Bundesliga | RB Leipzig unter Domenico Tedesco: Kleine Änderungen – große Zukunft?

RB Leipzig Domenico Tedesco
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Spotlight | Zwar kam RB Leipzig vergangenes Wochenende nicht über ein 1:1 gegen den SC Freiburg hinaus. Doch die Entwicklung unter Domenico Tedesco ist trotzdem klar sichtbar – und könnte zu den ersten großen Titeln der Vereinshistorie führen.

In die Zukunft geht es nur vorwärts: Tedesco knüpft an Nagelsmann an

Trainerentlassungen sind am Leipziger Cottaweg rar gesät. Man muss bis in den Februar 2015 zurückgehen, um fündig zu werden. Nach einem 0:2 am 20. Spieltag in Aue, verbunden mit Platz 7 in der 2. Bundesliga sowie fünf Zählern Rückstand auf den Relegationsaufstiegsplatz trennte sich der Aufsteiger von Alexander Zorniger. Es übernahm Achim Beierlorzer.

In den folgenden sieben Jahren hat sich viel geändert, die Gegner heißen nun nicht mehr Aue, FSV Frankfurt oder VfR Aalen, auch die Mannschaft hat sich qualitativ ein ganz klein wenig verbessert. Trotzdem gibt es noch Parallelen. Niederlage bei einem Ostklub, diesmal Union Berlin (1:2), Sturz ins Tabellenmittelfeld (Platz 11), fünf Zähler Rückstand auf das Saisonmindestziel Europa. Und abermals übernahm Achim Beierlorzer.

 



 

Mit einem 2:1 gegen Manchester City feierte er gleichzeitig seinen Ein- und Ausstand. Viele Namen wurden als Nachfolgeoptionen gehandelt. Allen voran erneut der Coach von RB Salzburg, Matthias Jaissle. Auch Roger Schmidt, Edin Terzić oder Lucien Favre galten als potentielle Kandidaten. Die Wahl fiel letztendlich auf Domenico Tedesco. Ein Name, der ein wenig überraschend kam, wurde mit der Verpflichtung von Jesse Marsch der Weg zurück zu den Leipziger Wurzeln, zu mehr Vollgas-Pressingfußball, propagiert.

Nach dessen Entlassung musste man einsehen, dass es für Leipzig kein „Zurück in die Zukunft“ gibt, sondern nur eine Fortsetzung der erfolgreichen Arbeit von Julian Nagelsmann. Genau darauf ist der Kader auch ausgelegt: mehr Phasen des schnellen, dominanten Ballbesitzfußballs, des Kreierens und weniger Momente des reinen Reagierens.

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Hierarchie und Effizienz: Tedescos kleine Stellschrauben mit großer Wirkung

Viel hat Tedesco nicht geändert. Wie Nagelsmann und Marsch lässt auch er in den allermeisten Fällen in einem Dreierkettensystem spielen. Das allerdings mit wesentlich klarerer Rollenverteilung. Rotierte Marsch noch regelmäßig in großem Stil durch, was ihm bei ausbleibendem Erfolg auch öfter als tinkering ausgelegt wurde, war es eine der ersten Amtshandlungen von Tedesco, einen klaren Mannschaftskern zu etablieren und das Team von innen heraus zu stärken.

So sind die beiden Neuzugänge Joško Gvardiol und Mohamed Simakan an der Seite von Willi Orban gesetzt, genauso wie Konrad Laimer und Kevin Kampl im Mittelfeldzentrum. Vorne haben sich André Silva und der diese Saison überragende Christopher Nkunku etabliert.

Die restlichen Positionen bieten genau den Spielraum, um die Mannschaft nuancenweise je nach Gegner oder Belastungssteuerung zu rotieren. Mal mit Dani Olmo, mal mit Emil Forsberg auf der Zehn. Wenn nicht gerade Angeliño oder Lukas Klostermann als wingbacks spielen, stünden Benjamin Henrichs oder Nordi Mukiele bereit. Auch Stammspieler wie André Silva oder Nkunku können durch Yussuf Poulsen, respektive Dominik Szoboszlai entlastet werden. So entsteht eine klare Hierarchie innerhalb der Mannschaft, die gleichzeitig einen gesunden Konkurrenzkampf entfacht und sich in letzter Instanz leistungsfördernd auswirkt. Vor der Saison wurde trotz der Abgänge von Nagelsmann, Dayot Upamecano und Marcel Sabitzer viel über den vielleicht besten Leipziger Kader aller Zeiten gesprochen. Unter Tedesco entfaltet dieser erstmals volles Aroma.

