Bundesliga-Vorschau Teil 1: FC Bayern, Hoffenheim, Hertha BSC

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Am 5. August startet die neue Saison in der Bundesliga, wenn Meister Bayern München bei Eintracht Frankfurt gastiert. Im ersten Teil unserer Vorschau auf die Saison 2022/23 beschäftigen wir uns mit dem FC Bayern, der TSG Hoffenheim und Hertha BSC.

  • FC Bayern: Nagelsmann erfindet den Rekordmeister taktisch neu
  • Hoffenheim: Kurskorrektur unter Breitenreiter
  • Hertha: Kann Schwarz die letzten drei Chaosjahre vergessen machen?

FC Bayern München (Letzte Saison: Meister)

Stell dir vor, du wirst mit acht Punkten Vorsprung Deutscher Meister, und trotzdem scheint niemand überaus zufrieden zu sein. In der vergangenen Saison ist dem FC Bayern München das Kunststück gelungen, die zehnte Meisterschaft infolge zu feiern. Trainer Julian Nagelsmann (35) baute in seiner Debüt-Saison die unheimliche Serie weiter aus. Nagelsmann kam von Ligakonkurrent Leipzig an die Isar und übernahm von Hansi Flick (57), den es zur deutschen Nationalmannschaft zog. Unter dem noch jungen Coach wollte Bayern an die erfolgreichen Vorjahre anknüpfen, in seiner Spielanlage allerdings vielseitiger werden. Ein einfaches Erbe hinterließ Flick mit dem gewonnen Triple allerdings nicht.

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(Photo by CHRISTOF STACHE/AFP via Getty Images)

Mit fünf Siegen aus den ersten sechs Partien startete der deutsche Rekordmeister stark in die Spielzeit. Bis auf die Ausrutscher gegen Eintracht Frankfurt und den FC Augsburg (jeweils 1:2) und eine Punkteteilung mit Borussia Mönchengladbach (1:1) rauschte Bayern mit insgesamt 14 Siegen regelrecht durch die Bundesliga-Hinrunde. Auch in der Champions-League-Gruppenphase behielt man eine weiße Weste, alle Partien wurden gewonnen. Der große Wermutstropfen der ansonsten beinahe makellosen Hinserie: Das historische Ausscheiden in der 2. Runde des DFB-Pokals, als die Münchener mit 0:5 (!) gegen Gladbach unter die Räder geriet.

Zwar nicht in jenem Ausmaß, doch solche Ausrutscher sollten dem FC Bayern in der Rückrunde häufiger passieren. Zum einen präsentierte man sich in der Liga regelmäßig unerklärlich wacklig. Niederlagen gegen Gladbach (1:2), den VfL Bochum (2:4) und Mainz 05 (1:3), aber auch viele Unentschieden und knappe Siege unterstrichen dies. Zwar wurde die Saison letztendlich recht ungefährdet als Meister beendet, die vielen Formwackler hinterließen jedoch ein mulmiges Bauchgefühl. Jenes wurde mit dem frühen Ausscheiden im Champions-League-Viertelfinale gegen den FC Villarreal nicht besser. Am Ende gingen die Münchener mit „nur“ einem Titel und einigen Baustellen aus der ersten Nagelsmann-Saison.

Lewandowski, Mané, de Ligt – Bayern legt spektakuläre Transferphase hin

Es hat mittlerweile Tradition: Gehen die Bayern unzufrieden aus einer Saison, wird im Sommer eingekauft. Allerdings gab es auch eine Personalie, die die Verantwortlichen ohnehin zum Handeln gezwungen hätte: Robert Lewandowski (33). Der polnische Angreifer hatte nach acht gemeinsamen Jahren nichts anderes im Sinn, als den FC Bayern in Richtung Barcelona verlassen zu wollen. Hier noch einmal das gesamte Wechseltheater auszurollen, würde den Rahmen sprengen. Letztendlich kam es zur Trennung, der 344-fache Bayern-Torschütze schloss sich für 45 Millionen Euro den Katalanen an. Mit ihm, Chris Richards (Crystal Palace), Marc Roca (Leeds United), Omar Richards (Nottingham Forest), Lars Lukas Mai (FC Lugano) und Ron-Thorben Hoffmann (Eintracht Braunschweig) ist es den Münchenern gelungen, in diesem Sommer knapp 80 Millionen einzunehmen.

