Hainer, Kahn, Salihamidzic: Der FC Bayern und das massive Problem mit der Kommunikation

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Die Saison 2021/22 ist vorüber, mit dem Supercup zu Beginn und der Meisterschaft am Ende der Saison holte der FC Bayern München zwei Titel. Die Stimmung rund um die Feierlichkeiten am Saisonende war aber nicht vollends ausgelassen. Das hat mehrere Gründe. Einer davon ist, dass derzeit mehr Fragen zu stellen sind, als es Antworten gibt. Hierbei spielt die Kommunikation eine wichtige Rolle. 

Deutscher Meister ist der FC Bayern zwar geworden, dennoch dominieren in den letzten Wochen Störgeräusche die Schlagzeilen. Robert Lewandowski (33) will den Klub verlassen, die Vertragsverlängerung gehen generell schleppend voran, von einer finanziell zumindest nicht einfachen Lage ist die Rede. Julian Nagelsmann (34), Trainer des Klubs, will Dinge verändern und bezieht Stellung zu möglichen Veränderungen. Allerdings ist der junge Trainer der einzige Verantwortliche, der sich derart klar positioniert. Und das ist ein Problem auf mehreren Ebenen.

Kahn und Hainer: Wer führt eigentlich beim FC Bayern?

Der große Führungswechsel beim FC Bayern wurde mit Spannung beobachtet. Oliver Kahn (52) übernahm nach einer Einarbeitungszeit das Amt als Vorstandsvorsitzender beim Rekordmeister, Herbert Hainer (67) fungiert seit 2019 als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender. Uli Hoeneß (70) agiert zumeist im Hintergrund, Karl-Heinz Rummenigge (66) ist nur noch bei der UEFA tätig. Die Kommunikation in München ist eine andere geworden. Die Mischung aus einem Lautsprecher wie Hoeneß und einem häufig beschwichtigenden Rummenigge ist nicht mehr zu erkennen. 

Stattdessen fragt man sich als Außenstehender, wer gerade beim FC Bayern eigentlich in welcher Form führt? Die Interviews der Verantwortlichen des Rekordmeisters werfen nicht selten mehr Fragen auf, als sie eigentlich beantworten. Viel reden, wenig sagen: Das scheint das Credo von Kahn und Hainer zu sein. Über eine klare Ausrichtung und Planung des Klubs, die auch erläutert werden könnte, ohne explizit Namen möglicher Neuzugänge zu erwähnen, erfährt die Öffentlichkeit nicht viel. 

FC Bayern Bundesliga Kommunikation

(Photo by CHRISTOF STACHE/AFP via Getty Images)

Dabei wäre genau das sinnvoll: Zu erklären, wohin man möchte. Nach Transferperioden, in denen immer mehr fußballerische Qualität abhanden gekommen ist. Nach dem Thiago-Abgang wurden mehrere Mittelfeldspieler verpflichtet, die ihn nicht ersetzen konnten. Das Aufbauspiel wird von Saison zu Saison schwächer, im Kader stehen weit mehr Athleten als Fußballer. Die Verantwortlichen werden nicht müde zu betonen, dass die Pandemie Auswirkungen auf die Finanzen hat und dass man als Klub den Gürtel enger schnallen müsse, was Kreativität auf dem Transfermarkt erforderlich macht. Wie diese genau aussehen soll? Das ist nicht bekannt, wird höchstens angedeutet. Das alles vor dem wichtigsten Transfersommer der letzten Jahre. 

Lewandowski und die Vertragsverhandlungen: Was stimmt wirklich?

Ein konkretes Beispiel ist die Zukunft von Robert Lewandowski. Der Pole will seinen Vertrag beim FC Bayern nicht verlängern. Zunächst deutete sich das nur an, mittlerweile ist es aber von beiden Seiten bestätigt. Auch hier wirft die Kommunikation Fragen auf, hier kommt auch Sportvorstand Hasan Salihamidzic (44) nicht gut weg. Wochen-, gar monatelang betonte er ebenso wie die anderen Führungskräfte, dass „Lewy“ ein wichtiger Bestandteil des Klubs ist und man den Weg gerne gemeinsam weitergehen möchte. Warum also hat es dann keine konkreten Verhandlungen gegeben, warum sprach man in München derart positiv über, aber nicht mit einem der wichtigsten Spieler im Kader?

Medienberichten zufolge hatte Salihamidzic sehr lange die Idee im Kopf, die Minimalchance auf eine Verpflichtung von Erling Haaland (21) zu wahren, wohlwissend, dass die Konkurrenz mehr Geld bezahlen kann. Das kam bei der Spielerseite nicht gut an. Zuletzt betonte Lewandowski selbst, kein Angebot erhalten zu haben, was wiederum in Widerspruch zu den Aussagen der Bayern-Verantwortlichen steht, die auch in diesem Fall häufig versäumten, für Klarheit zu sorgen. Klar ist aktuell, dass die Entscheidung des Stürmers unumstößlich ist und als Einheit präsentieren sich die Verantwortlichen nur bei der Frage, ob der Spieler im Sommer verkauft werden könnte. Das verneinen nämlich alle.

Und das sogar in aller Deutlichkeit. Hier könnten die Aussagen natürlich taktischer Natur sein, um das maximale Angebot für den Polen zu erhalten und Interessenten wie den FC Barcelona über die eigene Schmerzgrenze hinaus zu treiben. Doch bei Aussagen wie „Lewandowski hat Vertrag bis 2023, den wird er erfüllen, basta“, wie sie Oliver Kahn am Rande der Meisterfeier tätigte, bliebe noch immer ein Verlust der Glaubwürdigkeit, sollte der Spieler doch verkauft werden.

