Modeste ein Gewinn für Borussia Dortmund? Das Streitgespräch

Modeste
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Borussia Dortmund hat auf die Tumorerkrankung von Sebastien Haller reagiert und Anthony Modeste vom 1. FC Köln verpflichtet. Rein physisch scheint das ein guter Griff als Ersatz zu sein. Doch wie gut passt der Neuzugang zum BVB und dessen Philosophie? 

Modeste-Transfer: Passt der Neuzugang zum BVB?

Anthony Modeste (34) ist ein Spieler, der in Köln zuletzt wieder extrem wichtig wurde. Der Angreifer hat mit seinen Toren dafür gesorgt, dass die Domstädter vom Europapokal träumen können. Gelingt die Qualifikation in den Playoff-Spielen, dröhnt die Effzeh-Hymne wieder durch einen UEFA-Wettbewerb. Schon diese Playoff-Partien muss Köln aber ohne den Torjäger absolvieren, denn sein Wechsel nach Dortmund ist fix. Fünf Millionen Euro Ablöse, offenbar rund sechs Millionen Euro Gehalt kostet der Spieler. Nun, der BVB hat dieses Geld und wollte dringend schnell handeln, nachdem die fixe Diagnose bei Sebastien Haller (28) verkündet wurde.

Dass Modeste Tore schießen kann, liegt auf der Hand. Dass er keine nachhaltige Lösung ist, die Dortmund auch nicht suchen konnte, ebenfalls. Folglich soll und muss nur das eine, das kommende Jahr betrachtet werden. Wie immer im Streitgespräch diskutieren zwei Redakteure, ob der Modeste-Deal zu einem Volltreffer wird.

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Modeste und Borussia Dortmund – das wird passen!

Von einer „absoluten Wunschlösung“, die man kreieren konnte, sprach BVB-Sportdirektor Sebastian Kehl nach der Verpflichtung von Anthony Modeste. „Er gibt unserer Mannschaft etwas, was wir aufgrund der Erkrankung von Sébastien Haller aktuell nicht haben.“

Gegen Leverkusen einsnullte sich Borussia Dortmund zum Sieg, der – qua Chancenverhältnis in der zweiten Hälfte – durchaus als glücklich betrachtet werden darf. Patrik Schick vergab zweimal frei vor Gregor Kobel. Exequiel Palacios traf zwar, allerdings aus Abseitsposition. Auch beim Eigentor Nico Schlotterbecks stand Sardar Azmoun zuvor in der verbotenen Zone.

Angesichts dessen fällt es nicht schwer, nachzuvollziehen, weshalb Kehl Anthony Modeste als „Wunschlösung“ bezeichnet. Natürlich hätte man auch dem bereits vorhandenen Personal vertrauen können, das in der Theorie durchaus in der Lage ist, die Position auszufüllen. Praktisch reicht allerdings ein Blick auf die Partien der Vorsaison, in denen Erling Haaland verletzt ausfiel. Zumal Dortmund für ein Pressingspiel wie dem des FC Bayern vor allem auf den defensiven Außenpositionen die Geschwindigkeit zur Konterabsicherung fehlt. Mateu Morey wäre ein Kandidat, bei dem aber noch nicht abzusehen ist, wie lange er braucht, um nach seiner schweren Knieverletzung wieder zum alten Level zu finden und ob, und wenn ja, welche Auswirkungen die Verletzung auf seine Geschwindigkeit hat.

Anthony Modeste Dortmund

Photo by PATRIK STOLLARZ/AFP via Getty Images

Bleibt noch die klassische Neun. Natürlich lesen sich die Zahlen Modestes außerhalb des 1. FC Köln eher mittelprächtig. In Hoffenheim stand er jedoch nur 36 von 64 Mal in der Startelf, verglichen mit den 110 von 146 Mal in Köln. Bei Tianjin Tianhai, für die Modeste in China spielte, war er oftmals auf sich allein gestellt. Sowohl Peter Stöger, als auch Steffen Baumgart schenkten ihm das Vertrauen und machten ihn zum Zentrum im Angriffsspiel, Modeste zahlte es in Toren zurück. Bis Haller zurückkommt, wird er in Dortmund dieselbe Situation vorfinden. Zumal Edin Terzic ebenfalls als sehr kommunikativer Trainer bekannt ist.

Mit Haller hat Dortmund seine A-Lösung im Sturm gefunden. Es brauchte kurzfristig weniger die Reinkarnation Ronaldo Nazários, sondern einen zuverlässigen Stürmer, der die Liga kennt und in der Lage ist, seine Tore zu machen. Genau das ist Modeste.

