Die Relegation: Besitzstandswahrung für Erstligisten

Hertha BSC gewann die Relegation beim Hamburger SV.
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Spotlight | Einmal mehr verhinderte mit Hertha BSC ein Erstligist trotz einer verkorksten Saison den Abstieg, indem er sich in der Relegation gegen einen Zweitligisten durchsetzte, dessen tolles Jahr ohne Krönung bleibt.

Relegation: Kluft zwischen 1. und 2. Liga wird deutlich

Die Hoffnungen waren groß beim Hamburger SV, bei dem nach vier Spielzeiten in der 2. Bundesliga erstmals auch zum Saisonspurt Euphorie aufkam. Fünf Siege am Stück brachten die nicht mehr für möglich gehaltene Teilnahme an der Relegation, wo im Hinspiel bei Hertha BSC auch noch ein 1:0-Erfolg heraussprang. Doch trotz des Vorteils vor 55.000 Fans im ausverkauften Volksparkstadion antreten zu dürfen hatte der HSV letztlich das Nachsehen, da die Berliner einen starken Auftritt legten, der sich im Resultat (2:0) widerspiegelte.

Der Ausgang dieser Relegation kann nur wenig überraschen, obwohl der Hauptstadtklub eine desaströse Saison mit zahlreichen Fehlleistungen auf und neben dem Platz hinlegte. 375 Millionen Euro steckte Investor Lars Windhorst (45) in den Verein, aber die Ergebnisse verschlechterten sich von Jahr zu Jahr. In der Saison 2021/22 vollzog Fredi Bobic (50), der als Geschäftsführer Sport eine unglückliche Figur abgab, gleich zwei Trainerwechsel, setzte im Abstiegskampf schließlich auf Felix Magath (68), der für einen leichten Formanstieg der Hertha sorgte. Am Ende standen zwar nur magere 33 Punkte zu Buche, doch der direkten Klasserhalt wurde lediglich aufgrund der Tordifferenz verfehlt.

Magath gelang es schließlich, seine Mannschaft zumindest zum entscheidenden Relegationsspiel an alter Wirkungsstätte in die Spur zu bringen. Im Gegensatz zum Hinspiel, wo der HSV den Ton angab, war diesmal für jedermann zu erkennen, wer Erst- und wer Zweitligist war. Dedryck Boyata (31) wies nach, warum er der belgischen Nationalmannschaft angehört, köpfte das wegweisende 1:0 und meldete den Hamburger Torjäger Robert Glatzel (28) komplett ab. Der schon für Argentinien auflaufende Santiago Ascacibar (25), Hertha-Rekordtransfer Lucas Tousart (25) – vor zweieinhalb Jahren für 25 Millionen Euro aus Lyon gekommen – und vor allem Altmeister Kevin-Prince Boateng (35), der im Saisonverlauf vor allem verletzungsbedingt ausfiel kontrollierten das Mittelfeld gegen Jonas Meffert (27), Ludovit Reis (21) sowie Maximilian Rohr (26), die im Vorjahr noch für Holstein Kiel, den VfL Osnabrück und die HSV-Reserve ihre Arbeit verrichteten.

Das Offensivduo aus dem umtriebigen Ishak Belfodil (30) und dem einst bei Manchester City spielenden Stevan Jovetic (32) strahlte jederzeit Gefahr aus im Vergleich mit einer Viererkette der Hausherren, die zusammengerechnet 23 Spiele Bundesliga-Erfahrung vorweist. Der beschriebene Qualitätsunterschied spiegelt sich auch im Marktwert wieder. Laut transfermarkt.de beträgt der Marktwert des Hertha-Kaders aktuell 96,2 Millionen Euro, während er beim HSV lediglich 37,45 Millionen Euro erreicht.

Der Weg in die Bundesliga wird steiniger

In den vergangenen Jahren kam der fachkundige Beobachter zu ähnlichen Schlussfolgerungen. 2021 fegte der 1. FC Köln im Rückspiel das von Corona-Quarantänen geplagte Holstein Kiel mit 5:1 vom Platz. Ebenso platzte 2020 der Traum vom Bundesliga-Aufstieg beim 1. FC Heidenheim um den kontinuierlich wirkenden Trainer Frank Schmidt (48). Werder Bremen, das im Saisonverlauf jämmerliche 31 Punkte ergatterte, langten zwei Unentschieden (0:0/2:2) zum Bundesligaverbleib.

