58 Prozent Ballbesitz, zehn Ecken, null Tore – und vier Gegentreffer. Al-Nassrs Auftakt in der AFC Champions League Elite liest sich wie ein Spiel, das man kontrolliert hat. Es war das Gegenteil.
Im Hazza-bin-Zayed-Stadion von Al-Ain kassierte der saudische Meister am Dienstagabend ein 0:4, das in seiner Deutlichkeit keinen Interpretationsspielraum lässt. Für Cristiano Ronaldo ist es die höchste Niederlage seit seinem Wechsel nach Riad im Januar 2023. Und für Trainer Ange Postecoglou ist es der erste Abend, an dem sein Projekt öffentlich Risse zeigt.
Zwei Brüder, ein Grieche – und ein Abwehrfehler zum Einstieg
Der Abend begann mit einem Patzer. Houssine Rahimi profitierte in der 25. Minute von einer unsortierten Al-Nassr-Defensive und schob ein. Der Marokkaner legte nach einer VAR-Überprüfung in der 63. Minute nach, sein Bruder Soufiane machte neun Minuten später das dritte Tor – und bereitete anschließend den vierten Treffer für Giorgos Giakoumakis vor. Familienbetrieb Rahimi, Gastarbeiter Giakoumakis, Feierabend für Al-Nassr.
Ronaldo selbst blieb blass. Sein einziger nennenswerter Moment war ein Freistoß in der Schlussphase, den Keeper Khalid Eisa parierte. Karrieretor Nummer 980 muss warten. João Félix war laut übereinstimmenden Spielberichten der einzige Gast, der so etwas wie Gefahr ausstrahlte – ein Satz, der über den Rest der Mannschaft mehr sagt als über ihn.
Postecoglou nimmt die Schuld – und das Problem bleibt
Der Australier stellte sich nach dem Spiel vor seine Spieler und übernahm die Verantwortung. Al-Nassr sei insgesamt schlecht gewesen, sagte er, und er wolle das nicht an einzelnen Akteuren festmachen. Das ist ehrenwert. Es beantwortet aber nicht die Frage, warum eine Mannschaft mit diesem Kader gegen einen Gegner, der in der eigenen Liga nach fünf Spielen ungeschlagen ist, in den Mittelfeldzweikämpfen so komplett unterging.
Die Statistik macht es nicht besser: Al-Nassr hat nur eines seiner letzten vier Spiele gewonnen. In der Saudi Pro League steht man mit fünf Siegen, einem Remis und einer Niederlage auf Rang drei – solide, aber weit entfernt von der Dominanz, die dieser Etat verlangt.
Das Turnier, das Al-Nassr noch nie gewonnen hat
Die asiatische Champions League ist für Al-Nassr eine offene Rechnung. Nie gewonnen, mehrfach spät gescheitert – 2024 flog man im Viertelfinale ausgerechnet gegen Al-Ain nach Elfmeterschießen raus. Dass der Gegner die Trophäe schon zweimal geholt hat, macht die Niederlage nicht schöner.
Acht Spieltage hat die Ligaphase. Sieben bleiben. Der nächste Gegner heißt Neftchi Fergana aus Usbekistan, Heimspiel am 12. Oktober. Das ist die Chance, den Abend von Al-Ain als Betriebsunfall abzulegen. Ob er einer war, entscheidet sich aber nicht gegen Fergana – sondern beim nächsten Gegner auf Augenhöhe.
Ronaldo ist 41. Er hat in dieser Karriere schlimmere Abende erlebt, auch mit höheren Ergebnissen. Neu ist, dass ihn ein solches Ergebnis in Asien erwischt, wo Al-Nassr eigentlich der Maßstab sein will. Wer mit dieser Kaderqualität in Al-Ain zu null verliert, hat kein Formproblem. Er hat ein Strukturproblem.