Und mehr als nur diese Einnahmen sind wieder in den Kader hineingeflossen – mit aktuell ausgegebenen 137,5 Millionen Euro haben die Verantwortlichen ordentlich investiert, um der Mannschaft ein neues Gesicht zu geben. Allen voran Sadio Mané (30) und Matthijs de Ligt (22) sind hier zu nennen. Mit den beiden Spielern von Weltformat hat der FC Bayern international ein absolutes Ausrufezeichen gesetzt. Mané und de Ligt verstärken den Kader nicht nur in der Spitze, mit ihnen kann Nagelsmann seine Vorstellung von taktisch variablen Fußball deutlich eher umsetzen. In dieselbe Kerbe schlagen auch die Verpflichtungen von Noussair Mazraoui (24), Ryan Gravenberch (20) und Mathys Tel (17). Mit Leipzigs Konrad Laimer (25) wird voraussichtlich sogar noch ein zentraler Mittelfeldspieler von einem direkten Konkurrenten kommen, der den Nagelsmann-Fußball bestens kennt.

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(Photo by Tim Nwachukwu/Getty Images)

Ob Spieler aus der zweiten Reihe, die sich bislang nicht durchsetzen konnten, den Verein verlassen könnten, ist noch unklar. Sollte Laimer noch kommen, scheint der FC Bayern qualitativ wie auch in der Breite so gut aufgestellt zu sein wie seit Jahren nicht mehr. Selbstverständlich schmerzt der Abgang eines Lewandowskis, die neu formierte Offensive entspricht in ihrer Flexibilität jedoch vielmehr den Wünschen Nagelsmanns, sodass sein Wechsel im Kollektiv aufgefangen werden könnte.

Der neue Weg könnte Zeit brauchen

Die Testphase für den Stil, den Nagelsmann nun mit neuem Personal prägen will, ist denkbar klein. In der Saisonvorbereitung hat der FC Bayern lediglich zwei Testspiele absolviert. Aber auch in diesen 180 Minuten war bereits zu erkennen, wohin man sich entwickeln möchte. Nagelsmann-typisch wird sowohl in den Formationen als auch Abläufen sehr flexibel gedacht. Je nach Gegner und Personallage kann Bayern entweder mit Dreier- oder Viererkette spielen – auch innerhalb der Spiele wird in der Formation situativ immer wieder gewechselt. Der Fokus auf das so starke Flügelspiel ist geblieben, aufgrund von fluideren Positionswechseln allerdings deutlich facettenreicher und dynamischer geworden. Ohne einen klaren Mittelstürmer als Bezugspunkt gestaltet sich Bayerns Spiel deutlich weniger vorhersehbar. Allerdings ist somit auch eine größere Aktivität von allen Spielern gefordert, die nun komplexere Aufgaben auf dem Feld bekommen.

Mané, Leroy Sané (26), Serge Gnabry (27), Kingsley Coman (26), Thomas Müller (32) und Jamal Musiala (19) werden in der kommenden Saison in ihren Positionen für den Gegner ermüdend oft rotieren. Hier braucht es eine hohe Bereitschaft und fußballerische Intelligenz, jedoch erfüllen alle genannten Namen das entsprechende Profil. Dennoch: Diese Entwicklung ist nun erst angestoßen worden, es wird Zeit brauchen, all die neuen Abläufe zu implementieren. Im Testspiel gegen Manchester City (0:1) war noch klar ersichtlich, wo es gegen solch einen starken Gegner noch überall hakt. Auch im deutschen Supercup gegen RB Leipzig, den Bayern mit 5:3 gewann, wurden sowohl die Fortschritte als auch die Baustellen gut ersichtlich.

