Weißt du noch? 01.07.2006 – Als Zidane gegen Brasilien zauberte

Brasilien Zidane
Weißt du noch...? WM-Spezial

Die Weltmeisterschaft steht vor der Tür und so langsam, aber sicher steigt die Spannung und Vorfreude. Um die Zeit bis zum Turnierbeginn zu überbrücken, werden in den kommenden Tagen historische WM-Persönlichkeiten und großartige Spiele aus der Vergangenheit rekapituliert. Heute ist das Viertelfinale Brasilien gegen Frankreich bei der WM 2006 in Deutschland dran. Das Spiel kann durchaus als Klassiker betrachtet werden und das liegt im Grunde nur an einem Mann: Zinédine Zidane.

Dieser Artikel erschien erstmals am 10. Juni 2018.

Brasilien: Spielerisch mäßiger Topfavorit

Brasilien galt vor Turnierbeginn als der Topfavorit auf den Titel. Die Erwartungen an die Seleção waren exorbitant hoch. In der Gruppenphase enttäuschten sie dann. Sie wurden zwar Erster in der Gruppe F, aber spielten keinen Fußball zum Verlieben. Angesichts des starken Kaders war das Auftreten der Mannschaft wirklich behäbig. Gegen Kroatien (1:0) und Australien (2:0) taten die Südamerikaner nur das Nötigste. Beim 4:1-Sieg gegen die japanische Auswahl konnte man zumindest zum ersten Mal die Offensive ein wenig zaubern sehen. Doch im Achtelfinale gegen Ghana zeigten die Brasilianer wieder ihr Gesicht aus den ersten beiden Spielen. Nur dank der schwachen Chancenverwertung konnten die Afrikaner das Spiel nicht spannender gestalten. Vorne machte der Titelverteidiger dann standesgemäß drei Tore und qualifizierte sich für das Viertelfinale.

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(Photo credit should read JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images)

Frankreich: Große Probleme in der Gruppenphase

Auch die Franzosen hatten so ihre Probleme zu Beginn der Weltmeisterschaft. Frankreich wurde in der Gruppe G Zweiter hinter der Schweiz und konnte froh sein es überhaupt bis ins Achtelfinale geschafft zu haben. Nach einem 0:0 gegen die Eidgenossen und einem 1:1 gegen Südkorea stand man vor dem letzten Spiel gegen Togo gehörig unter Druck. Gegen die Afrikaner konnte man sich letztendlich mit 2:0 durchsetzen und noch an Südkorea vorbeiziehen. Wirklich überzeugen konnte man jedoch nicht. Dies war dann jedoch im Achtelfinale gegen die zuvor extrem starken Spanier der Fall. Nach Rückstand drehten die Franzosen, angeführt von ihrem Kapitän Zinedine Zidane, die Partie noch zu einem 3:1-Sieg.

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Erste Halbzeit: Kaum Chancen für Brasilien und Frankreich

Die Partie im Frankfurter Waldstadion begann furios. Schon nach wenigen Sekunden zeigt Zidane bei einem Dribbling seine Klasse. Zunächst ließ er Zé Roberto und Juninho nach einer Balleroberung von Franck Ribéry mit einer cleveren Bewegung hinter sich und ging dann mit einem Übersteiger an Gilberto Silva vorbei. Daraus entstand dann keine gefährliche Situation, weil Zidanes Pass ins Leere ging. Das war dann auch schon exemplarisch für die gesamte erste Halbzeit. Die Équipe Tricolore wirkte wacher und verteidigte die Star-Offensive um Ronaldinho, Ronaldo und Kaká sehr aggressiv. Die Brasilianer hatten über die gesamte Spieldauer große Probleme mit dem physischen Spiel der Franzosen. Claude Makélélé und Patrick Vieira machten das Zentrum komplett dicht und ließen vor allem Kaká keine Sekunde Ruhe. Nur Ronaldinho schaffte es sich paar Mal den Bewachern zu entreißen und das Spiel gut zu verlagern. Gefährlich wurde es für die Franzosen jedoch nie.

