BVB | Stillstand auf der Gefühlsachterbahn

Emotionaler Stillstand beim BVB
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BVB-Tagebuch | Irgendwas ist in den letzten Jahren schiefgelaufen. Meine enge und emotionale Bindung zu Borussia Dortmund hat einige Tiefschläge hinnehmen müssen. Mir sind ein Stück weit die Emotionen abhanden gekommen. Ich versuche das (fehlende) Gefühl in Worte zu packen.

Iphigenie auf Tauris hat eine hohe emotionale Bedeutung für mich. Inhaltlich aber überhaupt nicht, weil ich zu faul war, es im Deutsch-GK zu lesen. Dass ich mir dennoch eine 2- in der Klausur erschwafelte, hat mir damals zwar Freude beschert, aber die Erkenntnis, was dieses Buch mir alles geben kann, kam einige Zeit später. Um genau zu sein, am 27. November 2012.

BVB: Wie mich Reisinger und die Fortuna zur Weißglut trieben

An diesem Tag empfing der BVB am 14. Spieltag Fortuna Düsseldorf. Viel weiß ich von dem Spiel nicht mehr. Kuba schoss ein absolutes Traumtor zur 1:0-Führung, das ich mir bis heute gerne angucke. Wie genau der Ausgleich durch Stefan Reisinger fiel, weiß ich nicht mehr und ehrlich gesagt will ich es auch erst gar nicht nachgucken, denn der Treffer wurmt mich heute noch ein wenig. Ich kann mich nur noch an das mehr als bescheidene Gefühl erinnern. Auch aufgrund persönlicher Abneigung gegen die Fortuna war das ein harter Schlag für mich.

Ich wusste nicht mehr wohin mit meinem Frust und meiner Wut, aber bin zum Glück auch zu rational, um mein Zimmer kurz und klein zu legen. Ihr könnt es euch denken: Das Drama von Johann Wolfgang von Goethe befand sich zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort und wurde in die kleinstmöglichen Einzelteile zerrissen. Selbstverständlich begleitet von wilden Schimpftiraden auf Fortuna, den BVB, mich und die gesamte Welt.

Auch das ist Teil der Erfahrung, emotional an einem Fußballverein zu kleben. Natürlich ist das kein Glanzmoment, wenn man als 17-Jähriger umgeben von den Überresten einer zerpflückten Reclam-Lektüre in seinem Kinderzimmer steht und die eigene Mutter kopfschüttelnd im Türrahmen steht. In diesen Momenten fühlt es sich so an, als hätte es niemand so schwer, wie man selbst. Das ist zwar grober Unfug, aber dämliche, emotionale Ausbrüche, die keinem weh tun, müssen auch mal drin sein. Sie gehören zum Fußball dazu und werden durch die Höhepunkte der vermeintlich ewigen Gefühlsachterbahn wieder mehr als entschädigt.

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Besessenheit vom BVB ließ nach

Doch genau das ist mir irgendwie abhanden gekommen. Nicht die Höhepunkte, sondern insgesamt die Emotionen. Die Gefühlsachterbahn blieb zuletzt geschlossen. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich noch Treffen mit meinen Freunden abgesagt, um mir schamlos Testspiele anzugucken, in denen der BVB mit schweren Beinen nach harten Trainingseinheiten gegen italienische Erstligisten aus dem unteren Tabellendrittel kaum Torchancen herausspielte.

Ich habe fast jedes einzelne Spiel gesehen. Das Heimspiel gegen APOEL Nikosia (1:1) in der Gruppenphase der Champions League während der Saison 2017/18 war eines der wenigen Spiele, die ich beispielsweise verpasst habe. Damals war ich auf einem Konzert und habe trotz der vorangegangenen schwachen Leistungen permanent das Handy gecheckt. Das ist natürlich auch auf seine eigene Art und Weise dämlich, aber so habe ich mein Fan-Dasein nun einmal gelebt. Ich konnte es nicht abschalten, auch wenn ich eigentlich meine Freizeit mit Freunden oder Familie genießen sollte und wollte.

Zum Ende der vergangenen Saison habe ich dann zum ersten Mal ohne schlechtes Gewissen oder Verlangen ein Spiel ausgelassen. Der BVB hat mich schlichtweg nur noch genervt. Vor dem Fernseher, aber auch im Stadion. Die Mannschaft, die grottig zusammengestellt wurde, zeigt alle paar Wochen Reaktionen auf katastrophale Spiele und hält sich offenbar für wesentlich stärker, als sie es in Wahrheit ist.