Player to Watch: Jamal Musiala

Mit gerade einmal 19 Jahren hat Jamal Musiala bereits 78 Pflichtspiele für den FC Bayern absolviert. Das Eigengewächs kam dabei bereits auf sämtlichen Positionen oberhalb des zentralen Mittelfelds zum Einsatz. Musiala zeichnet sich durch eine unglaubliche Flexibilität aus, sodass er auf jeder Offensivpositionen etwas zum Spiel beitragen kann. Technik, Torgefahr, Raumgefühl, Entscheidungsfindung – der deutsche A-Nationalspieler bringt alles mit. Wahrscheinlich wurde Musiala im Zwischenraum geboren, so wohl wie er sich dort fühlt. Somit könnte es eigentlich keinen besseren Spieler für die neue Art von Fußball, die Nagelsmann spielen lassen will, geben. Es erscheint vorprogrammiert, dass Musiala in der kommenden Spielzeit mehr Verantwortung und Spielzeit erhalten und somit einen gehörigen Schritt in seiner Entwicklung gehen wird. Auf ihn wird sich die gesamte Liga freuen können.

Bayern München 2022/23: Prognose

Bekanntlich geht der Blick des FC Bayern München bezüglich der Bewertung einer Saison über die Bundesliga hinaus. Der eigene Anspruch ist, neben der deutschen Meisterschaft auch den DFB-Pokal zu gewinnen und international möglichst weit zu kommen. Der Lewandowski-Abgang wurde kreativ aufgefangen, mit der Ajax-Fraktion rund um de Ligt, Gravenberch und Mazraoui sich intelligent verstärkt. Womöglich könnte es zu Saisonbeginn zu ein paar Stolperern kommen, da der neue Ansatz noch gar nicht ausgereift und perfekt umgesetzt werden kann – perspektivisch hat sich Bayern jedoch so gut aufgestellt, dass die Meisterschaft vermutlich wieder in München bleibt und man international neu angreifen kann. 

 

TSG Hoffenheim (Letzte Saison: 9. Platz)

Nach einem sehr durchwachsenen ersten Jahr unter Sebastian Hoeneß (40), das auf Rang 11 beendet wurde, sollte bei der TSG Hoffenheim vieles besser werden. Der Europa-Pokal als zusätzliche Belastung, eine sehr hohe Quote an Verletzten und Corona-Erkrankten, das Eingewöhnungsjahr für Bundesliga-Neuling Hoeneß – es ließen sich viele Gründe finden, warum die Sinsheimer in der Saison 21/22 besser performen sollten. In der Hinrunde werden sich die Verantwortlichen bestätigt gefühlt haben, nach 17 Spieltagen grüßte die TSG von Tabellenplatz vier. Vor allem die so starke Offensive wusste zu beeindrucken, 35 erzielte Tore waren nach der Hinserie der viertbeste Wert der Liga. Hoeneß und Hoffenheim schienen sich endlich gefunden zu haben.

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(Photo by Christian Kaspar-Bartke/Getty Images)

Die Rückrunde wurde formgerecht mit einem Sieg eingeläutet, doch die drei darauffolgenden Niederlagen konnten womöglich schon als Vorausdeutung dafür erkannt werden, was noch folgen sollte. Zunächst aber fing sich der Klub aus dem Rhein-Neckar-Kreis: Von Spieltag 22 bis 26 wurden starke vier Siege geholt, der Punkt gegen München vergoldete die Serie. Doch dann schlug der Bayern-Fluch in seiner übelsten Form zu, Hoffenheim sollte bis Saisonende kein einziges Spiel mehr gewinnen. Aus den letzten acht Partien wurden erschreckende zwei Zähler geholt. Zwischenzeitlich auf Champions-League-Kurs erreichte die TSG mit Rang acht nicht einmal mehr das internationale Geschäft.

