Daniel Farke: Ein Idealist für Borussia Mönchengladbach

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Daniel Farke ist neuer Trainer bei Borussia Mönchengladbach. Wer ist derjenige, der von den Norwich-Fans noch immer geliebt wird und vom dem ein Engländer sagt, der Fußball, den er spielen lässt, ist der beste, den er jemals gesehen hätte?

Borussia Mönchengladbach hat seinen Trainer für die Zukunft gefunden. Daniel Farke sei einer, „der genau zu dem Weg passt, den wir einschlagen wollen“, wurde Sportdirektor Roland Virkus in der Verkündung zitiert. In der Bundesliga ist Farke bisher ein Unbekannter. Von der U23 von Borussia Dortmund wechselte er in die englische zweite Liga zu Norwich City. Er führte sein Team gleich zweimal in die Premier League, wurde von den Fans geliebt und verabschiedete sich im November des vergangenen Jahres tränenreich. Im Januar heuerte er dann bei FK Krasnodar an, verließ den Verein aufgrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine jedoch nach weniger als zwei Monaten wieder. Wer ist also derjenige, der die Fohlen für die nächsten Jahre prägen soll?

Der „borussia-typischen“ Fußballansatz

Zuerst einmal lohnt es sich, einen Blick darauf zu werfen, welche Erwartungen Virkus an den neuen Gladbach-Trainer hat. Auf der Mitgliederversammlung sprach er freimütig darüber. „Wenn man 61 Gegentore kassiert, ist das normalerweise abstiegsreif“, sagte Virkus. „Wir brauchen wieder defensive Stabilität – und genauso Stabilität, was die physischen Daten angeht.“ Gegenüber den Mitgliedern erklärte er, dass Borussia Mönchengladbach in der vergangenen Saison die Mannschaft mit dem zweitniedrigsten Laufpensum war. „Daran gilt es zu arbeiten in der neuen Saison.“

Dies sei die Basis für den „borussia-typischen“ Fußballansatz „mit technisch guten Fußballern, mit viel Ballbesitz und mit einer hohen Spielintelligenz“. In den vergangenen Spielzeiten seien diese Qualitäten zu kurz gekommen. „Wir mussten feststellen, dass das unsere DNA ist und nicht Aktivität. Aktivität gehört im modernen Fußball dazu, sollte aber niemals das dominante Merkmal sein.“



Diese DNA verkörpert Daniel Farke. In einem Interview mit The Independent sagte er 2017: „Ich mag es nicht, wenn meine Teams nur kompakt sind und reagieren. Ich möchte agieren. Ich mag es, den Ball zu haben. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich den Ball 90 Minuten lang haben.“ Jahre später verlautbarte er im Kicker ähnliches. „Wir werden immer unzufrieden sein, wenn wir den Ball nicht haben“, sagte der damalige Norwich-Trainer über sein Team. „Wir wollen Lösungen finden, auch gegen kompakte Gegner.“

Unter Farke wird der Fokus der Mönchengladbacher also fraglos auf dem Spiel mit Ball liegen. Etwas, das unter Marco Rose und Adi Hütter noch anders war. Und womit Farke besser als seine beiden Vorgänger zu dem von Virkus beschriebenen „borussia-typischen“ Fußballansatz passt.

Mit Norwich City durch furiosem Fußball zum Märchen

Vier Jahre trainierte Farke bei Norwich City. Nach einem durchwachsenen Eingewöhnungsjahr führte er sein Team völlig überraschend in die Premier League, stieg aus dieser gleich wieder ab, nur um im Jahr drauf wieder ins englische Oberhaus aufzusteigen. Dabei lehrte Farke stets den gleichen Fußball. Unbeirrt und durchaus stur wollte er in der Premier League damit weitermachen, was Norwich in der Championship zum Erfolg führte. „Es ist meine absolute Grundüberzeugung, dass du nur dann langfristig erfolgreich sein kannst, wenn du eine klare Philosophie verfolgst und du konsequent danach arbeitest“, erklärte er sich später im Kicker.

Bei Norwich sah diese Philosophie so aus: In den beiden Championship-Saisons gehörte seine Mannschaft stets zu den Teams mit den wenigsten langen Bällen. Auch wenn die Gegner hoch pressten, kombinierten sich die Farke-Spieler mit flachen Pässen in die gegnerische Hälfte. Mit Erfolg, denn seine Mannschaft gehörte ebenfalls zu den Teams mit der höchsten Passgenauigkeit.
Dies gelang durch viele Diagonalpässe, Steil-Klatsch-Kombinationen und eine Positionsaufteilung, die an die klassische Raumaufteilung des „totaalvoetbal“ erinnert. Die Außenverteidiger positionierten sich extrem hoch, wodurch im Zentrum eine Überzahlsituation erzeugt und mit stetigen Positionsrochaden für Unruhe gesorgt wurde. Es ging weniger darum, wer die Positionen besetzt, sondern mehr darum, dass die Positionen besetzt sind. Totaler Fußball halt.

(Photo by Stephen Pond/Getty Images)

Gegen den Ball agierte sein Team meist aus einem Mittelfeldpressing. Sie verteidigten in ihrer Grundausrichtung nicht allzu hoch, aber in dieser Ordnung äußerst aggressiv. Situativ ging Norwich aber dazu über, die Gegner bis an den gegnerischen Strafraum unter Druck zu setzen. Bei unsauberen Anspielen oder schlechter Grundpositionierung etwa. Hohes Pressing sollte bei der Borussia künftig also eher als Mittel zum Zweck dienen – und kein Diktum mehr sein, wie es unter Adi Hütter und Marco Rose noch war.

So erfolgreich Farke in der Championship war, in der Premier League kam er mit der Spielweise an seine Grenzen. Aufgrund des niedrigen Etats des Klubs und der daraus resultierenden Tatsache, dass sein Team individuell wohl das schwächste der Liga war, sollte man jene Saison nicht überbewerten. Aber es lehrt trotzdem etwas über den Neu-Borussen. Die Passgenauigkeit seines Teams sank gegen das besser abgestimmte und athletischere Pressing der Premier-League-Klubs in den Keller. Zu viele Fehlpässe und eine im Ballbesitz so breite Grundordnung, dass sein Team die Räume nicht rechtzeitig schließen konnten, führten dazu, dass Norwich 75 Gegentore kassierte. Die meisten aller Premier-League-Teams in jener Saison.

Daniel Farke wird in Norwich noch immer geliebt

Farke, das zeigte sich spätestens in seiner ersten Saison als Premier-League-Trainer, ist ein Idealist, kein Pragmatiker. Aber auch ein Trainer, der Fans begeistern kann. Bei den meisten Norwich-Fans hat er noch heute Legendenstatus. Sein Gesicht wurde von den Fans sogar auf eine Außenmauer eines Pubs in der Nähe des Stadions gesprüht. So groß wie ein Fußballtor. „Den Fußball, den Norwich aktuell spielt, ist der beste, den ich jemals gesehen habe“, sagte ein Norwich-Fan gegenüber dem ZDF-Sportstudio, als Farke dort noch Trainer war.

Was er mit Mönchengladbach vor hat, kündigte er indirekt schon an. „Ich mag es, wenn ich einen Klub auf ein höheres Niveau bringen kann. Also zum Beispiel: aus einem Mittelklasseverein ein Team zu formen, das in Europa spielen kann. Oder ein Europa-League-Team in ein Champions-League-Team zu verwandeln“, sagte Farke jüngst in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung.

(Photo by Stephen Pond/Getty Images)

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