Mainz 05: Was die Defensive des einstigen Sorgenkindes so stark macht

Stefan Bell (links) scheut für den 1. FSV Mainz 05 keinen Zweikampf.
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Spotlight | Nach zwei Gegentoren gegen Bayer Leverkusen hat Mainz 05 zwar nicht mehr die beste Defensive der Liga, das Spiel aber mit 3:2 (0:1) gewonnen. Im Vergleich zum Vorjahr ist es dennoch ein Quantensprung. Das hat verschiedene Gründe.

Mainz 05: Von der Schießbude zum Abwehrbollwerk

Der Schuss von Patrik Schick in der 35. Minute wäre für Mainz-Keeper Robin Zentner in aller Regel wohl kein Problem gewesen. Flach, zentral, eigentlich eine leichte Übung für den Torhüter. Doch weil Kapitän Moussa Niakhaté den Fuß dazwischenhielt, änderte sich die Flugkurve des Balles so unglücklich, dass er am verdutzten Zentner vorbei im linken Eck einschlug. Ein Tor, das irgendwie bezeichnend war. Denn es beendete eine Mainzer Serie von vier Heimspielen in Folge ohne Gegentor. Es hatte zuletzt den Anschein, dass die Nullfünfer in ihrem Wohnzimmer nur durch solch einen krummen Ball zu überwinden waren.

Doch warum sind die Mainzer defensiv so stark? Zur Erinnerung: In der vergangenen Saison wären die Rheinhessen fast abgestiegen. Nach einer katastrophalen Hinrunde mit nur einem Sieg und sieben Punkten spielte Nullfünf damals eine furiose zweite Halbserie und sicherte sich tatsächlich den Klassenerhalt. Die 56 Gegentore waren dennoch die viertmeisten der Liga. In dieser Saison sind es nach 23 Spielen gerade einmal 26. Auch die Zeichen sind andere: Denn sie stehen nicht nur auf Klassenerhalt, sondern auch auf internationales Geschäft.

Mainz-Trainer Svensson bringt die Leidenschaft zurück und reaktiviert Stefan Bell

Ein Hauptgrund dafür ist Trainer Bo Svensson (42), der die Rheinhessen im Winter 2021 am Tiefpunkt übernommen hat. Der Däne, einst selbst Verteidiger in der Rheinland-Pfälzischen Landeshauptstadt, schaffte es, den Nullfünfern wieder ihr leidenschaftliches Spiel einzuimpfen, dass sie zuvor so schmerzlich hatten vermissen lassen. Wie gerne war Mainz in den Vorjahren der David, der den großen Goliaths empfindliche Niederlagen zugefügt hatte. Man erinnere sich nur an das 2:1 beim FC Bayern München im Jahr 2016.

Mittlerweile sind die Mainzer wieder auf dem besten Weg dorthin. Dabei hilft ihnen auch eben jene Leidenschaft, die sie, offensiv wie defensiv, an den Tag legen. Nahezu stoisch hält Svensson an seiner Fünferkette fest. Frei nach dem altbekannten Motto: „Never change a winning team“. Dem gehört seit seiner Übernahme auch wieder Stefan Bell an. Eigentlich schon ausgemustert nimmt er als zentraler Innenverteidiger die Rolle des Abwehrchefs ein. Bell besticht durch Zweikampfstärke, Übersicht, aber auch die nötige Ruhe und Erfahrung. Mit seinen 30 Jahren ist er das älteste Glied in der Kette – aber auch das langsamste.

Niakhaté und St. Juste: Bells giftige Nebenleute

Dementsprechend stehen ihm zwei schnelle, junge Innenverteidiger zur Seite. Wenn er fit ist, dann ist Jeremiah St. Juste als rechter Innenverteidiger gesetzt. Der 25-Jährige hält mit einer Spitzengeschwindigkeit von 36,63 km/h den Sprintrekord in der laufenden Saison. Aktuell laboriert er jedoch erneut an einer Schulterverletzung. Seine Leistungen erregten und erregen jedoch Aufmerksamkeit. So kamen im Winter etwa Gerüchte auf, dass der neureiche englische Klub Newcastle United an dem Niederländer dran sei. Er blieb jedoch in Mainz.

