90 Minuten mit Robert Lewandowski: Ein ganz normaler Arbeitstag?

Robert Lewandowski im Trikot des FC Bayern
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Spotlight | Am Samstagabend war Robert Lewandowski der Matchwinner des FC Bayern. Zwei Tore erzielte er gegen Borussia Dortmund. Wir haben ihn genau beobachtet. 

Wie immer, wenn es für den FC Bayern nach Dortmund geht, stand Robert Lewandowski auch an diesem Samstag im Fokus. Immerhin reifte er hier zwischen 2010 und 2014 zu einem Ausnahmestürmer. Dieses Mal wurde aber besonders auf den Polen geschaut. Am Montag wurde ihm erneut der Ballon d’Or verwehrt, die Auszeichnung zum besten Spieler der Welt ging zum siebten Mal an Lionel Messi.



„Wir sind immer noch schockiert“, sagte FCB-Vorstandsvorsitzender Oliver Kahn dazu vor dem Spiel bei Sky und betonte: „Mit 41 Toren. Was musst du eigentlich noch machen? Was musst du eigentlich noch machen als Spieler, als Stürmer, um diesen Preis zu gewinnen?“

Doch was genau macht Lewandowski alles innerhalb von 90 Minuten? 90PLUS hat ihn am Samstagabend beim 3:2-Sieg gegen den BVB genau unter die Lupe genommen.

Robert Lewandowski gegen den BVB

Vor dem Spiel ist Robert Lewandowski einer der wenigen Spieler, der sich mit langen Hosen warm macht. Es wirkt routiniert, wie er die Übungen durchführt. Lässig kaut er auf seinem Kaugummi herum, dehnt sich im Regen von Dortmund. Bundesligaspiel 364 steht an.

3. Minute. Das Spiel läuft und Lewandowski wittert die erste Gelegenheit. Kingsley Coman kommt über den rechten Flügel, Lewandowski attackiert blitzschnell und ansatzlos den kurzen Pfosten, doch der Ball kommt nicht an. Anders als seine Gegenspieler wäre er da gewesen.

5. Minute. Dem BVB gelingt durch Julian Brandt das 1:0. Lewandowski betrachtet die Szene von der Mittellinie. Er schaut zerknirscht, steckt das Trikot in die Hose und wirkt gelassen. Weiter geht’s.

9. Minute. Mats Hummels schießt als letzter Mann Thomas Müller an, der daraufhin alleine auf das Dortmunder Tor zuläuft. Hummels bindet den Münchner in einen Zweikampf, der Ball springt nach rechts, wo der mitlaufende Lewandowski ihn gedankenschnell und mustergültig mit der Brust mitnimmt. Im Strafraum angekommen, schaut er kurz hoch und passt den Ball förmlich mit der rechten Innenseite aus zwölf Metern präzise zum 1:1 ins rechte untere Eck. Lewandowski dreht ab, winkt mit dem Zeigefinger, baut sich vor dem BVB-Publikum auf und presst die Fäuste aneinander.

13. Minute. Lewandowski erhält rechts am Strafraum den Ball, bindet drei Gegner und legt mit dem Außenrist auf Leroy Sané, der drüber schießt. Währenddessen war der Stürmer bereits erwartungsvoll durchgesprintet. Es hätte ja einen Abpraller geben können, denn auch Abstauber sind eine Qualität.

23. Minute. Emre Can leistet sich in der Box einen katastrophalen Fehlpass. Kingsley Coman schließt zu hektisch ab. Lewandowski greift sich mit den Händen ins Gesicht, der Querpass zu ihm wäre die bessere Option gewesen.

34. Minute. Freistoß Bayern aus halblinker Position. Lewandowski steht wie versteinert am Sechzehnerrand, nur um im letzten Moment mit dem ersten Schritt zu explodieren. Der Gegner kommt nicht hinterher, doch die Hereingabe findet ihn nicht.

36. Minute. Lewandowski stoppt zehn Meter vor dem Strafraum lässig den Ball, lehnt sich zurück und steckt auf den heransprintenden Coman durch. Dieser vergibt. Dem BVB-Verteidiger Raphael Guerreiro ging alles zu schnell.

44. Minute. Alphonso Davies spielt von links flach in die Mitte, Lewandowski verspringt erstmals an diesem Abend ein Ball. Doch Guerreiro gerät in Panik, schießt Hummels ab und Coman bringt den Abpraller zum 2:1 im Tor unter. Der Pole ballt die Faust, trabt zur Jubeltraube.