Der so eklatante Einbruch und die allgemein ausgebliebene Entwicklung veranlasste Verein und Trainer dazu, sich nach Saisonende zu trennen. Unter Hoeneß hatte es immer wieder vielversprechende Ansätze gegeben, doch in zwei Jahren hatte er seiner Mannschaft nie die nötige Konstanz beibringen können. Auf ihn folgt nun André Breitenreiter (48).

Breitenreiter wird das Rad nicht neu erfinden

Breitenreiter ist ein alter Bekannter der Bundesliga, er trainierte bereits den SC Paderborn, FC Schalke 04 und Hannover 96. Nachdem die letzten Stationen eher unglücklich verliefen, probierte etwas neues und ging ins Ausland. Im Sommer 2021 heuerte er beim kriselnden FC Zürich an, den er innerhalb eines Jahres völlig überraschend zum Schweizer Meister machte. In einem 3-4-1-2 mit klarem Flügelfokus ließ Breitenreiter leidenschaftlichen und schnellen Fußball mit Umschalt- und Pressingelementen spielen. Mit diesem Spielstil hatte der 48-Jährige großen Erfolg und mit diesem scheint er auch ideal zur Hoffenheimer Idee zu passen.

Mit Breitenreiter hat sich Alexander Rosen (43), Direktor Fußball bei Hoffenheim, für die konsequente Weiterführung dessen entschieden, was Nagelmann einst als Basis legte. Nur soll es dem neuen Trainer besser gelingen, der Mannschaft die Philosophie beizubringen und gleichzeitig an der Konstanz zu arbeiten. In den Vorbereitungsspielen und Trainingsinhalten sind die Umschalt- und (Gegen-)Pressingelemente bereits eindeutig als Markenkern zu erkennen. Allerdings wirkt die Spielweise, die erneut in einem 3-1-4-2 orchestriert wird, stringenter und griffiger als noch unter Hoeneß. Auffällig ist, dass unter Breitenreiter mit deutlich mehr Vertikalbällen agiert wird, um die beiden Schienenspieler besser in Szene zu setzen.

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(Photo by PATRIK STOLLARZ/AFP via Getty Images)

Ein größerer Unterschied zu Hoeneß könnte die Herangehensweise Breitenreiters sein. Dieser achtet sehr auf die zwischenmenschliche Ebene, kommuniziert viel und einfühlsam mit seinen Spielern. Breitenreiter such aktiv das Gespräch mit Mannschaft wie Umfeld und will somit auch über die emotionale Ebene einen Geist entstehen lassen. Genauso tat er es bereits in Zürich – mit sichtbarem Erfolg.

Kommt es zum Tausch von Raum und Angelino?

Zum Zeitpunkt, zu dem dieser Artikel geschrieben wurde, ist es ein bislang eher ruhiges Transferfenster bei Hoffenheim gewesen. Mit Florian Grillitsch (26) hat die TSG einen wichtigen Spieler der letzten Jahre verloren, gleichzeitig aber mit Grischa Prömel (27) und Finn Ole Becker (22) für Ersatz im Mittelfeld gesorgt. Zudem wurde Ozan Kabak (22) für die Innenverteidigung verpflichtet. Allerdings könnte noch ein weiterer Innenverteidiger folgen, vor allem wenn Stefan Posch (25) den Klub noch in Richtung Wolverhampton verlassen sollte.

Doch ein großer Wechsel scheint sich anzubahnen: David Raum (24) wird Hoffenheim sehr wahrscheinlich verlassen, ihn zieht es nach nur einem Jahr zu RB Leipzig. Raum hat sich in der vergangenen Saison auf Anhieb zu einem der besten Linksverteidiger der Liga und zum deutschen Nationalspieler entwickelt. Hoffenheim konnte nicht schnell genug mitwachsen, nun steht die Trennung an, die laut Medienberichten 30 Millionen Euro plus Boni einbringen könnte. Mit Leipzigs Angelino (25) soll der Ersatz bereits gefunden worden sein, so würde es zum direkten Tausch kommen.

