Gladbach und die vielen Fragezeichen: Verzögerter Umbruch als Lösung?

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Im Sommer heimste Max Eberl, Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach, viel Lob ein. Trainer Marco Rose, der zum BVB ging, wurde durch Adi Hütter ersetzt. Begehrte Stammspieler blieben den Fohlen treu. Und direkt der erste Spieltag gegen den FC Bayern machte Mut. 

Davon ist nicht allzu viel übrig geblieben. Borussia Mönchengladbach blickt auf zwei verheerende Spiele zurück. Mit 1:4 verloren die Fohlen auswärts beim 1. FC Köln das Derby, es folgte ein Debakel gegen den SC Freiburg, bei dem es zur Halbzeit bereits 0:6 stand. Diese beiden Spiele bestätigten einen Eindruck, den man in dieser Saison häufiger von Gladbach bekam. Es fehlt etwas.

Sommer 2021: Schulterklopfer für Eberl

Saisonende 2020/21: Borussia Mönchengladbach hat es nicht geschafft, sich für das internationale Geschäft zu qualifizieren. Und das mit einer Mannschaft, die auf mehreren Positionen über gestandene, erfahrene Spieler verfügt und darüber hinaus einige hochtalentierte junge Spieler in ihrem Kader hat. Medien riefen einen Ausverkauf herbei. Max Eberl, der Sportdirektor, teilte aber permanent mit, dass es einen solchen nicht geben werde. Und seine Aussage hatte Bestand.

Denis Zakaria, Matthias Ginter, Marcus Thuram, Nico Elvedi, Florian Neuhaus, Alassane Plea: Spieler, die bei anderen Klubs auf der Liste standen oder für international spielende Vereine eine gute Option dargestellt hätten, gab und gibt es bei den Fohlen reichlich. Allen Unkenrufen zum Trotz hielten die Fohlen stand und präsentierten Adi Hütter zum Dienstbeginn eine Mannschaft, die sich kennt. Es gibt schlechtere Voraussetzungen, zumal ohne die Europapokalbelastung die Möglichkeit besteht, sich Woche für Woche intensiv auf einen Gegner vorzubereiten.

Es schien also, als sei alles bereitet für eine Jagd nach den Toprängen in der Bundesliga. Zumal mit Spielern wie Manu Koné und Joe Scally auch noch weitere bis dato eher unbekannte Spieler Schritt für Schritt in den Fokus rückten. Letztgenannte spielten teilweise furios, frech und fröhlich auf. Sie sind nicht ausschlaggebend dafür, dass die Borussia aktuell im tristen Mittelmaß der Liga steht. Aktuell drängt sich vielmehr der Eindruck auf, dass im Sommer die Chance verpasst wurde, für deutlich mehr frischen Wind zu sorgen.

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Adi Hütter: Die Sache mit den Voraussetzungen in Gladbach

Wie bereits angedeutet waren die Voraussetzungen, die der neue Trainer vorgefunden hat, alles andere als schlecht, wenn nicht zu sagen exzellent. Hütter kam mit seiner Mannschaft allerdings allenfalls solide in die Saison. Ja, mit Bayern, Leverkusen und Union war das Programm durchaus kompliziert und ein Cheftrainer benötigt Zeit bei der Vermittlung seiner Spielidee, aber gut dreieinhalb Monate später haben sich noch nicht viele Dinge nachhaltig zum Positiven entwickelt. Vergleichsweise wenige Erkenntnisse nach etwas mehr als einem Drittel der Saison heißt aber nicht automatisch, dass daraus nicht auch ein Erkenntnisgewinn zu ziehen ist.

Gladbach Freiburg Debakel

(Photo by Dean Mouhtaropoulos/Getty Images)

Vielleicht waren in der letzten Saison, in der rund um Marco Rose und seinen Abgang nach Dortmund zunächst viel Unruhe und Ungewissheit herrschte, gar nicht eben jene Störfeuer das Problem. Vielleicht zeigt die Tatsache, dass Hütter mit ähnlichen Balance- und Strukturproblemen bei mindestens gleichen Voraussetzungen zu kämpfen hat, dass Rose allerhöchstens ein Teil des Problems war und die Zusammenstellung des Kaders in irgendeiner Facette vielmehr für die Instabilität verantwortlich war und ist.

Wo hakt es konkret aktuell bei den Fohlen?

Zum jetzigen Zeitpunkt steht die Bewertung von Borussia Mönchengladbach natürlich auch maßgeblich unter dem Aspekt der 1:10 Tore aus den letzten beiden Spielen. Und natürlich verdeutlichten diese Partien, dass einiges nicht stimmt. Aber schon vorher war es nicht allzu kompliziert, zu erkennen, dass nicht mehr als gute Phasen und Ansätze vorhanden sind. In der Bundesliga konnte Gladbach nie mehr als zwei Siege nacheinander feiern und selbst das nur einmal. Nur in zwei von 14 Spielen hielt die Defensive, die durchaus prominent besetzt ist, die berühmte Null. 24 Gegentore, schon fünf Auswärtsniederlagen und ein Abstand auf den Relegationsplatz, der mit fünf Punkten geringer ist als der in Richtung Champions League, sprechen eine klare Sprache.