Robert Lewandowski und die Spieler des FC Bayern feiern ein Tor gegen den BVB

(Photo by Joosep Martinson/Getty Images)

Halbzeit zwei: „Messi, Messi“ – Lewandowski ist’s egal

46. Minute. Seitenwechsel und Lewandowski ist direkt zur Stelle. Gegen vier Dortmunder versucht er den Ball zu behaupten und hat das Nachsehen. Der Stürmer möchte ein Foul gesehen haben, ist außer sich und schreit etwas in Richtung Schiedsrichter Felix Zwayer. Kurz darauf setzt er zum Pressing an, lässt seine Wut durch ein Foul an Can aus, dem er die Füße wegzieht. Eine Aktion, die seine Mitspieler wachrüttelte und den Takt vorgab.

50. Minute. Lewandowski läuft mit Tempo auf die BVB-Abwehr zu, verzögert dann kurz und steckt eigentlich im richtigen Moment auf Sané durch. Der Ball ist jedoch zu steil, er dreht frustriert ab.

73. Minute. Bei den Bayern läuft offensiv viel weniger nach vorne, an Lewandowski geht das Spiel in dieser Phase daher etwas vorbei. Eine Balleroberung im letzten Drittel, samt guter Vorlage führt schließlich zu einer Ecke. Und aus dieser resultiert nach Hummels‘ Handspiel ein Elfmeter!

78. Minute. Lewandowski schnappt sich selbstsicher die Kugel und legt sie sich auf dem Punkt zurecht. Er atmet tief durch, läuft wie immer nach einigen Schritten nach links an, setzt zu einem Zwischensprung und verwandelt im rechten unteren Eck. Etwas glücklich, denn der Ball war nicht ganz platziert, Gregor Kobel war dran. Der Torschützenkönig dreht an alter Arbeitsstätte erneute zum Jubeln ab.

83. Minute. Der BVB will aufbauen, Lewandowski startet eine Einmannpressingaktion, läuft aggressiv an, als wäre es die 1. Minute. Ein Signal für die Schlussphase.

84. Minute. Freistoß BVB. Lewandowski geht mit nach hinten, feuert an und versucht, zu organisieren. Der Standard bleibt ohne Folgen, im Anschluss wird Lewandowski von einem Dortmunder umgerannt. Er bleibt auf den Knien und diskutiert mit Zwayer, wenige Sekunden später ist er vorne und fordert bereits wieder den Ball.

90+4. Bayern versucht die zehnminütige Nachspielzeit herunterzuspielen. Immer wieder fordert Lewandowski den Ball, oder zeigt seinem Mitspieler den freien Raum, damit der Gegner nicht an das Spielgerät kommt.

90+7. Freistoß für die Münchner von der linken Strafraumecke, der Ball geht knapp drüber. Die BVB-Fans reagieren hämisch mit „Messi Messi“-Rufen. Lewandowski scheint das nicht zu interessieren. Der anstehende Sieg, zwei Tore und mittlerweile 26 Tore gegen seinen alten Arbeitgeber sind seine Antwort. Gegen keinen Klub hat er öfter getroffen.

90+9 Ecke Dortmund. Lewandowski geht mit in den Strafraum, verteidigt den letzten Angriff der Hausherren. Eine „Winner-Aktion“, wie es Nagelsmann später nennen sollte.

90+10. Zwayer pfeift ab. Lewandowski klatscht, bleibt stehen und ballt beide Fäuste. Standesgemäß geht er zu Gegnern und Mitspielern. Denn das war es schon mit den großen Emotionen.

Ein ganz normaler Tag?

Es scheint, als wäre es für Lewandowski ein Arbeitstag wie so viele andere gewesen. Vielleicht ist auch das der Grund, wieso die Allgemeinheit seinen Leistungen und Tore nicht mehr so sehr würdigt: sie sind zur Gewohnheit geworden.

„Sehr gut“ sagte Julian Nagelsmann zur Vorstellung seines Stürmer und betonte, dass damit eben nicht nur die Saisontore 15 und 16 gemeint sind. Nicht nur der unendliche Hunger, die Antizipation, die für sein Alter absurde Explosivität und die berüchtigte Abschlussstärke, die ihn so torgefährlich machen. Nagelsmann sah die Reife, die Coolness, mit der er an alter Wirkungsstätte aufspielte und voranging. Die Spielintelligenz, mit der er für seine Mitspieler Räume schaffte oder sie einsetzte. Das Verantwortungsbewusstsein, das ihn nicht nur offensiv sondern auch defensiv zu einem Leader des Rekordmeisters macht.

Selbst an einem für seine Verhältnisse normalen Arbeitstag war es faszinierend Robert Lewandowski zu beobachten und all die Kleinigkeiten zu sehen, die ihn zum komplettesten Stürmer der Welt machen. Mit Ballon d’Or oder ohne.

von Chris McCarthy

(Photo by Sebastian Widmann/Getty Images)

Chris McCarthy

Gründer und der Mann für die Insel. Bei Chris dreht sich alles um die Premier League. Wengerball im Herzen, Kick and Rush in den Genen.

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