-Jährige.
Die Gretchenfrage: einschüchternd oder nur unvorbildlich?
Genau hier entscheidet sich das Strafmaß. Wertet die Kommission die Geste als bedrohliches oder einschüchterndes Verhalten, sind bis zu vier Spiele Sperre möglich. Sieht sie nur einen Verstoß gegen das Gebot vorbildlichen Verhaltens aus der Ethik-Charta, wäre es ein Spiel. Ethikrat-Präsident Frédéric Thiriez betonte gegenüber L’Équipe, sein Gremium bewerte den Fall nicht selbst – auch die Frage, ob überhaupt sanktioniert wird, liege bei der Kommission.
Der Kontext wird dabei eine Rolle spielen. Sollten sich Beleidigungen gegen Brunners Familie belegen lassen, ist das kein Freibrief, aber ein Milderungsgrund. Belegen muss es allerdings jemand.
Suspendiert, begnadigt, Sozialstunden: Brunner war schon einmal hier
Wer die Karriere des früheren U17-Welt- und Europameisters verfolgt hat, kennt die Geschichte. 2023 wurde er als bester Spieler der U17-WM ausgezeichnet – und im selben Herbst vom BVB aus disziplinarischen Gründen suspendiert. Im Wintertrainingslager danach folgte ein weiterer Vorfall, dann Sozialstunden in einer Kita. 2024 ging er nach Monaco, ohne je ein Profispiel für Dortmund gemacht zu haben.
Sportlich läuft es dort inzwischen. Das Tor in Straßburg war sein drittes Ligue-1-Tor der Saison, der fünfte Pflichtspieltreffer. Brunner ist auf dem Weg, der Spieler zu werden, den man 2023 in ihm sah. Der Weg wäre kürzer, wenn er ihn nicht immer wieder selbst verlängern würde.

