Bayern-Revanche oder erneute Gladbach-Überraschung? Das Streitgespräch

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Am Samstagabend findet in der Bundesliga das Topspiel zwischen dem FC Bayern und Borussia Mönchengladbach in der Allianz Arena statt. Beide Mannschaften sind gut in die neue Saison gestartet, zudem haben die Fohlen den Rekordmeister zuletzt häufig geärgert. 

Gladbach überraschte Bayern zuletzt häufig

1:1, 5:0, 2:1: So lauteten die Ergebnisse aus Sicht von Borussia Mönchengladbach in der letzten Saison gegen den FC Bayern. Das ist absolut nicht gewöhnlich, der Kantersieg im Pokal war ein „once in a lifetime“-Spiel, beim 2:1-Erfolg in der Allianz Arena war der Rekordmeister sichtlich coronageplagt. Aber es zeichnete sich in den letzten Jahren ein Trend ab, wenn die Borussia auf den FC Bayern traf.



Die letzten zehn Spiele in der Bundesliga geben Aufschluss darüber. Fünf diese zehn Partien gingen an Borussia Mönchengladbach, zwei davon in der Allianz Arena. Eine Partie endete Remis, viermal ging der Rekordmeister als Sieger vom Platz. Hinzu kam noch das Pokalspiel in der Vorsaison, das die Bilanz noch mehr in Richtung der Fohlen drückt. 

Der Revanchegedanke der Gastgeber dürfte also sehr präsent sein. Vorsicht ist aber geboten, denn Gladbach wirkt unter dem neuen Trainer sehr zielstrebig und gefestigt, zu viele Räume dürfen dem Gast nicht offenbart werden. Die Balance zu finden und der Mannschaft trotzdem ihre offensive Flexibilität zuzugestehen wird für Julian Nagelsmann (34) die große Aufgabe sein.

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FC Bayern bestätigt seine gute Form: Sieg gegen Gladbach

6:1 Frankfurt, 2:0 Wolfsburg, 7:0 Bochum. So liest sich der Start des FC Bayern in die Bundesligasaison 2022/23. Neun Punkte und eine Tordifferenz von +14 nach drei Spieltagen sind neuer Bundesligarekord. Eigentlich könnte man den Cancan in der Allianz Arena dieser Tage auch in Dauerschleife laufen lassen.

Man merkt sofort, wie wohl sich die Mannschaft im von Julian Nagelsmann etablierten 4-2-2-2 fühlt, besonders die Mittelfeldspieler und Angreifer, die in Ballbesitz ständig untereinander rotieren. Einmal Tempo aufgenommen, sind ihre One-Touch-Kombinationen nur sehr schwer zu verteidigen. „Ihre Pfeile kommen von überall: Links, rechts, halblinke Bahn, halbrechte Bahn, zentral. Wahnsinn, echt Wahnsinn“, brachte es RB-Trainer Domenico Tedesco nach dem 3:5 im Supercup bei Sky auf den Punkt. Der Gegner weiß nie, worauf er sich als nächstes einzustellen hat.

Jetzt gibt es vorne zwar keinen Robert Lewandowski mehr, dafür ist jeder im Mittelfeld und Angriff in der Lage, Tore zu schießen. Auch Ausfälle lassen sich durch das neue System viel besser kompensieren. Während in den vergangenen Jahren bei einer Lewandowski-Verletzung fünf vor Armageddon war, weil Eric Maxim Choupo-Moting – bei allem Respekt – kein gleichwertiger Ersatz ist und so auf einen Schlag 30-40 Prozent der eigenen Treffer wegfielen, kommen nun Leroy Sané und Kingsley Coman für die angeschlagenen Jamal Musiala sowie Serge Gnabry in die Mannschaft – und der FC Bayern erzielt sieben Tore in Bochum.

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Photo by SASCHA SCHUERMANN/AFP via Getty Images

Besonders dieser Aspekt dürfte Julian Nagelsmann in puncto Belastungssteuerung erfreut haben. Mit der Weltmeisterschaft im Winter ist es noch wichtiger als ohnehin, zu rotieren. Wenn das nahezu ohne Qualitätsverlust geschieht, wird dadurch auch der interne Konkurrenzkampf neu angefacht und das Level innerhalb der Mannschaft bleibt hoch.

Kingsley Coman ist ein gutes Beispiel dafür. In Bochum durfte er nach seiner Drei-Spiele-Sperre vom 33. Spieltag der Vorsaison, als er Dinos Mavropanos ohrfeigte, seinen ersten Einsatz dieser Spielzeit verbuchen. Vereinzelt kamen Fragen auf, wie der klassische Flügelspieler Coman in die Mannschaft passen würde, jetzt, wo es „seine“ Position nicht mehr wirklich gibt. Der Franzose beantwortete sie mit einem Tor, zwei Assists und dem herausgeholten Elfmeter zum zwischenzeitlichen 0:5. Gerade daran sieht man, dass es momentan kaum Spieler gibt, die im neuen Bayern-System fehl am Platz wirken oder sich schwertun. Coman selbst, der bereits in der Vergangenheit des Öfteren gute Leistungen zeigte, diese allerdings zu selten in Zählbares umzumünzen wusste, wird diese Performance sicherlich auch Auftrieb geben.

