Zahlreiche Corona-Infektionen: Überblick & Pro und Contra einer Saisonunterbrechung

Saisonunterbrechung wegen Corona?
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Meldungen über größere Corona-Ausbrüche bei Fußballklubs häuften sich in letzter Zeit. In England mussten zahlreiche Spiele abgesagt werden, teilweise ist die Hälfte der Mannschaft gleichzeitig in Quarantäne. Auch in anderen Ligen nimmt die Infektionsdynamik zu, Rufe nach einer Saisonunterbrechung werden mitunter laut. 

Doch wie sinnvoll wäre das? Welche Argumente gibt es, die Saison kurzzeitig zu unterbrechen? Und welche Probleme treten dann auf? Ganz so einfach umzusetzen ist die Forderung nämlich nicht, aus mehreren Gründen.

Die Lage: Zahlreiche Corona-Ausbrüche im Profifußball

Immer wieder gab es in der Vergangenheit Meldungen über einzelne Corona-Ausbrüche bei Fußballklubs, auch einzelne Infektionsketten wurden gemeldet. Durch die noch einmal ansteckendere Omicron-Variante, die auch bei geimpften Personen leichter eine Infektion hervorrufen kann, häuften sich zuletzt die Meldungen großer Ausbrüche. Trotz Schutzmaßnahmen bei den Klubs legte diese Variante in England den Spielbetrieb zu einem Teil lahm. Einige Partien in der Premier League und noch einmal deutlich mehr in den der EFL zugehörigen Ligen waren die Folge.



Andere Länder, die eine kurze Winterpause hatten, meldeten beim Trainingsstart einige positive Tests. Der FC Barcelona trat beispielsweise am Sonntag ohne zehn Spieler, die an Corona erkrankt sind, beim RCD Mallorca an. Girondins Bordeaux musste im Coupe de France sogar auf 21 Spieler verzichten, nominierte zahlreiche Spieler aus der 2. Mannschaft oder der Jugend und verlor mit 0:3 bei Stade Brest. Das sind die Extrembeispiele, aber nahezu jede Mannschaft ist mehr oder weniger betroffen. Vor dem Rückrundenstart in der Bundesliga gab es ebenfalls einige bestätigte Infektionen, viele Spieler sind in Quarantäne.

Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Die sehr ansteckende Variante kann auch bei Vorsicht für Infektionen sorgen, ein noch nicht erkannter Infizierter in einer Mannschaft kann für Folgeinfektionen sorgen. Zwar ist die Impfquote in den meisten Ligen sehr ordentlich und vor allem in den Ländern mit der kurzen Weihnachtspause wurde die Zeit für Boosterimpfungen genutzt, dennoch gibt es weiterhin ungeimpfte Spieler und in England beispielsweise keine Pause, in der die Impfung, ohne dabei auf den laufenden Spielbetrieb Einfluss zu nehmen, aufgefrischt werden kann.

Hohe Belastung und zusätzliche Maßnahmen

Insbesondere in England klagen die Trainer aktuell zurecht über die hohe Belastung. Einzelne Klubs müssen Spieler einsetzen, die noch nicht bei 100 % sind, entweder nach einer Covid-Infektion oder nach einer Verletzung. Gleichzeitig macht man es sich in England gleich doppelt schwer, denn die Premier League hat weiterhin keine fünf Auswechslungen erlaubt, im League Cup spielen die Mannschaften ihr Halbfinale im Hin- und Rückspiel. „Aus meiner Sicht brauchen wir unbedingt diese fünf Wechsel. Ich verstehe absolut nicht, warum wir die nicht haben. Das würde so sehr der Vorbeugung und dem Gesundheitsschutz der Spieler helfen“, beschwerte sich Chelsea-Coach Thomas Tuchel (48) kürzlich.

Tuchel Saisonunterbrechung

(Photo by GLYN KIRK/AFP via Getty Images)

Die Diskussionen in England sind ohnehin sehr laut. Die Liga entschied sich zuletzt gegen eine Saisonunterbrechung respektive ein Vorziehen der kurzen Pause Ende Januar. Zudem herrscht keine Klarheit, wann ein Spiel stattfindet und wann nicht. In anderen Ländern sind die Regeln deutlicher. In Spanien muss beispielsweise gespielt werden, wenn fünf oder mehr Spieler aus dem Kader der ersten Mannschaft zur Verfügung stehen. Der Rest muss eben durch die zweite Mannschaft oder Jugend aufgefüllt werden. In Frankreich gab es extra für den Pokal eine Regelanpassung, dass nicht mehr sieben Spieler, die in einem der letzten beiden Ligaspiele auf dem Feld standen, verfügbar sein müssen. So wollen diese Ligen, die allesamt auch eine höhere Impfquote haben als die Premier League, Absagen verhindern.

