Robert Andrich war in der vergangenen Saison Kapitän von Bayer 04 Leverkusen, nun steht der 31-Jährige beim Bundesligisten praktisch ohne sportliche Perspektive da. Auch der Verkauf seines Mittelfeldkonkurrenten Exequiel Palacios an Ipswich Town hat daran nichts geändert: Trainer Carles Martínez Novell stellte am Freitag unmissverständlich klar, dass sich an Andrichs Situation nichts ändert.
Martínez bleibt hart: „Ich rede nicht mit ihm“
Auf die Frage, ob Palacios‘ Abgang die Lage für Andrich verbessere, antwortete der spanische Trainer ausweichend bis eindeutig zugleich: „Ehrlich gesagt, rede ich nicht mit ihm.“ Die Einschätzung zu Andrich sei „zum jetzigen Zeitpunkt dieselbe“, so Martínez weiter, der ergänzte, er könne seine Haltung schon deshalb nicht ändern, weil Andrich zuletzt gar nicht gespielt habe. Das Pokalspiel bei Drittligist SV Wehen Wiesbaden, das Bayer mit 4:0 gewann, verfolgte der Mittelfeldspieler nur von der Tribüne – nach eigener Aussage aus eigener Initiative angereist.
Hintergrund ist eine Oberschenkelverletzung, die sich Andrich vor rund drei Wochen kurz nach seiner Einwechslung beim 2:1-Sieg gegen den FC Sevilla zugezogen hatte.
Vom Kapitän zur Randfigur
Die Degradierung ist keine Randnotiz: Mit dem Trainerwechsel zu Martínez wurde Andrich die Binde bereits vor dem Saisonauftakt entzogen – künftig führt Edmond Tapsoba die Mannschaft an, mit Torjäger Patrik Schick als Stellvertreter. Martínez begründete den Schritt bereits vor rund einer Woche damit, er wolle „ehrlich“ mit Andrich umgehen: Dieser nehme im Mittelfeld zunächst eine Nebenrolle ein und „verdiene es, das zu wissen“.
Sportlich fügt sich das in einen größeren Umbau: Unter dem vorherigen Trainer Kasper Hjulmand war Andrich in der abgelaufenen Saison überwiegend als Teil einer Dreierkette in der Abwehr eingesetzt worden und kam dabei auf 46 Pflichtspieleinsätze. Mit Martínez‘ Umstellung auf eine Viererkette fällt diese Rolle nun offenbar weg, während Andrichs Profil als robuster, aber nicht besonders schneller Sechser für die Position im zentralen Mittelfeld derzeit nicht gefragt zu sein scheint.
Der Palacios-Verkauf ändert nichts
Eigentlich hätte der Abgang von Exequiel Palacios, der den Klub nach sechseinhalb Jahren für eine Ablöse von rund 22,5 Millionen Euro plus Bonuszahlungen fest zu Ipswich Town verlassen hat, Andrich neue Argumente liefern können. Zumal auch Nachwuchsspieler Kennet Eichhorn laut Klubangaben wegen einer Stoffwechselstörung derzeit nicht zur Verfügung steht. Doch Martínez ließ am Freitag keinen Interpretationsspielraum: „Aber bei Andrich ist die Situation für mich jetzt genau dieselbe.“ Der Klub plant dem Vernehmen nach nicht, auf der Sechserposition zusätzlich nachzurüsten, sollte Andrich bleiben – eingeplant wäre er dabei aber offenbar trotzdem nicht.
Wettlauf gegen die Zeit
Für Andrich, dessen Vertrag eigentlich bis 2028 läuft, wird die Zeit knapp: Am kommenden Dienstag schließt das deutsche Transferfenster. Laut Martínez soll dann mit „allen“ gesprochen werden, „wenn alles klar ist“. Bayer selbst soll nach übereinstimmenden Medienberichten einen Verkauf anstreben und im Gegenzug einen anderen defensiven Mittelfeldspieler bevorzugt auf Leihbasis verpflichten wollen.
Bemerkenswert ist dabei die Entwicklung der vergangenen Wochen: Noch vor rund drei Wochen hatte Andrich selbst öffentlich betont, einen Wechsel nicht forcieren zu wollen, solange ihn „niemand vom Hof jagt“ oder er selbst das Bedürfnis nach einem Neuanfang verspüre – dies, nachdem bereits im Sommer Interesse von Eintracht Frankfurt kursiert war, das Andrich damals ausschlug, um in Leverkusen um seinen Platz zu kämpfen. Von dieser Gelassenheit ist nach der öffentlichen Klarstellung durch Martínez wenig geblieben.
Einordnung
Für Andrich, der seit seinem Wechsel von Union Berlin 2021 zu den verlässlichsten Profis der Werkself zählte und maßgeblich am Double-Gewinn 2024 beteiligt war, wäre ein Abschied ohne sportliche Zukunftsperspektive eine ungewöhnliche Zäsur. Sollte sich bis Dienstag kein neuer Klub finden, drohte ihm nach eigenem Bekunden des Trainers zumindest vorerst die Zuschauerrolle im Training – ein Szenario, das es in dieser Deutlichkeit seit seinem Wechsel nach Leverkusen noch nicht gegeben hat.