Westfalenstadion: Nicht nur die Verantwortlichen schwächelten

Das gilt schon länger – und das tut mir in der Seele weh, es so deutlich zu sagen – auch für die Fans im Westfalenstadion. Abgesehen von den Ultras hat sich in vielen Ecken des Stadions über die Jahre eine Lethargie ausgebreitet, die mit dem Erfolg kam, den es nun nur noch vereinzelt gibt. Nicht selten waren Leute irritiert, wenn man auch abseits der Süd lautstark die Mannschaft unterstützte. Opernpublikum ist sicherlich kein Thema, das der BVB exklusiv besitzt, aber ärgerlich ist es dennoch.

BVB: Auch die Fans performen immer seltener

(Photo by Frederic Scheidemann/Getty Images)

Jedes Jahr auf den Plätzen zwei bis vier landen und alle paar Jahre den DFB-Pokal holen, ist mitnichten eine schlimme Situation und ich könnte damit sogar leben, wenn ich das Gefühl hätte, dass auf dem Rasen eine Elf steht, mit der sich die Fans identifizieren könnten und die sich zerreißt. All die peinlichen Totalaussetzer könnte ich besser wegstecken, wenn ich wüsste, dass die Verantwortlichen einen langfristigen Plan im Sinn hätten, der den Verein irgendwann wieder zu sportlichem Erfolg führt. Leider setzte der BVB in den vergangenen Jahren auf Kurzschlussreaktionen, zu kurz gedachte Mentalitätstransfers und etliche Trainerwechsel, ohne eine eigene, personalunabhängige Identität auf dem Platz zu etablieren. Das alles sorgt dafür, dass die Identität auch abseits des sportlichen Geschehens schwindet.

Terzic als Rose-Nachfolger: Belebt er den BVB wieder?

Dieser Verein braucht nach den Pandemiejahren nicht nur sportlichen Erfolg, sondern vor allem auch wieder Euphorie. Mit Edin Terzic ist zumindest Zweiteres garantiert. Der BVB verfügt über ein emotionales Umfeld und muss dieses endlich wieder nutzen, um positive Energie daraus zu ziehen. In den letzten Jahren drohte der Klub komplett einzuschlafen. Halbgare Kampfansagen in Richtung FC Bayern, die nicht mit der entsprechenden Arbeit einhergingen, Frust über die Rolle des vermeintlich ewigen Zweiten und fehlende Selbstkritik aufgrund der dann doch ansprechenden Platzierungen in der Bundesliga. Stillstand, soweit das Auge blicken kann.

Schlechte Leistungen und Blackouts des Teams wurden zuletzt nur noch zulterschuckend hingenommen, weil die meisten wussten, dass auf jeden Rückschlag eine Reaktion folgte, die den Klub bis zur nächsten Blamage in Sicherheit wiegen sollte.

Ich will nach einer 3:4-Heimpleite gegen Bochum wieder Frustration statt Leere spüren und ebenso einen 6:0-Sieg gegen Gladbach nicht schon zehn Minuten nach Abpfiff vergessen. Mein Dasein als BVB-Fan hat sich in den letzten Jahren immens verändert und das liegt nicht ausschließlich am Altern. Es gibt so viele Aspekte, die das Erlebnis Fußball zuletzt komplizierter und träger machten. Mal gucken, ob sich dies mit den Umstrukturierungen rund um den Klub zeitnah ändern kann. Terzic und Sebastian Kehl haben das Potenzial, um an den richtigen Stellschrauben zu drehen. Ich würde mich darüber freuen, wenn der Klub es schaffen würde, mich wieder so einzufangen, dass ich auch nach mehr oder minder bedeutungslosen Niederlagen nach Lektüre suche, die als Frustabbaumittel dienen kann.

Damian Ozako

(Photo by Dean Mouhtaropoulos/Getty Images)

Damian Ozako

Als Kind von Tomas Rosicky verzaubert und von Nelson Haedo Valdez auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht worden. Geblieben ist die Leidenschaft für den (offensiven) Fußball. Seit 2018 bei 90PLUS.

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