FC Bayern | Hansi Flick und der DFB: falsches Timing

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Spotlight | Unter der Woche gab Bundestrainer Joachim Löw seinen Rücktritt nach der Europameisterschaft bekannt. Als heißester Kandidat auf seine Nachfolge gilt Bayerns Erfolgstrainer und Löws ehemaliger Assistent Hansi Flick. Aber so naheliegend die Lösung klingt, sie kommt zum falschen Zeitpunkt. Ein Kommentar. 

FC Bayern oder DFB: Was will Hansi Flick?

Selten wurde eine Pressekonferenz des FC Bayern mit soviel Spannung erwartet wie die am vergangenen Freitag, Nachdem Bundestrainer Joachim Löw (61) seinen Rücktritt bekanntgab, wurde unter Fans und Medien fröhlich spekuliert, wer ihm denn nachfolgen könne. Aus Liverpool kam relativ zeitnah eine klare Absage, sodass der Name Jürgen Klopp (53) von der Liste gestrichen werden konnte. Ralf Rangnick (62) signalisierte grundsätzlich Bereitschaft an einer Zusammenarbeit mit dem DFB. Nun schaute alles auf das Pressestüberl an der Säbener Straße, um zu erfahren, wie sich Hansi Flick (56) äußern würde.

 

Er wählte letztendlich den Zwischenweg. So gehen die Spekulationen weiter. Seine Mannschaft ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Im Weserstadion lieferten die Münchener gegen einen in dieser Saison defensiv durchaus unangenehmen Gegner den souveränsten Auftritt seit Langem. Sie dominierten spielerisch, führten zur Pause 2:0 und gewannen letztendlich hochverdient 3:1. Allein Robert Lewandowski (32) traf noch drei weitere Male das Aluminium und musste zusehen, wie Jiří Pavlenka (28) ihm darüber hinaus noch einige Möglichkeiten zunichtemachte.

 

 

Die Erfolgswelle unter Hansi Flick, sie geht vorerst weiter. Die Frage ist, wie lange? Dass der DFB ihn, wenn es möglich wäre, schon diesen Sommer verpflichten würde, ist ein offenes Geheimnis. Allerdings machte Oliver Bierhoff (52) klar, dass man von Verbandsseite bei keinem Trainer initiativ werde, der über den Sommer hinaus vertraglich gebunden ist.

FC Bayern: Die schwierige Frage nach dem Nachfolger

Die Fäden hat damit noch immer der FC Bayern in der Hand. Anfang Februar schloss Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge (65) bei SPORT1 ein DFB-Engagement Flicks im Sommer kategorisch aus: „Ich habe immer gesagt, dass der Trainer der wichtigste Angestellte ist und wir eine Vertrags-Vereinbarung haben, die bekannt ist. Von daher ist das überhaupt kein Thema. Wir werden nicht die Probleme des DFB lösen. Und wenn ich ehrlich bin: Wäre ich Trainer und sollte vom Arbeitgeber FC Bayern zum Arbeitgeber DFB wechseln, würde mir das lediglich ein Schmunzeln entlocken“, entgegnete er auf die Frage, ob er Hansi Flick vorzeitig aus seinem Vertrag entbinden würde, sollte ihn dieser darum bitten.

Im Kicker erneuerte sein Nachfolger Oliver Kahn (51) diese Haltung. Er sei „entspannt, da Hansi Flick bei uns einen Vertrag bis 2023 besitzt.“ Und es gibt einige Gründe, die dafür sprechen, dass er das auch zurecht ist.

Zum einen wäre da die Frage nach einem potentiellen Nachfolger. Mit Hansi Flick hat man das perfekte Profil aus taktischer Raffinesse und menschlichem Geschick gefunden. Noch dazu hat er als Ex-Spieler den von Ehrenpräsident Uli Hoeneß (69) hoch geschätzten „Stallgeruch“. Diese Kombination gibt der Markt im Moment nicht her. Sollte es tatsächlich zu einem Bundestrainer Flick kommen, wäre RB-Coach Julian Nagelsmann (33) der Wunschkandidat des Rekordmeisters. Bei Sportvorstand Hasan Salihamidžić (44) steht er hoch im Kurs. Allein, die Zweifel, dass RB ihn ohne weiteres Zutun nach München ziehen lassen wird, sind so groß, dass sie eigentlich Dreifel heißen müssten. Wenn, dann nur gegen eine stattliche Ablösesumme. Und dieses Preisschild wird der FC Bayern wohl auch Hansi Flick um den Hals hängen. Wie groß die Bereitschaft des DFB dann noch ist, steht auf einem anderen Blatt.

FC Bayern: Für Nagelsmann kommt der Rekordmeister – noch – zu früh

Aber auch mit Nagelsmann hätte der Rekordmeister – zumindest kurzfristig – nicht den heiligen Gral gefunden. Hansi Flick hat sich mit seinen 56 Jahren – und unter anderem durch den WM-Titel in Brasilien 2014 – ein unfassbares Standing bei den Schlüsselspielern des FC Bayern erarbeitet. Sie vertrauen ihm blind. Dieses Standing kann Julian Nagelsmann, bei aller taktischen Kompetenz, mit seinen 33 Jahren noch nicht haben. Er ist in einer Altersgruppe mit Robert Lewandowski und Thomas Müller (31). Ihnen von der Seitenlinie Anweisungen zu geben, erscheint im Moment schwer vorstellbar. Die ältesten Spieler bei RB sind Ersatztorhüter Philipp Tschauner (35), Peter Gulacsi (30) und Kevin Kampl (30). Der Kader hat ein Durchschnittsalter von 24,5 Jahren.