Victor Catalina

Der Neuzugang wird kein voller Erfolg beim BVB

Klar, der BVB war in einer vertrackten Situation: Bei Sebastien Haller, dem neu verpflichteten Stürmer, wurde weniger als zwei Wochen vor Saisonstart Hodenkrebs diagnostiziert. Glücklicherweise gelten die Heilungschancen als hoch, die Dortmunder müssen trotzdem mindestens bis zum Winter auf Haller verzichten. Wer wird also in der Hinrunde für Borussia Dortmund stürmen? Ein Blick auf den Kader hat gezeigt: Nur ein Spieler, dem das eindeutige Label Mittelstürmer anhaftet, war noch übrig: Youssoufa Moukoko. Ein 17-Jähriger, der bisher „erst“ fünf Bundesligatore erzielt hat. Zusätzlich können auch Karim Adeyemi und Donyell Malen im Mittelsturm spielen und haben dies bei ihren ehemaligen Vereinen bereits gemacht. Und auch Marco Reus und Thorgan Hazard können diese Position ausführen.

Adeyemi kam bei RB Salzburg in 67 Spielen als Stürmer – fast ausschließlich als Teil einer Doppelspitze – auf 32 Tore und 22 Assists. Ähnlich eindrucksvoll sind die Zahlen von Malen, als er bei PSV Eindhoven im Sturm spielte: In 76 Spielen kam er auf 46 Tore und 20 Assists. Auch er agierte meistens als Teil eine Doppelspitze, aber auch als Mittelstürmer in einem 4-3-3 fand er sich damals zurecht. Zum Beispiel am 14. September 2019, als er in dieser Rolle beim 5:0 von PSV Eindhoven gegen Vitesse Arnheim alle fünf Tore erzielte. Und Moukoko? Klar, in der Bundesliga hat er bisher noch nicht so funktioniert, wie die Dortmunder es sich gewünscht hätten. Allerdings stand er vor dieser Saison auch erst für 620 Minuten auf Bundesligarasen. Also noch keine sieben vollen Spiele. Mit dieser Zahl im Hinterkopf erscheinen die fünf Tore und zwei Torvorlagen, die er bisher in der Bundesliga lieferte, in einem positiveren Licht. Zudem überzeugte Moukoko bisher überall, wo ihm das Vertrauen geschenkt wurde: Als 15-Jähriger in der A-Junioren-Bundesliga sowie als 17-Jähriger in der U21-Nationalmannschaft. Zugegeben, das Niveau ist niedriger als das der Bundesliga, aber eine ernsthafte Chance hätte sich Moukoko mit dieser Vita allemal verdient. Im übrigen ist er auch ein unermüdlicher Arbeiter gegen den Ball.

Bundesliga Modeste Dortmund

Photo by INA FASSBENDER/AFP via Getty Images

All diese Argumente, die gegen die Verpflichtung eines neuen Stürmer sprechen, zählten nicht, denn auch in Dortmund hängt man einem Hokuspokus an, der in Deutschland schon fast zum Kulturgut gehört: dem Fetisch nach „echten“ Stürmern. Nach Kanten, nach Strafraumstürmern, nach Torjägern – oder was es da noch alles für schwachsinnige Zuschreibungen gibt. Und diese völlig veraltete Schublade von Stürmern passt keiner der Obengenannten. Deswegen verpflichteten die Verantwortlichen mit Anthony Modeste einen solchen „echten“ Stürmer. (Der FC Bayern scheint da schon weiter zu sein.) Das Problem dabei: Bis auf die 20 Tore aus der vergangenen Saison, erzielte Modeste seit über fünf Jahren in keiner Spielzeit eine zweistellige Anzahl an Toren. Nur zweimal kam er in dieser Zeit, abgesehen von der vergangen Saison, auf über fünf Tore. Die Statistiken einer Tormaschine sehen anders aus. Und darüber hinaus ist Modeste ein verheerendes im Spiel gegen den Ball. Finanziell wird der Modeste-Transfer nicht wehtun, sportlich könnte er aber die aktive, dynamische und flexible Spielweise der Dortmunder stören. Für den BVB bleibt zu hoffen, dass der Transfer nach der Saison nur als unnötig gilt.

Ein letztes noch: Einige werden einwenden wollen, Trainer Edin Terzic habe in der Vorbereitung doch verstärkt Flanken trainieren lassen, dafür sei Modeste doch der passende Stürmer. Dazu sei nur eines gesagt: Eine Studie von Sportwissenschaftler Dr. Roland Ley hat die Erfolgswahrscheinlichkeit von Flanken untersucht, mit dem Ergebnis, dass 2,4 Prozent aller Flanken zu einem Tor führen. Anders ausgedrückt: Man benötigt 46 Flanken, um ein Tor zu erzielen.

Florian Weber

(Photo by Martin Rose/Getty Images)

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