Mainz 05 in der Analyse: Unzufriedenheit als Zeichen der Weiterentwicklung

Mainz 05 Tor Jubel
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Seit Bo Svensson Trainer ist, läuft es beim 1. FSV Mainz 05. Nach dem 1:1 gegen Köln zeigte sich der 42-Jährige aber unzufrieden mit der Leistung seiner Mannschaft. Grund zur Sorge? Eine Analyse.

Mainz 05: Ein beeindruckendes Kalenderjahr

Ginge die Fußball-Bundesliga der Herren über ein Kalenderjahr, stünde sie nun vor dem alles entscheidenden Spieltag. Mit 76 Punkten sind die Bayern bereits dem BVB enteilt, der mit 69 Punkten wiederum einen großen Vorsprung auf Frankfurt (58), Wolfsburg (57) und Leipzig (55) hat. Und wer kommt dann? Die zuletzt starken Freiburger? Gladbach? Leverkusen? Vielleicht sogar Union Berlin? Sie alle belegen die Plätze 7–10.

Auf Platz sechs des laufenden Kalenderjahres liegt der 1. FSV Mainz 05. Aus bisher 33 Partien sammelten sie 14 Siege, 9 Unentschieden und nur 10 Niederlagen – macht 51 Punkte bei 43:42 Toren.

In der vergangenen Saison hätten sie damit am letzten Spieltag die Chance auf einen Europa-League-Platz gehabt, sich aber in jedem Fall für die Europa Conference League qualifiziert. Läuft bei Mainz, seit Bo Svensson auf dem Trainerstuhl sitzt. Und läuft auch in dieser Saison, könnte man angesichts eines guten achten Platzes meinen. Doch wer am vergangenen Wochenende beim 1:1 gegen Köln genauer hingehört und hingesehen hat, dürfte viel Unzufriedenheit entdeckt haben.



Neue Kultur beim 1. FSV Mainz 05

„So kenne ich die Mannschaft nicht. Klar, schlechte Tage kann man haben, aber ich fand eher, dass es an der Einstellung und Haltung lag. Da müssen wir kritisch mit uns selbst umgehen“, sagte Svensson und legte nach: „Sich so vor den eigenen Fans zu präsentieren, ist nicht gut.“ Doch was war passiert? Und was veranlasst den Trainer dazu, so hart mit seiner Mannschaft ins Gericht zu gehen, dass ein 1:1 gegen in dieser Spielzeit durchaus starke Kölner nicht mehr für Zufriedenheit reicht?

Die jüngsten Erfolge von Mainz 05 lassen sich anhand dieser Aussagen womöglich viel besser erklären als mit jeder Taktikanalyse oder mit jedem Sieg. Mit Svensson, aber auch mit der zu Beginn des Jahres ausgetauschten sportlichen Führung rund um Christian Heidel kam eine neue Kultur in den Klub.

Unter den 18 Bundesliga-Klubs wird es eher keinen geben, der nicht danach strebt, die größtmöglichen Erfolge einzufahren. Aber einige von ihnen geben sich nach Rückschlägen tendenziell eher mal geschlagen und suchen nach Rechtfertigungen, während andere womöglich etwas verbissener an ihren Fehlern arbeiten.

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Pressingmaschinen in rot und weiß

Im letzten Jahrzehnt gab es durchaus Momente, in denen Mainz selbstzufrieden wirkte – vielleicht zu selbstzufrieden. Nachdem man sich in der Bundesliga etabliert hatte und mitunter große Erfolge feierte, schaffte man es nicht, den nächsten Entwicklungsschritt zu gehen.

Ob sie diesen nun schaffen, steht in den Sternen. Aber Svenssons Aussagen nach dem Unentschieden gegen Köln zeigen, wie viel Ehrgeiz und Selbstkritik hinter den letzten Monaten stehen. In Mainz ist man sich darüber im Klaren, dass die Erfolge einen Tick mehr Anstrengung benötigen als an anderen Standorten. Es geht vor allem über Intensität, Bereitschaft und Einstellung – Worthüllsen, die abgedroschen klingen, bei den Nullfünfern aber mit Leben gefüllt werden.