Player to Watch: Grischa Prömel

Erst mit Mitte zwanzig ist Grischa Prömel (27) der endgültige Durchbruch gelungen. Zwar galt der zentrale Mittelfeldspieler schon lange als großes Talent – bis zur U21 gehörte zu den Jugendmannschaften des DFB – doch es brauchte erst die Umwege über den Karlsruher SC und Union Berlin, um Prömel endlich aufblühen zu lassen. Die Jahre in der zweiten Liga haben den gebürtigen Stuttgarter reifen und körperlich robuster werden lassen, in der vergangenen Saison kam auch die Torgefahr hinzu. Mit acht Treffern gehörte der 27-Jährige in der vergangenen Saison zu den gefährlichsten zentralen Mittelfeldspielern der Liga.

Nun ist Prömel nach Hoffenheim zurückgekehrt – bereits von 2013 bis 2015 spielte er in den Sinsheimer Jugendteams. Im zweiten Anlauf könnte Prömel es endgültig allen in der Liga beweisen, dass er zu den besten seiner Position zählt. Die Hoffenheimer Spielweise liegt dem offensiv ausgerichteten Achter sehr, in der Vorbereitung war einer der auffälligsten Akteure. Die fehlende Torgefahr und Körperlichkeit im Mittelfeld gehörte zu Hoffenheims größten Schwächen – durch Prömel könnte dies ein Ende haben, sodass er zu einem absoluten Schlüsselspieler werden sollte.

TSG Hoffenheim 2022/23: Prognose:

Hoffenheim gehört zu den absoluten Wundertüten der bevorstehenden Saison. Der Kader verfügt nach wie vor über großes Potenzial. Sollten zum Beispiel junge Spieler wie Kabak, Angelo Stiller und Georginio Rutter den nächsten Schritt gehen und ein Andrej Kramaric sein torarmes Vorjahr überwunden haben, steht einer guten Saison nichts im Wege. Hoffenheim kann aber, die letzte Saison hat es gezeigt, aber auch furchtbar launisch sein. So scheint von der Qualifikation für Europa bis graues Tabellenmittelfeld alles drin zu sein. Entscheidend wird sein, wie gut Breitenreiter seine Mannschaft erreichen kann.

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Hertha BSC (Letzte Saison: 16. Platz)

Nach zwei absoluten Chaosjahren sollte bei Hertha BSC alles besser werden. Pal Dardai (46) war in der Vorsaison zurückgekehrt und rettete seine „alte Dame“ noch in letzter Sekunde mit einer dramatischen Aufholjagd. Zur Spielzeit 21/22 sollte der Ungar bleiben, jemand anderes aber neu dazukommen: Fredi Bobic (50) wurde zum Nachfolger von Michael Preetz (54) und damit zum Geschäftsführer Sport ernannt. Er sollte seine gute Arbeit aus Frankfurt in Berlin fortführen und dem ständigen Kampf gegen den Abstieg ein Ende setzen. Zunächst war aber klar, dass sich Bobic und der Verein erst finden müssten, ein Übergangsjahr wurde ausgerufen, in dem vor allem eins herrschen sollte: Ruhe.

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(Photo by Frederic Scheidemann/Getty Images)

Bekanntlich trat das Gegenteil ein, einmal mehr wurde es zu einem Chaosjahr für die Blau-Weißen. Dardai musste nach 13 Spieltagen gehen, eine ausbleibende sportliche Entwicklung und ein zerrüttetes Verhältnis zu Bobic sollen die Gründe für die Trennung gewesen sein. Bobic wollte einen neuen Impuls setzen und entschied sich dazu überraschend für Tayfun Korkut (48). Dieser legte mit sieben Punkten aus vier Spielen einen guten Start hin, doch mit der Winterpause kam der Bruch. Aus den ersten neun Rückrundenpartien holte Hertha miserable zwei Zähler. Korkut hatte die Mannschaft, die in diesen Wochen absolut vogelwild und bis ins Mark verunsichert wirkte, verloren.