Ganz ähnliches gilt für den dritten Mann in der Dreierkette. Moussa Niakhaté ist FSV-Kapitän und bringt ebenfalls viel Tempo und Zweikampfstärke auf den Platz. Als Besonderheit zeichnet den 25-Jährigen sein Offensivdrang aus. Immer wieder geht er mit nach vorne. Seine langen Einwürfe sind im letzten Drittel eine Waffe, von der die Mainzer immer wieder Gebrauch machen. Darüber hinaus ist er aktuell der gesetzte Elfmeter-Schütze.

Laufstarke Schienenspieler sorgen auch offensiv für Gefahr

Neben den zentralen Innenverteidigern, hinter denen mit Alexander Hack (28) noch ein vierter Mann auf identischem Niveau bereitseht, prägen auch die laufstarken Schienenspieler das Spiel der Nullfünfer. Die Verpflichtung des Schweizer Nationalspielers Silvain Widmer (28) vom FC Basel wurde im Sommer als Coup gefeiert. Und die Fans sollten Recht behalten.

Denn Widmer spielte sich sofort in die Startelf und verdrängte Daniel Brosinski auf der Position des rechten Außenverteidigers. Mit 193 gewonnenen direkten Duellen ist er der beste Defensivzweikämpfer der Mainzer. Seine Laufstärke ist eine echte Waffe, die er auch immer wieder offensiv einsetzt. So gelangen ihm bereits fünf Torbeteiligungen.

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Auf der anderen Seite ist mittlerweile wieder ein Spieler gesetzt, den viele in Mainz ebenfalls schon abgeschrieben hatten. Aarón Martín (24) wurde im vergangenen Winter bereits an Celta Vigo verliehen, ein Transfer kam jedoch nicht zustande. So erhielt er einen neue Chance, sich in Mainz zu beweisen.

Dabei war mit Anderson Lucoqui schon ein neuer junger Linksverteidiger gekommen. Den ehemaligen Bielefelder bremsten jedoch Verletzungsprobleme aus, sodass Aarón auf Links spielte. Nach 23 Spieltagen lässt sich sagen: Der Spanier hat sich nahtlos in die Fünferkette eingefügt und ist, ebenso wie Widmer auf der anderen Seite, laufstark und eine echte Offensiv-Waffe. Gegen Bayer Leverkusen schlug er immer wieder gefährliche Flanken, erzielte zudem ein traumhaftes Freistoß-Tor (57.).

Mainz-Keeper Zentner hat sich weiterentwickelt

Und dann ist da noch der Keeper. Robin Zentner hat sich in der laufenden Saison im Vergleich zu den Vorjahren noch einmal gesteigert. Der 27-jährige sichert den Mainzern mit seinen Paraden immer wieder wichtige Punkte, ist körperlich stark und beherrscht auch seinen Strafraum. Es ist bezeichnend, dass sich mit Finn Dahmen (23) eines der größten deutschen Torhütertalente nicht durchsetzen kann und vor einer möglichen Sommer-Leihe steht. Mit acht Zu-Null-Spielen hält Zentner den aktuellen Saisonrekord.

Mit Dominik Kohr spielt vor dem in der Regel sehr kompakt auftretenden Defensiv-Verbund zudem ein Abräumer, der viele Bälle schon im Vorhinein abfängt. Nach seiner Leihe im Winter 2021 haben ihn die Rheinhessen im Sommer für ein weiteres Jahr von Eintracht Frankfurt ausgeliehen. Kohr ist für das Mainzer Spiel als Mann vor der Abwehr eminent wichtig. Genau wie seine Hinterleute ist er sehr giftig und zweikampfstark.

Bei den Mainzern funktioniert es in dieser Saison vor allem über das Kollektiv. In den individuellen Zweikampfstatistiken sind die Defensivspieler nicht auf den vordersten Plätzen zu finden. Mit 238 gewonnenen Duellen ist der beste Zweikämpfer ein Stürmer – nämlich Karim Onisiwo. Und dennoch ist der FSV mit  2480 gewonnenen Zweikämpfen ligaweit ganz vorne mit dabei. Gleiches gilt für die 17.236 intensiven Läufe, die 309 Fouls am Gegner und die 2672,3 abgespulten Kilometer. Womit wir wieder bei der Leidenschaft wären.

 

Photo by Alex Grimm/Getty Images

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