Mainz 05

(Photo by Alex Grimm/Getty Images)

Wenn diese Intensität nicht vorhanden ist, sieht das Spiel der Mainzer so ungewohnt träge und statisch aus wie am vergangenen Wochenende. Svenssons Fußball ist darauf ausgelegt, den Gegner so früh wie möglich unter Druck zu setzen. Nur Frankfurt (42,6 pro Spiel) erzeugt im Angriffsdrittel einen Tick mehr Druckmomente für seine Gegner als Mainz (41,3). Im Mittelfelddrittel stehen sie hinter Bielefeld (81,6) ebenfalls auf Platz 2 der Bundesliga (77,2).

Aber auch im Defensivdrittel stehen sie im oberen Drittel der Tabelle (51,3). Das macht insgesamt 169,8 Druckmomente pro Spiel – Platz 2 hinter Frankfurt (170). Statistiken sind zwar nur Zahlen, aber sie untermauern den positiven Eindruck, den der FSV in den vergangenen Monaten hinterlassen hat.

Taktische Schwierigkeiten gegen Köln?

Siege wie jener gegen den FC Bayern in der vergangenen Saison sind kein Zufall, sondern das Ergebnis einer kontinuierlichen Weiterentwicklung. Svensson hat offensichtlich einen guten Draht zur Mannschaft, aber er hat darüber hinaus auch ein gutes Auge für die Details.

In den überwiegenden Partien hat er eine Fünferkette auf den Platz geschickt, aber davor passt er die Staffelung regelmäßig an – auch während der Spiele. Gegen Köln agierten die Mainzer ohne Ball mit einer 5-2-3-Formation. Die Idee dahinter könnte gewesen sein, dass man den Kölner Aufbau aus einer Viererkette heraus mit Überzahl im Zentrum begegnen könnte – also drei Angreifer gegen zwei Innenverteidiger und zwei nachschiebende Sechser gegen Kölns häufig alleinstehenden Sechser.

Der Plan ging aber nicht auf. Bereits in der fünften Minute spielte sich Köln erstmals durch die Mainzer Formation und kam anschließend zu einem gefährlichen Abschluss. Die Szene zeigt stellvertretend die taktischen, aber auch die mentalen Probleme des FSV im ersten Durchgang.

Normalerweise eignet sich ein 5-2-3 sehr gut dazu, die in der Grafik rot markierten Bereiche kompakt zu halten und den Gegner hier ständig zu pressen. Köln aber schaffte es zu oft, sich vom Flügel aus in die Zwischenräume zu kombinieren. Einerseits, indem sie Mainz vertikal auseinanderzogen und so den roten Bereich vergrößerten. Andererseits, indem sie nicht die Schnittstellen der drei pressenden Angreifer bespielten, sondern sie über ihre Außenverteidiger umspielten.

Die natürliche Schwachstelle eines 5-2-3 liegt in den Halbräumen (grün markiert). Hier müssen die Flügelverteidiger, herausrückende Innenverteidiger und die beiden Sechser viel Laufarbeit verrichten, um entsprechend aufzufüllen. Mainz kam aber häufig mindestens einen Schritt zu spät.

Köln gelang es in dieser wie auch in anderen Szenen, zunächst den ballnahen grünen Bereich zu bespielen und von dort in den roten Zwischenraum einzudringen und auf den noch größeren ballfernen grünen Bereich zu verlagern. Plötzlich war Raum da und Mainz konnte nicht mehr agieren, sondern nur noch reagieren.