Dadurch, dass Tedesco den Mannschaftskern stärkte und sein Team öfter in Ballbesitz agieren lässt, kehrte nicht nur die defensive Stabilität zurück, sondern auch die offensive Durchschlagskraft. Letzteres war im Grunde genommen die ganze Saison über schon vorhanden. In der Bundesliga gewann RB die meisten seiner Duelle im xG. So zum Beispiel in Frankfurt, als am Ende ein xG von 0,6:2,5 stand, aber nach Toren ein 1:1. Das Spiel in Berlin war ein Extrem in die entgegengesetzte Richtung. 0,94:3,32 im xG. Auf der Anzeigetafel stand hingegen ein 1:6. Gegen Köln (3:1) waren die ersten drei Torschüsse allesamt drin bei einem xG von 0,86. Im Klartext: RB Leipzig unter Tedesco sorgt mit strukturierterem Offensivspiel für mehr Konsequenz und Effizienz.

Christopher Nkunku: Leipzigs Erfolgsgarant

Sinnbildlich dafür steht Christopher Nkunku. Diese Saison darf er zumeist neben André Silva in der Spitze ran und ist dort mit allen Freiheiten ausgestattet. 14 Tore und 7 Assists stehen für den Franzosen bislang zu Buche. In nur zwei seiner letzten acht Partien ging Nkunku ohne Scorerpunkt aus. Zumeist lauert er an der Abseitskante, um dort mit seinen Tiefenläufen, seiner Geradlinigkeit und der Stärke im Eins-gegen-Eins für Gefahr zu sorgen.

RB Leipzig Nkunku

Photo by RONNY HARTMANN/AFP via Getty Images

Verglichen zu den Vorsaisons ist er noch klarer und ruhiger in seinen Aktionen geworden. In Hannover beispielsweise hatte er vor dem 0:2 die Übersicht, nicht nur Ron-Robert Zieler aussteigen zu lassen, sondern auch den herangrätschenden Marcel Franke, um dann nur noch aus kurzer Distanz einschieben zu müssen. Der Grat zwischen optimalem Ausnutzen der eigenen Fähigkeiten und dem berühmten Schnörkel zu viel ist ein schmaler. Nkunku hält ihn momentan schulbuchmäßig ein. Sollte er so weitermachen, dürfte es eine Frage der Zeit sein, bis ihn Didier Deschamps erstmals für die Nationalmannschaft beruft.

Erste Titel, erstes Double? RB Leipzig vor einmaliger Chance

Es wäre nicht von Nachteil, wenn Nkunku den Weg dorthin mit Edelmetall um seinen Hals antritt. Der Zug Richtung Meisterschaft ist spätestens mit der 1:4-Niederlage gegen den FC Bayern in der Hinrunde abgefahren. Mittlerweile beträgt Leipzigs Rückstand auf die Münchener 18 Zähler. Trotzdem kann sich RB noch für die Champions League qualifizieren. Entweder indem sie die zwei Punkte auf Hoffenheim gutmachen – oder durch fünf Siege in der Europa League. Real Sociedad ließ man in den Playoffs hinter sich (2:2, 3:1). Durch den Ausschluss von Achtelfinalgegner Spartak Moskau bekam RB ein Freilos unter die letzten Acht und kann in den kommenden Wochen inklusive Länderspielpause regenerieren und intensiver trainieren.

Auch im DFB-Pokal sind die Aussichten bestens. Nach dem 4:0 in Hannover steht RB abermals im Halbfinale und empfängt dort Union Berlin. Sollten sie ins Endspiel einziehen, haben sie zumindest die Gewissheit, dass die beiden Hausmächte FC Bayern (0:3, 2019) und Borussia Dortmund (1:4, 2021) von denen RB zweimal ordentlich Zunder bekam, bereits ausgeschieden sind. HSV oder SC Freiburg sind die möglichen Optionen. Das heißt noch lange nicht, dass der Cup automatisch nach Leipzig geht. Aber auch den Verantwortlichen am Cottaweg dürfte klar sein, dass sie eine solche Gemengelage so schnell kein zweites Mal vorfinden werden.

Für RB ist diese Saison eine einmalige Chance. Sollten sie im Frühsommer mit einem oder mehreren Pokalen dastehen, wäre das nicht nur international der Reputation der Bundesliga zuträglich. National hätten sie im Langzeitduell mit Borussia Dortmund um den Platz hinter dem FC Bayern ein ziemlich gewichtiges Argument auf ihrer Seite. Besonders, wenn sie auch in der kommenden Spielzeit an diese Form anknüpfen und gegen teils nachlässige Münchener um die Meisterschaft mitspielen können. Mit Schalke ist Domenico Tedesco bereits Vizemeister geworden. Jetzt müssen sie den nächsten Schritt gehen. Der Grundstein dafür ist bereits gelegt.

Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images

Victor Catalina

Victor Catalina

Mit Hitzfelds Bayern aufgewachsen, in Dortmund studiert und Sheffield das eigene Handwerk perfektioniert. Für 90PLUS immer bestens über die Vergangenheit und Gegenwart des europäischen Fußballs sowie seine Statistiken informiert.

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