Bobic musste zum 27. Spieltag ein zweites Mal mit einem Trainerwechsel reagieren – und auch dieses Mal hatte er eine Überraschung parat: Felix Magath (69) kehrte auf die Trainerbank zurück. Der so erfahrene Schleifer sollte mit seiner Führungsstärke und Vorliebe für Disziplin eine kollabierte Mannschaft reanimieren. Und es gelang ihm, wenn auch holprig. Mit zehn Punkten aus den letzten acht Spielen schleppte sich Hertha auf den 16. Platz. In der Relegation konnte der Hamburger SV im Rückspiel geschlagen werden. Hertha hielt somit gegen jede Wahrscheinlichkeit doch noch die Klasse.

Sandro Schwarz soll Hertha umkrempeln

Dem Abstieg denkbar knapp von der Schippe gesprungen, setzt es bei Hertha den nächsten Umbruch. Bobic konnte Sandro Schwarz (43) als neuen Trainer an die Spree locken. Schwarz hatte zuvor bei Dinamo Moskau hervorragende Arbeit geleistet. Mit seinem Ansatz des Gegenpressingfußballs, der eine große Bereitschaft, Aktivität und Mut erfordert, steht er für das Gegenteil der letzten Jahre, in denen Hertha passiven Defensivfußball praktizierte.

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(Photo by Cameron Smith/Getty Images)

Bobic ist ein großer Befürworter von Schwarz, er wollte ihn seinerzeit bereits zu Eintracht Frankfurt lotsen. Nun hat es in Berlin geklappt, Schwarz und Bobic denken den Fußball gleich. Bewusst hat man sich in Berlin nun für einen Neuanfang, damit aber auch für einen Prozess entschieden. Schließlich könnte der Wandel weg vom zögerlichen hin zum mutigen Fußball kaum ein größerer sein. Dies machte die Vorbereitung deutlich, in der die Philosophie von Schwarz bereits immer wieder zu erkennen war, sich aber genauso mit Phasen abwechselte, in denen Herthas Profis in alte Muster verfielen: Pomadiger Spielaufbau, kaum aktives Anbieten, Hektik ab der Mittellinie, individuelle Patzer in der Defensive.

Diese Elemente endgültig aus den Trikots zu schütteln, wird Geduld und Erfolgserlebnisse brauchen – beides zuletzt Mangelware in Berlin.

Die alte Dame in neuen Kleidern

Wie erwähnt befindet sich Hertha in einem Umbruch, den Bobic seit seinem Amtsantritt vor einem Jahr vorantreibt. In seiner ersten Saison fand der 50-Jährige nicht die richtige Mischung für den Kader, der unausgewogen wirkte und eine funktionierende Hierarchie vermissen ließ. Im aktuellen Fenster hat es daher einmal mehr größere Veränderungen gegeben. Bobic ist für seine Aufgabe nicht zu beneiden: Er muss gleichzeitig den Kader verstärken, Spieler mit zu teuren Verträgen loswerden und ein Transferplus erzielen.

Letzteres gelingt ihm derzeit. Mit Arne Maier (23), Javairo Dilrosun (24), Jordan Torunarigha (24) und paar weiteren Verkäufen wurden bislang 14,8 Millionen Euro eingenommen. Viel Geld für Ablösesummen wurden indes nicht in die Hand genommen. Die Rückkholaktion von Jessic Ngankam (21) kostete den Verein 500.000 Euro, zudem wurde nun mit Wilfried Kanga (24) endlich der so dringend benötigte neue Mittelstürmer verpflichtet. Medienberichten zufolge kostete der Angreifer etwa drei bis vier Millionen Euro. Ansonsten behalf sich Bobic mit ablösefreien Neuzugängen – Innenverteidiger Filip Uremovic (25) und Rechtsverteidiger Jonjoe Kenny (25) – und Leihen – Linksaußen Chidera Ejuke (24) und Sechser Ivan Sunjic (25). Schwarz ist angehalten, sowohl die Verpflichtungen gut einzubinden, als auch bislang ungenutzte Potenziale des Kaders zu aktivieren. So wirkten beispielsweise Dodi Lukebakio (24) und Myziane Maolida (23) unter ihm deutlich formstärker als zuvor.