Salihamidzic in der Schusslinie: Warum fehlt die Transparenz?

Obwohl Oliver Kahn noch nicht den Eindruck macht, als führte er den Klub in entsprechender Art und Weise und auch wenn bei Herbert Hainer immer wieder die Frage offen bleibt, ob er wirklich über 15 Jahre CEO bei einem Unternehmen wie Adidas war, steht Hasan Salihamidzic wesentlich mehr in der Schusslinie. Zweifelsohne existieren auch bei „Brazzo“ Angriffspunkte, er hat die Kaderplanung schließlich mitzuverantworten und einige Spieler verpflichtet, die wenig bis gar keine Rolle spielen, wenn man beispielsweise an Bouna Sarr (30), Marc Roca (25) oder den sehr unglücklich agierenden Marcel Sabitzer (27) denkt. Auch die Verhandlungen um die Vertragsverlängerungen von Spielern wie Thomas Müller (32), der schon unterschrieben hat, Manuel Neuer (35), dessen Verlängerung bevorsteht und Serge Gnabry (26), der aktuell eher zu einem Abgang tendiert, verliefen schleppend.

Nun bewegt man sich zwar wieder auf die Ebene der Gerüchte, aber wenn gleich mehrere Spieler den Eindruck haben, es herrsche eine Ungerechtigkeit bei der Behandlung und der Priorisierung der Vertragsgespräche, dann ist zumindest ein Funken Wahrheit dran. Die interne Kommunikation lässt sich von außen natürlich nur schwer beurteilen, aber wenn selbst in der Öffentlichkeit zahlreiche Elemente nicht oder nur unzureichend erklärt werden, lässt das tief blicken. Doch zurück zu Salihamidzic: Uli Hoeneß sprach davon, dass die Kritik ungerechtfertigt sei und nannte diese sogar eine „Hetzjagd“.

FC Bayern

. (Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Der Ehrenpräsident führte an, dass niemand über „Brazzo“ sprach, als der FC Bayern sechs Titel gewonnen hat. Das mag in dieser Form stimmen, aber die Saison wurde schließlich auch dadurch gerettet, dass zwei Last-Minute-Leihen den Kader auffüllten. Und seitdem nahmen die Defizite im Kader zu, die Defensive wurde wackeliger, die Abhängigkeit von Einzelspielern wieder größer. Dass mehrere Spieler, die eine enorme Qualität mitbringen, ablösefrei gingen und vielleicht auch gehen werden, spielt zudem eine Rolle.

In der Personalie Salihamidzic ist eine fehlende Transparenz am deutlichsten erkennbar. Der Sportvorstand wird häufig in Schutz genommen, soll gute Arbeit leisten, auch intern Abläufe verbessern und Dinge vorantreiben. Nur: Was das genau ist, bleibt unbeantwortet. Würde die Kritik an Salihamidzic nicht leiser werden, wenn abgesehen von den offensichtlichen Bewertungskriterien wie Vertragsverlängerungen und Transfers transparent offengelegt werden würde, in welchen Bereichen der 44-Jährige konkret für Innovationen sorgt? So bleibt aktuell eher die Frage im Raum stehen, ob es sinnvoll ist, den 2023 auslaufenden Vertrag zu verlängern.

Uli Hoeneß: Ein Ausbruch, der niemandem beim FC Bayern hilft

Dass sich ausgerechnet jetzt, in einer Phase, in der es ohnehin schon alles andere als ruhig beim FC Bayern ist, auch noch Ehrenpräsident Hoeneß im Zuge der Schalenpräsentation am Marienplatz dazu genötigt sah, zum Rundumschlag beim Rekordmeister auszuholen, trägt nicht zur Beruhigung bei. Neben einer Kritik an Niklas Süle (26), der eigentlich nicht für den Kader eingeplant war, später aber aufgrund von Ausfällen noch mit nach Wolfsburg reisen sollte, das aber ablehnte, sprach Hoeneß noch weitere Themen an. Bei Lewandowski gehe es wie oft vor allem um Geld, die ausgelassene Feier des VfB Stuttgart könne er überhaupt nicht verstehen und natürlich war auch Salihamidzic ein Thema: „Jetzt höre ich nur noch Hasan, Hasan! Er ist nicht allein für den Transfermarkt verantwortlich. Sondern der ganze Vorstand!“

Gut, dass Hoeneß das anspricht. Die Intention war natürlich, Salihamidzic aus dem Fokus der Kritik zu nehmen. Liest man sich die Aussage aber noch einmal durch und vergegenwärtigt sich, was in den letzten Jahren für neue Probleme im Kader und auf dem Transfermarkt hinzukamen, stehen plötzlich alle Beteiligten in der Kritik. Niemandem ist mit diesem Ausbruch geholfen und obwohl sich der Ehrenpräsident des FC Bayern weitgehend im Hintergrund aufhält, wären in diesem Fall diplomatischere Aussagen die richtige Lösung gewesen.

Der Sommer 2022 wird maßgeblich zur Klärung der Frage nach der Zukunft des FC Bayern, insbesondere im Vergleich zu anderen europäischen Topklubs, beitragen. Ein kluger Transfersommer, der Baustellen behebt und nicht weitere öffnet, wird dringend benötigt. Dass Klarheit darüber herrscht, welche Spielertypen gefragt sind, welche Ausrichtung in Zukunft die richtige ist und welche Prioritäten innerhalb des Klubs gesetzt werden müssen, ist anhand der Kommunikation aktuell nicht zu erkennen. Bleibt zu hoffen, dass sich dieser Eindruck in den kommenden Wochen nicht bestätigt.

(Photo by Sebastian Widmann/Getty Images)

 

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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