Die glorreiche Ausnahme stellt – wie so oft – der 1. FC Union Berlin. Doch auch er benötigte während der Duelle im Mai 2019 reichlich Glück, um den VfB Stuttgart, dem damals ein Freistoß-Traumtor von Dennis Aogo (35) aufgrund einer höchst kuriosen Abseitsstellung aberkannt wurde, niederzuringen. Das 2:2 im Auswärtsspiel sowie das darauffolgende 0:0 an der Alten Försterei leiteten die seitdem nicht mehr aufzuhaltende Erfolgsgeschichte der Köpenicker ein.

Union Berlin stieg in der Relegation auf.

(Photo by JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images)

Ansonsten gewann in den vergangenen Jahren fast immer der Erstligist, was den Status der Besitzstandswahrung unterstreicht. Für kleine, über Jahre hervorragend arbeitende oder lange in der 2. Bundesliga verharrende Vereine öffnet sich die Tür zum Oberhaus immer seltener. Die direkten Aufstiegsplätze sichern sich – wie auch in dieser Spielzeit: Schalke 04 und Werder Bremen – nämlich oftmals die mit anderer Wirtschaftskraft ausgestatteten Bundesliga-Absteiger. Andere gestandene Bundesligisten wie Hertha BSC, dem 1. FC Köln oder VfB Stuttgart tüteten ebenfalls die sofortige Rückkehr ein, wobei sich längst nicht alle schon wieder etablierten.

Klubs mit wesentlich geringeren finanziellen Mitteln wie der SV Darmstadt 98, FC Ingolstadt, Fortuna Düsseldorf, Arminia Bielefeld oder Greuther Fürth verabschiedeten sich spätestens im zweiten Jahr wieder aus der Bundesliga. Der VfL Bochum, der im ersten Jahr nach seiner Abstinenz mit starken 42 Punkten auf Rang 13 landete, gilt als erster Abstiegskandidat für die kommende Spielzeit. Umso höher ist das Werk von Union Berlin einzuschätzen, das nicht nur den Abstiegskampf meisterte, sondern sich zweimal am Stück für einen europäischen Wettbewerb qualifizierte – in der jüngst abgeschlossenen Saison sogar als Tabellenfünfter.

Playoffs statt Relegation?

Der DFL dürfte die Entwicklung der Bundesliga in Richtung „closed shop“ normalerweise missfallen, denn ihr Premiumprodukt kämpft bereits mit Missständen wie der Langeweile im Titelkampf. Dennoch stand eine Abschaffung der Relegation bislang nicht im Raum. Die Zusatzspiele bringen nämlich wichtige TV-Gelder ein, da sie vom Fernsehpublikum angenommen werden. Das Hinspiel zwischen Hertha und dem HSV verfolgten fünf Millionen Zuschauende bei SAT. 1, das Rückspiel gar 5,8 Millionen.

Ein anderer Ansatz könnte TV-Einnahmen und sportliche Gerechtigkeit in ein passendes Verhältnis bringen. Dazu genügt ein Blick nach England, wo in der zweitklassigen Championship im Anschluss an die reguläre Saison der Dritt-, Viert-, Fünft-, und Sechstplatzierte in Playoffs den dritten Premier-League-Startplatz ausspielen. Zunächst duellieren sich der Tabellendritte und- sechste sowie -vierte und -fünfte in Hin- und Rückspiele, ehe die Sieger, im aufgrund der winkenden TV-Gelder beim Aufstieg als „richest game in football“ bezeichneten Endspiel vor über 80.000 Fans in aufeinandertreffen.

Am Sonntag, dem 29. Mai, ist es wieder soweit: Dann greifen der ehemalige Europapokal-Sieger Nottingham Forest und Huddersfield Town, die nach 46 Saisonspielen lediglich zwei Zähler trennte, nach den Sternen. Zahlreiche Anhänger beider Seiten werden voller Euphorie anreisen. Keiner von ihnen muss eine Niederlage gegen den in der Premier League auf Rang 18 eintrudelnden FC Burnley fürchten, die angesichts des Qualitätsunterschieds zwischen der besten Fußballliga der Welt und der Championship wahrscheinlich gewesen wäre. Burnley stieg mit 35 Punkten aus 38 Spielen aus der Premier League, während der Traum von Nottingham oder Huddersfield am Sonntagabend in Erfüllung gehen wird. In Deutschland nahm die Relegation hingegen vielen Zweitligisten diesen Traum.

(Photo by Martin Rose/Getty Images)

Yannick Lassmann

Rafael van der Vaart begeisterte ihn für den HSV. Durchlebte wenig Höhen sowie zahlreiche Tiefen mit seinem Verein und lernte den internationalen Fußball lieben. Dem VAR steht er mit tiefer Abneigung gegenüber. Seit 2021 bei 90Plus.

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