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(Photo by Ben Radford/Getty Images)

In der ersten Hälfte gab es schlichtweg keine Torchancen. Die Mannschaft von Raymund Domenech verteidigte sehr strukturiert und mit viel Leidenschaft gegen uninspirierte Brasilianer. Sie versuchten alles mögliche, aber fanden einfach nicht ins Spiel. Es wurden viele lange Bälle auf Ronaldo geschlagen, der dann mit William Gallas und Lilian Thuram zwei sehr unangenehme Gegenspieler hatte, die ihn komplett aus dem Spiel nahmen. Außer diverser Ecken, die ins Nichts führten, hatte die Seleção nichts zu melden. Hinten zeigte sich die Abwehr jedoch das ein oder andere Mal vogelwild, wenn es darum ging Standards zu verteidigen. Die Franzosen konnten das Chaos im Strafraum jedoch nicht nutzen um in Führung zu gehen.

Man kann jedoch sagen, dass Frankreichs Plan aufging. Ihre Spielanlage wirkte reifer und je länger die Partie dauerte desto spielbestimmender wurden die Franzosen. Und fast jeder Angriff lief über die Nummer 10. Zizou bestimmte das Tempo und kontrollierte das Mittelfeld nach Belieben. Mit jedem Pass und jeder Bewegung wurde er stärker. Der damals 34-Jährige zeigte all sein Können und setzte seine Mitspieler des Öfteren stark in Szene.

Wie er immer wieder den Ball über die gegnerischen Spieler hob, ihn aus der Luft pflückte und danach sofort weiterleitete, war an Eleganz nicht zu überbieten. Nie zur Demütigung gedacht, sondern einfach die beste Option für die jeweilige Situation. Kurz vor dem Pausenpfiff war es dann auch wieder Zidane, der Tempo aufnahm und zunächst Lucio und dann Gilberto Silva aussteigen ließ, um den Ball danach an Zé Roberto vorbei Richtung Vieira durchzustecken. Dieser wurde nur noch im letzten Moment durch ein Foul von Juan gestoppt. Die Brasilianer konnten froh sein, dass sie in die Kabine durften. In den letzten Minuten funktionierte bei den Südamerikanern einfach nichts mehr.

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(Photo by DANIEL GARCIA/AFP via Getty Images)

Zweite Halbzeit: Zidane führt Brasilien vor

Beide Mannschaften wollten dann zum Beginn der zweiten Hälfte den Druck erhöhen. Während bei den Brasilianern nur Ronaldinho ansatzweise Normalform hatte, wurden die Franzosen allesamt immer stärker. Angeführt von Zidane schaffte es die Équipe Tricolore das Spiel immer mehr an sich zu reißen. Sie überstanden auch die ersten paar Minuten ohne großartige Probleme. Die Mannschaft von Carlos Alberto Parreira hingegen wirkte immer ratloser und frustrierter. Nachdem Zidane diesmal Ronaldo im Mittelfeld locker ausspielen konnte, wurde der von ihm geschickte Florent Malouda unnötig gefoult. Den Freistoß übernahm der 34-Jährige und brachte den Ball wunderschön in den Rücken der Abwehr. Dort konnte der völlig alleingelassene Thierry Henry ihn per Direktabnahme zum 1:0 unter die Latte schießen. Der verdiente Führungstreffer.

Brasilien

(Photo by Ben Radford/Getty Images)

Eigentlich hätte man jetzt mit einer Drangphase und wütenden Angriffen der Seleção gerechnet, aber daraus wurde nichts. Defensiv ließen die Franzosen weiterhin nichts zu und vorne beschäftigten Henry und der junge Ribéry die Verteidigung um Kapitän Cafú. Im Mittelfeld war alles beim Alten. Zidane spielte weiter den Dirigenten. Sobald er am Ball war ging ein Raunen durchs Frankfurter Stadion. Von den Fans gab es Szenenapplaus als er (mal wieder) seine Gegenspieler stehen ließ. Das Mittelfeld um Gilberto Silva konnte einem schon fast leid tun.