Da die Transfers teilweise recht spät über die Bühne gingen, ist schwer abzuschätzen, wie sich die Neuzugänge allesamt einfügen werden. Sie werden Zeit brauchen, wirklich in Stadt und Klub anzukommen. Hinzukommt, dass die Transferphase für Hertha noch nicht abgeschlossen ist. Für Krzysztof Piatek (27) und Omar Alderete (25) werden dringend Abnehmer gesucht, um Kader und Finanzen zu entlasten. Auch Spieler wie Dedryck Boyata (31), Maxi Mittelstädt (25) oder Jurgen Ekkelenkamp (22) könnten den Verein noch verlassen. Es bleiben also Fragezeichen und damit zunächst auch eine gewisse Unruhe.

Player to Watch: Chidera Ejuke

In normalen Zeiten wäre jemand wie Chidera Ejuke (24) für Hertha nicht erreichbar gewesen. Doch es sind keine normale Zeiten. Der Angriffskrieg Russlands in der Ukraine hat auch Auswirkungen auf den Fußball. Aufgrund einer Sonderregelung der Fifa dürfen ausländische Spieler ihre Verträge in Russland für ein Jahr ruhen lassen und sich einem anderen Klub anschließen. Bobic scheint diese Entwicklung genau verfolgt zu haben, schließen kamen Ejuke (ZSKA Moskau), Uremovic (Rubin Kazan) und Trainer Schwarz (Dinamo) aus Russland nach Berlin.

Ejuke ist, wie gesagt, eigentlich ein Regal über Herthas Möglichkeiten. Sein immenses Tempo, die großen Stärken im direkten Duell, der Zug zum Tor, Entscheidungsfindung auf engem Raum – der Nigerianer bringt alles mit, was man sich bei einem Linksaußen wünscht. Herthas Flügelspiel lag in den letzten Jahren nahezu brach, mit Ejuke könnte sich dieser Umstand ändern. Es macht großen Spaß, dem 24-Jährigen beim Spielen zuzusehen – für Hertha könnte er sehr wichtig werden.

Hertha BSC 2022/23: Prognose

Hertha BSC steht einmal mehr vor einem spannenden Jahr. Die drei Jahre des Abstiegskampfes haben Spuren hinterlassen, der Verein muss sich nach wie vor finden und eine eigene Identität entwickeln. Die Verpflichtung von Sandro Schwarz wird hierbei helfen. Mit seiner klaren Spielidee, seinem positiven öffentlichen Auftreten und der einfühlsamen Kommunikation mit seiner Mannschaft bringt er genau die Qualitäten mit, die Hertha nun braucht. Sollten sich seine Prinzipien gegen die Verunsicherung der letzten Jahre durchsetzen, Hertha wirklich anderen Fußball spielen, sich eine funktionierendes Miteinander entwickeln und endlich eine gewisse Ruhe einkehren, wird die Saison als echter Erfolg verbucht werden. Die Möglichkeit, unten hineinzurutschen, besteht genauso wie die, dass Hertha relativ ungefährdet auf Rang zwölf landet.

Marc Schwitzky

Bundesliga-Vorschau Teil 2: Borussia Dortmund, Mainz 05, Wolfsburg

Bundesliga-Vorschau Teil 3: RB Leipzig, 1. FC Köln, Werder Bremen

Bundesliga-Vorschau Teil 4: Leverkusen, Gladbach, FC Augsburg

(Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

Marc Schwitzky

Erst entfachte Marcelinho die Liebe zum Spiel, dann lieferte Jürgen Klopp die taktische Offenbarung nach. Freund des intensiven schnellen Spiels und der Talentförderung. Bundesliga-Experte und Wortspielakrobat. Seit 2020 im 90PLUS-Team.

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