Selbst wenn es nicht läuft, erkennt man die Mainzer Qualitäten

Aber Svensson stellte zur Pause um und nahm Köln so den Wind aus den Segeln. Im 5-2-3 taten sich die Mainzer schwer mit der Zuordnung, also wechselte Svensson nicht nur personell, sondern auch taktisch. Fortan lief seine Mannschaft im 5-3-2 und dadurch mannorientierter an.

Obwohl die Außenverteidiger der Kölner immer noch viel Raum hatten, tat sich das Team von Steffen Baumgart nun deutlich schwerer damit, von außen nach innen zu eröffnen. Das Dreiermittelfeld der Mainzer war schlicht schneller an den Gegenspielern dran.

Zwar gelang es Mainz nicht mehr, das Spiel entscheidend in die eigene Richtung zu kippen, aber zumindest wurde der Gegner nicht mehr wirklich gefährlich. Und das ist dann womöglich auch eine große Qualität dieser Mannschaft und ihrem Trainerteam. Selbst an Tagen, an denen wenig in die richtige Richtung läuft, schaffen sie es, sich in ein Spiel reinzuarbeiten.

Klassenerhalt? Eigentlich nur Formsache!

In Mainz wird man die Lage realistisch einschätzen können. Der Blick geht zunächst nach hinten, bevor überhaupt von Europa geträumt werden kann. Doch die Stabilität des Teams in der Arbeit gegen den Ball ist bemerkenswert. Viele der in den vergangenen Monaten erzielten Tore entstanden durch hohe Ballgewinne und das bemerkenswert direkte Spiel in die Spitze, wo schnelle Spieler wie Jonathan Burkardt in den Schnittstellen lauern.

Mainz 05 jubelt

(Photo by Alex Grimm/Getty Images)

Es braucht schon sehr verrückte Umstände, um Mainz in irgendeiner Form in den Kampf um den Klassenerhalt zu verwickeln. Die Frage wird eher sein, ob es Svensson schafft, die vorhandenen Defizite abzustellen.

Und dabei geht es dann nicht nur darum, in jedem Spiel die notwendige Intensität auf den Platz zu bringen. Mit 43,6 Prozent Ballbesitz haben die Mainzer den fünftgeringsten Wert der Liga. Das ist vor allem der Spielidee geschuldet. Svensson fordert Tempo, Vertikalität und intensives Pressing sowie Gegenpressing. Und das mit Erfolg.

Der Traum von Europa – Höhenflug 2.0?

Dennoch täte es den Mainzern in einigen Spielphasen gut, wenn sie nicht jeden Angriff mit drei oder vier Kontakten ins Angriffsdrittel bringen würden. Oftmals liegen ihnen diese hektischen Spielphasen, in denen sich Ballverlust an Ballverlust bei beiden Teams reiht, aber gerade in Spielen wie gegen Köln kann das auch zu Kontrollverlusten führen.

Die Passquote von 72,4 % ist die viertschlechteste in der Bundesliga. Hier muss Svensson anpacken, um seinem Team den nächsten Entwicklungsschritt zu ermöglichen. Und gelingt der, träumen sie in Mainz vielleicht doch schneller von Europa, als es Svensson nach dem für ihn enttäuschenden Wochenende lieb sein kann.

Spannend ist es allemal, was sie in Mainz vor etwas weniger als einem Jahr losgetreten haben. Nach furiosem Beginn kommt nun aber die heiße Phase. Denn jetzt müssen alle bestätigen, dass die bisherigen 51 Bundesliga-Punkte im Kalenderjahr 2021 kein Produkt einer einmaligen Serie waren. Allein schon das selbstkritische Anspruchsdenken der Mainzer dürfte den Fans Hoffnung dafür machen.

Schon am Freitagabend kann ihre Mannschaft beim VfB Stuttgart eine erste Reaktion zeigen. Ein Gegner, der ebenfalls einen offensiven Schlagabtausch verspricht. Schaffen es die Mainzer diesmal, über mehr Phasen des Spiels die Kontrolle zu behalten?

(Photo by Alex Grimm/Getty Images)

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