Ein solches Vorgehen wünschen sich in England auch einige Experten. Gary Neville (46) forderte bereits, dass die Klubs bei mehreren Ausfällen Spieler aus der Jugend nominieren sollen, damit die Spiele stattfinden können. Zur Eindämmung der Ausbrüche wurde zudem eine Verschärfung der Hygienemaßnahmen vorgenommen – in allen Ländern und Ligen. Mehr Tests, Trainingsteilnahme nur nach Test, Abstands- und Maskenregelungen: All das soll helfen, die Lage einigermaßen zu kontrollieren. In der Serie A soll sogar eine Impfpflicht eingeführt werden.

Rufe nach einer Saisonunterbrechung

In den letzten Tagen und Wochen häuften sich die Stimmen, die eine Saisonunterbrechung als sinnvoll erachteten. Barça-Trainer Xavi Hernandez (41) sprach von einer Wettbewerbsverzerrung, für viele Klubs ist die Situation aktuell nach den Ausbrüchen schwierig. Es gäbe durchaus Vorteile, die eine Unterbrechung mit sich bringen würde. Die Infektionsdynamik könnte sehr wahrscheinlich besser kontrolliert werden, darüber hinaus wäre es möglich, Impfungen nachzuholen und Spieler könnten ihre Blessuren besser und sicherer auskurieren.

Außerdem wäre es für die Klubs möglich, sollte die neue Welle wieder abflachen, zumindest einige Einnahmen durch Stadionbesucher zu generieren. In Deutschland gibt es aktuell Geisterspiele, in einigen anderen Ländern eine Einschränkung der Besucherzahlen. Viele Vereine planten mit Zuschauern und kalkulierten auch so, die fehlenden Einnahmen betragen bei großen Klubs wie Bayern oder Dortmund 3-4 Millionen Euro pro Heimspiel ohne Zuschauer.

Eine Unterbrechung bringt viele Probleme mit sich

Allerdings gibt es auch einige Gegenargumente. Natürlich kann sich das Infektionsgeschehen beruhigen, aber die neue, ansteckendere Variante bringt die Gefahr mit sich, dass die Probleme nach einer Unterbrechung direkt wieder von vorne beginnen. Die Omicron-Welle rauscht durch die Länder, in England kam sie früher an, in Frankreich hat sie jetzt offenbar ihren Höhepunkt, andere Länder ziehen nach. Das sorgt auch dafür, dass ein gleichzeitiger Abbruch nicht unbedingt sehr sinnvoll wäre. Das führt auch schon zum nächsten Problem, nämlich ungleichen Voraussetzungen, wenn die Champions League oder generell der Europapokal wieder beginnt.

Natürlich sprechen die Klubs, die aktuell von einem größeren Ausbruch betroffen sind, von einer Wettbewerbsverzerrung und es ist sicher nicht im Interesse des Fußballs, dass vieles in den kommenden Wochen von Glück und Pech abhängt. Das ist im Fußball zwar immer ein Faktor, aktuell aber noch einmal deutlich mehr. Nur bleibt die Gefahr, dass in einem Team, das aktuell einigermaßen verschont bleibt, nach einer Unterbrechung ein Ausbruch stattfindet. Dieses Team kann und wird dann auch wieder mit der Ungerechtigkeit argumentieren.

Hinzu kommt, dass es kein gutes Zeichen wäre, hierzulande die Saison für einige Wochen zu unterbrechen, während zahlreiche Spieler aus Europa in Kamerun am Afrika-Cup teilnehmen. Ein weiterer Faktor ist, dass es nicht allzu viel Spielraum für Nachholpartien gibt. Setzt man den Spielbetrieb für wenige Wochen aus und es drohen nach dieser Zeit noch Absagen, wird es extrem eng. Die Saison deutlich zu verlängern ist beispielsweise nicht möglich, weil die neue Saison aufgrund der Winter-WM schon früher beginnen muss.

Dass die aktuellen Zahlen besorgniserregend sind und die Dynamik der Infektionen im Fußball hoch ist, bestreitet niemand. Eine Unterbrechung der Saison brächte Vorteile mit sich, aber aufgrund der unterschiedlichen Entwicklung in verschiedenen Ländern müsste diese wohl zu verschiedenen Zeitpunkten stattfinden, was schon ein Teil des Problems ist. Gibt es eine Patentlösung? Vermutlich nicht. Es sieht so aus, als müsste der Fußball akzeptieren, dass auch diese Saison eine sehr schwierige ist. Für fast alle.

 

(Photo by Frederic Scheidemann/Getty Images)

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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