An diesem Tag hätte es vermutlich niemand geschafft Zidane zu stoppen. Zumindest mit fairen Mitteln. Denn die Brasilianer begannen Mitte der zweiten Hälfte Frustfouls zu begehen. Es nervte sie wie Willy Sagnol, Eric Abidal und vor allem Makélélé und Vieira bis zum Schluss an ihnen hafteten. Sie hatten schlichtweg kein Platz zum Atmen und konnten ihr Spiel nicht entfalten. Erst in der 91. Minute konnten sie zum ersten Mal einen Schuss aufs Tor bringen. Doch auch diese kurze Drangphase überstanden die Franzosen ohne Probleme. Sie hätten die Partie schon früher durch Konter entscheiden können, aber ein Tor reichte gegen diese uninspirierte brasilianische Auswahl. Dieses Viertelfinale war das erste WM-Spiel seit dem Finale 1998, das sie nicht gewinnen konnten, damals wurden sie von Frankreich mit 3:0 besiegt – und auch damals brillierte Zidane mit zwei Treffern.

Brasilien Frankreich

(Photo by DANIEL GARCIA/AFP via Getty Images)

Weiterer Verlauf: Zidane – der König verhindert selbst die Krönung

Zidane war mal wieder eine Nummer zu groß für Brasilien. Dieses Mal trat er jedoch als Routinier auf Abschiedstour auf, der sich noch einmal in den Dienst der Nation stellte und mit ihr Geschichte schreiben wollte. Zuvor war er nach der EM 2004 eigentlich schon zurückgetreten, aber als die Franzosen in der WM-Quali strauchelten, kam er zurück und führte sich nicht nur zur WM, sondern auch ins Finale. Er war nicht mehr der laufstärkste oder schnellste Spieler, aber durch sein cleveres Stellungsspiel konnte er dies kompensieren. Am Ball war er nach wie vor ein Genie. Sein 106. Länderspiel war einer der letzten großen Auftritte einer Legende. Diese Leistung geriet leider durch seinen Platzverweis im Finale von Berlin ein wenig in Vergessenheit.

Zuvor hatte Zidane in seinem letzten Spiel als Profi die Franzosen gegen Italien mit einem Elfmeter nach wenigen Minuten in Führung gebracht. Die Italiener schlugen schon kurz darauf durch einen Kopfballtreffer von Marco Materazzi zurück. Die beiden Torschützen standen auch in der Verlängerung im Fokus, als sich Zidane nach einer Provokation des Verteidigers zu einer Tätlichkeit hinreisen ließ. Seine grandiose Karriere endete somit unrühmlich, der Moment als der vom Platz schleichende Weltstar den WM-Pokal mit gesenktem Haupt passierte, sollte in die Geschichte eingehen. Die Franzosen unterlagen letztendlich im Elfmeterschießen. Zidane wurde im Anschluss dennoch zum besten Spieler des Turniers ausgezeichnet. Die ultimative Krönung, nach 1998 der zweite Weltmeister-Titel seiner Karriere, blieb der Legende jedoch verwehrt – was er sich größtenteils auch selbst zuzuschreiben hatte.

Zidane Brasilien

(Photo by ROBERTO SCHMIDT/AFP via Getty Images)

Schema

Brasilien: Dida – Cafú (76. Cicinho), Lucio, Juan, Roberto Carlos – Kaká (79. Robinho), Gilberto Silva, Juninho (63. Adriano), Zé Roberto – Ronaldinho, Ronaldo

Frankreich: Barthez – Sagnol, Thuram, Gallas, Abidal – Vieira, Makélélé – Ribéry (77. Govou), Zidane, Malouda (81. Wiltord) – Henry (86. Saha)

Tor: 0:1 Henry (57.)

(Photo by Michael Steele/Getty Images)

Damian Ozako

Als Kind von Tomas Rosicky verzaubert und von Nelson Haedo Valdez auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht worden. Geblieben ist die Leidenschaft für den (offensiven) Fußball. Seit 2018 bei 90PLUS.

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