Zwei Wochen nach dem Abschied von Vereinsikone Fatih Tekke hat Trabzonspor seinen neuen Trainer: Thomas Reis. Der 52-jährige Deutsche kommt von Ludogorets Rasgrad, landete am Dienstagabend im Privatjet in Trabzon und soll bereits am Samstag gegen Galatasaray auf der Bank sitzen. Der Vertrag ist bewusst kurz gehalten, die Ambitionen dahinter sind es nicht.
Vom Fernsehstudio in den Rücktritt
Die Vorgeschichte ist selbst für türkische Verhältnisse ungewöhnlich. Am 27. August verlor Trabzonspor das Rückspiel der Europa-League-Play-offs bei Ferencváros mit 0:4, nach 0:1 im Hinspiel das Aus. Noch im Stadion erklärte Tekke live im Fernsehen seinen Rücktritt, ohne die Vereinsführung vorher informiert zu haben. Er könne diese Niederlage nicht akzeptieren, Niederlagen gingen auf sein Konto, Siege auf das der Spieler. Der Vorstand lehnte den Rücktritt noch in der Nacht ab, sprach von einer emotionalen Entscheidung. Es half nichts: Nach einer weiteren Niederlage im Pokal bei Amedspor trennten sich beide Seiten am 1. September im gegenseitigen Einvernehmen. Tekke hinterlässt eine Bilanz von 61 Pflichtspielen und einem Punkteschnitt von 1,95.
Präsident Ertuğrul Doğan räumte diese Woche ein, dass es keinen Plan B gab. Man beobachte Spieler, keine Trainer, sagte er, man sei mit neuen Transfers in die Saison gegangen und habe an Tekke geglaubt.
Warum Reis
Die Wahl fiel auf einen Mann, den die Süper Lig kennt. Reis, geboren in Wertheim, führte den VfL Bochum 2021 in die Bundesliga, scheiterte danach auf Schalke und fand in Samsunspor eine Aufgabe, die zu ihm passte: 72 Pflichtspiele zwischen Juli 2024 und Februar 2026, 33 Siege, ein Punkteschnitt von 1,63 bei einem Klub ohne die Mittel der Istanbuler Großklubs. Im Juli übernahm er Ludogorets, den bulgarischen Serienmeister, und lieferte dort in elf Spielen sieben Siege bei nur einer Niederlage, die in der Conference-League-Qualifikation bei Hapoel Tel Aviv. Ein Schnitt von 2,18 Punkten, den Trabzonspor laut türkischen Berichten als entscheidendes Argument sah.
Für Ludogorets fließt eine Ablöse, Reis selbst soll beim Gehalt Abstriche gemacht haben, um den Wechsel möglich zu machen. Er wird der 45. Cheftrainer der Vereinsgeschichte und nach Jürgen Sundermann, Werner Biskup und Hans-Peter Briegel der vierte Deutsche auf dem Posten.
Ein Vertrag als Bewährungsprobe
Bemerkenswert ist die Konstruktion des Vertrags. Laut dem Portal 61saat läuft er zunächst nur bis zum Saisonende, als Probephase. Aus dem Klubumfeld heißt es, das sei ausdrücklich keine Notlösung: Stimmen Ergebnisse und Entwicklung, soll daraus ein langfristiges Projekt werden. Für einen Verein, der in den vergangenen Jahren Trainer im Halbjahrestakt verschlissen hat, ist das eine ehrliche Formel. Für Reis ist es eine Wette auf sich selbst.
Samstag gegen Galatasaray
Zeit zum Eingewöhnen bleibt keine. Sobald der Vertrag unterschrieben ist, steht Reis am Samstag im Papara Park gegen Galatasaray an der Linie, gegen den Meister und den Klub, an dem sich in der Türkei alles misst. Trabzonspor hat einen turbulenten Saisonstart hinter sich, dazu Berichte über Fitnessdefizite im Kader, die die neue Führung angehen soll. Doğan nannte den Kader diese Woche trotzdem meisterschaftsfähig. Wenn Reis am Samstag besteht, hat er in Trabzon schneller Kredit, als jeder Vertrag ihn geben könnte. Wenn nicht, weiß er, wie kurz die Geduld am Schwarzen Meer ist.