Bildquelle: imago

Schon 2017, damals noch in Diensten der TSG Hoffenheim, sagte Nagelsmann, dass ihn der FC Bayern „ein Stück glücklicher machen würde“. Entschiede er sich jetzt schon für einen Wechsel nach München, droht er, nicht zuletzt aufgrund der hohen Erwartungen durch Flicks Erfolge, „verbrannt“ zu werden. Und auch der Verein selbst würde sich, wie 2018 mit Niko Kovac (49), wieder ein Stück weit auf ein Experiment einlassen. Das Ganze während einer Pandemie, wohlgemerkt.

Karl-Heinz Rummenigge und Präsident Herbert Hainer (66) werden nicht müde, gebetsmühlenartig zu wiederholen, dass auch der FC Bayern unter den wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 leidet. Insofern werden sie sicherstellen wollen, dass der sportliche Erfolg konstant vorhanden ist und so wenig Risiko wie möglich gehen wollen. Eine Talfahrt, wie sie jeweils im Spätsommer/Herbst 2018 und 2019 vorkam, steht dabei nicht im Drehbuch. Und dieser sportliche Erfolg ist eng mit dem Namen Hansi Flick verbunden.

EM 2024 vs. Finale dahoam 2023: Welches Großprojekt hat Vorfahrt?

Beim FC Bayern ist er im Begriff, dem Umbruch nach der Ära Ribéry/Robben weiter voranzutreiben. Mit Joshua Kimmich (26) und Leon Goretzka (26) steht das Mittelfeld der Zukunft schon. Auch die Flügel sind durch Spieler wie Kingsley Coman (24), Serge Gnabry (25) und Leroy Sané (25) hochkarätig besetzt. Bleibt ob des bevorstehenden Abgangs von David Alaba (28) noch die Problemzone Defensive. 35 Gegentore kassierte der Rekordmeister in 25 Bundesligaspielen. Ab Sommer soll Dayot Upamecano (22) mithelfen, diesen Wert nach unten zu schrauben.

Es fällt auf, wie zukunftsorientiert Hasan Salihamidžić seine Transfers auslegt. Nicht ohne Grund. Denn während der DFB die Weichen auf die Heim-EM 2024 stellt, will der FC Bayern pünktlich zum Champions-League-Finale im eigenen Stadion 2023 eine Mannschaft auf dem Zenit ihres Schaffens haben. Nottingham Forest (1979), Olympique Marseille (1993), Borussia Dortmund (1997) sowie der FC Chelsea (2012) konnten bisher den Königsklassentitel in München gewinnen, aber eben nicht der FC Bayern.

Hansi Flick und der DFB – was gegen eine Zusammenarbeit sprechen würde

Deshalb könnte der Verein zumindest auf die Einhaltung des Vertrags pochen. In dieser Zeit könnte der DFB beispielsweise eine Zwischenlösung präsentieren. Als solche werden Ralf Rangnick, U21-Nationaltrainer Stefan Kuntz (58) oder auch Lothar Matthäus (59) gehandelt. Es wäre von allen Optionen die geräuschloseste. Und nachdem Bundestrainer Joachim Löw vor zwei Jahren mitten in die Vorbereitungen für das Champions-League-Achtelfinalrückspiel gegen den FC Liverpool (1:3) platzte, um Thomas Müller, Jérôme Boateng (32) und Mats Hummels (32) aus der Nationalmannschaft auszuschließen sowie es gute sechs Monate später verpasste, sich nach den Aussagen von Marc-André ter Stegen (28) für Manuel Neuer (34) als klare Nummer eins auszusprechen und dadurch Druck aus der Angelegenheit zu nehmen, hat der DFB seine Kreditlinie in München ziemlich weit ausgereizt. Sollte Hansi Flick den FC Bayern unvermittelt verlassen, würde dieser Konflikt ein weiteres Kapitel bekommen.

Ein Bundestrainer Hansi Flick scheint zwar prinzipiell gut vorstellbar zu sein. Auch er selbst könnte auf diese Art und Weise – nachdem er auf Vereinsebene schon alles gewonnen hat – seine Karriere sanft ausklingen oder gar gipfeln lassen. Das alles hängt im Moment aber noch von zu vielen kleinen und großen Faktoren ab, um in näherer Zukunft Realität zu werden. Es scheint, als versuche jemand, den Fast-Forward-Knopf zu drücken und die fußballerischen Entwicklungen der Zukunft in die Gegenwart zu pressen, ohne den Dingen die Zeit zu geben, sich zu entwickeln. Ja, Hansi Flick könnte wieder beim DFB arbeiten. Ja, die Wahrscheinlichkeit, dass Julian Nagelsmann irgendwann den FC Bayern trainieren wird, ist sehr hoch. Man hat aber das Gefühl, dass das Timing nicht stimmt.

 

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Victor Catalina

Victor Catalina

Mit Hitzfelds Bayern aufgewachsen, in Dortmund studiert und Sheffield das eigene Handwerk perfektioniert. Für 90PLUS immer bestens über die Vergangenheit und Gegenwart des europäischen Fußballs sowie seine Statistiken informiert.

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