Diese ganzen Faktoren spielen in die positive Energie hinein, die Julian Nagelsmann nach dem Spiel in Bochum bei DAZN ausmachte. Das Bayern-System ist wesentlich weiter in seiner Entwicklung, als das der Borussia aus Mönchengladbach. Gerade auf Schalke konnte man die Schwachstellen erkennen. Jedes Mal, wenn Königsblau mit Tempo umschaltete, wurde es für die Gladbacher sofort gefährlich. Das 1:0 durch Rodrigo Zalazar war die logische Konsequenz. Bis auf ein paar wackelige Schalker Minuten, die die Borussia zu zwei Treffern ausnutzte, zeigten sie sich auch in der Offensive weitestgehend ideenlos. Hertha hätte, mit etwas mehr Konsequenz über die schnellen Chidera Ejuke und Dodi Lukébakio ebenfalls eigene Treffer forcieren können. In München erwartet sie gefühlt die dritte oder vierte Potenz dieses Spiels. Bei allen positiven Ergebnissen der Vorsaison gibt es dafür nur einen Ausgang.

Victor Catalina

Die Fohlen können den Branchenprimus schon wieder ärgern!

Borussia Mönchengladbach ist die einzige Mannschaft, die in den jüngsten zehn Bundesligaduellen mit dem FC Bayern München eine positive Bilanz vorweisen kann. Die Borussia holte fünf Siege bei einem Remis und vier Niederlagen. Aber, wie Gladbachs Trainer Daniel Farke richtigerweise anmerkte: „Für vergangene Erfolge können wir uns nichts kaufen.“

Wirft man einen nüchternen Blick auf die ersten drei Spiele der Bayern, wirkt ein flammendes Plädoyer für einen erneuten Gladbacher Sieg in der Allianz Arena unweigerlich naiv. Denn „München ist das formstärkste Team vielleicht in ganz Europa. Bislang konnte niemand Paroli bieten“, sagte Farke. Da, sagte er weiter, brauche es „gesunden Realismus“, denn „das ist vielleicht die größte Herausforderung im europäischen Fußball im Moment.“

Alles wahr, alles richtig, Bayern ist in der noch jungen Saison der furchteinflößendste Gegner im europäischen Fußball. Aber, klammheimlich, hat in der Bundesliga auch eine andere Mannschaft einen fast makellosen Start hingelegt: Borussia Mönchengladbach. Mit Farke kehrten die Fohlen zum geliebten Ballbesitzfokus zurück. Mit 59 Prozent hatten sie in den ersten drei Spielen den dritthöchsten Ballbesitzwert, hinter Bayern und Leipzig. In Sachen Passsicherheit (87,1 Prozent) liegen die Gladbacher auf Platz 2, nur Bayern passt sicherer. Die beiden Mannschaften, die in dieser noch jungen Saison am besten mit dem Ball umgingen, treffen also aufeinander.

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Photo by INA FASSBENDER/AFP via Getty Images

Erkennbare Schwächen offenbarte sich bei den Bayern in dieser Saison noch nicht. Ohne Lewandowski wirkten sie wie eine Tiefenläufe-Hydra, flexibel und nicht auszurechnen. Aber mit Frankfurt, Wolfsburg und Bochum trafen die Bayern noch auf keine Mannschaft mit einer ausgefeilten, sicheren und nahezu gleichwertigen Struktur im Ballbesitz. Auch wenn Gladbach am Ende der 90 Minuten den Ball seltener haben wird als der Rekordmeister, werden sich im Spiel Phasen einstellen, in denen Gladbach das Tempo vorgibt, den Ball dominiert. Was macht Bayern dann? Die Fohlen werden Bereiche der Bayern testen, die bisher noch nicht auf dem Prüfstand waren. Erstens: Wie wird das hohe Pressing und giftige Gegenpressing der Bayern gegen Positionsspiel par excellence greifen? Zweitens, da wird auch Bayern in manchen Phasen nicht umherkommen: Wie ist die Ordnung der Bayern, wenn sie als tieferer, kompakter Block verteidigen?

Gladbach wirft Bayern etwas von der eigenen Medizin entgegen – und wenn es einem Bundesligisten aktuell zuzutrauen ist, den Bayern Paroli zu bieten, dann ist es zweifellos die Borussia. Und zwar die, die nicht aus Dortmund kommt.

Florian Weber

Photo by Lars Baron/Getty Images

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