Das Zwischenfazit kann also nicht positiv ausfallen. Doch woran liegt das? Mittlerweile müsste die Mannschaft die Ansätze und Philosophie des neuen Trainers verstanden haben. Da einige Spielertypen denen aus dem erfolgreichen System in Frankfurt ähneln und im Kreativbereich vielleicht sogar mehr Substanz vorhanden ist, lässt sich schwer erklären, warum es nicht funktioniert, den typischen, wuchtigen, hütteresken Fußball zu spielen. Zunächst einmal: Zwei Kader anhand ihrer Spielertypen zu vergleichen, ist eine nette Spielerei, wird der Sache aber niemals seriös gerecht.

Hütter Gladbach

(Photo by Frederic Scheidemann/Getty Images)

Ein Kader ist nämlich ein fragiles Gebilde. Die individuelle Qualität spielt genauso eine Rolle wie die Fluidität im Kader, welche Spielertypen zur Verfügung stehen, welche Formationen damit spielbar sind und welche Anpassungen man als Trainer vornehmen kann, ohne personell viel zu verändern. Das sind die offensichtlichen Elemente, die sofort greifbar sind. Eine Mannschaft muss aber auch persönlich zueinander passen, ein gewisser Hunger muss vorhanden sein, der Wille, gemeinsam an Schwächen zu arbeiten. Jeder muss für den anderen laufen, kämpfen, da sein.

Genau hier kommen, auch wenn das von Außen betrachtet nicht zu 100 % verlässlich eingeschätzt werden kann, Zweifel auf. Eine Aussage von Jonas Hofmann nach dem Freiburg-Deaster lässt tief blicken: „Wir haben desolat verteidigt und das Spiel war unfassbar schnell vorbei, gefühlt spätestens nach dem 0:4. Es ist schwer. Selbst nach dem 0:2 stellt man sich die Frage, ob wir noch in der Kabine sind. Heute bin ich echt sprachlos.“ Das fasst zusammen, was auf dem Platz in dieser Saison immer mal wieder spürbar ist. Gladbach kann sich jederzeit in einen Rausch spielen, wenn aber nicht viel funktioniert, gibt es nur selten einen Ruck in der Mannschaft, der dazu führt, die Dinge wieder umzubiegen.

Auslaufende Verträge und Wechselkandidaten: Der Umbruch kann mit Verzögerung gelingen

Vielleicht ist also der als Geniestreich von Eberl gefeierte Sommer 2021, in dem wichtige Spieler gehalten wurden statt einen „Umbruch light“ durchzuführen, ein Hauptgrund für die aktuellen Probleme. Denn man sollte nicht vergessen, dass Spieler wie Zakaria und Ginter, deren Verträge 2022 auslaufen, bis jetzt nicht einmal in der Nähe einer Verlängerung sind. Das hat Auswirkungen. Auf die gesamte sportliche Planung, auf die Spieler selbst, die ihre ungewisse Zukunft mitunter belastet oder zumindest nachdenken lässt und damit auch auf die ganze Mannschaft.

Ein Spieler wie Neuhaus, der sich mit mehr Wechselgerüchten als Spielminuten konfrontiert sah, ist einer der Akteure, die in dieser Saison mit den größten Leistungsschwankungen zu kämpfen haben. Die gesamte Situation rund um den Verein ist aktuell schwer greifbar, weil keiner der relevanten Dominosteine, die alles ins Rollen bringen könnten, fällt. Dass es in der aktuellen Besetzung zu einer Verbesserung kommt, ist angesichts der Qualität nicht auszuschließen. Dass es gelingt, die Probleme, die nunmehr seit einem guten Jahr herrschen, mit dem aktuellen Material und der nun einmal vorherrschenden Struktur im Kader zu beheben und das nachhaltig, darf auch angezweifelt werden.

Es muss also eine Lösung hier. Eine Lösung, die – hinterher ist man immer schlauer – womöglich schon im Sommer 2021 in Angriff genommen hätte werden müssen. Der Umbruch bei den Fohlen könnte und sollte 2022 radikaler ausfallen. Entscheidet man sich zeitnah dafür, kann die sportliche Leitung planen.

Eberl ist gut vernetzt, er verfügt über ein breit aufgestelltes Scouting und hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er ein gutes Näschen für Talente haben kann. Die Fohlen sind eine gute Anlaufstelle für junge Spieler und Hütter zeigte in Frankfurt, dass er mit vielen Veränderungen im Kader umgehen kann. Gladbach, Eberl und Hütter: Der gemeinsame Weg kann erfolgreich sein. Der wirkliche Startschuss muss nur bald fallen. 

Photo by Dean Mouhtaropoulos/Getty Images)

 

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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