Fanpanel zum Berlin-Derby: „Sportlich kann man vor Union nur den Hut ziehen“

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Es ist der Höhepunkt des Wochenendes in der Bundesliga. Hertha BSC ist zu Gast beim FC Union, das Derby in der Hauptstadt steht an. Union hat rein tabellarisch einen Vorteil, zuletzt aber eine leichte Konstanzdelle durchleben müssen. Indes hat Hertha positive Ansätze zeigen können.

Im Vorfeld der Partie zwischen den beiden Klubs aus der Hauptstadt haben wir mit Daniel Rossbach (u.a. Textilvergehen) und Chris Robert von Hertha BASE gesprochen, um die Ausgangslage zu besprechen und die Stimmungslage aufzufangen.

„Dass das Derby auf eine Länderspielpause folgt, kann Union nur gut tun“

90PLUS: Elf Spieltage sind in der Bundesliga bisher absolviert. Union Berlin steht mit nur zwei Niederlagen auf einem guten achten Platz. Hertha BSC befindet sich auf Rang 13, verlor aber nur eines der letzten vier Spiele, während die Tendenz bei den Köpenickern etwas konträr dazu verläuft. Wie würdet ihr, auch in Anbetracht der Heimstärke der Köpenicker, die aktuelle Ausgangslage einschätzen?

Daniel Rossbach: Die Saison läuft für Union bisher immer noch hervorragend gemessen an sinnvollen Ansprüchen und Erwartungen. Natürlich gestaltet Union nicht jedes Spiel in der ersten Liga souverän, aber das kann eben auch nicht der Maßstab für das Team sein. So steht man immer noch sehr gut in der Liga da, und ohne unnötige Punktverluste gegen Augsburg, Stuttgart und Köln wäre sogar eine noch phantastischere Position möglich gewesen. Bei diesen Punktverlusten hat zum Teil auch das europäische Extra-Programm eine Rolle gespielt. Dass das Derby auf eine Länderspielpause folgt, in der sich zumindest viele der Spieler etwas erholen konnten, kann Union nur gut tun.

Chris Robert: Keine Frage, die neue Saison ähnelt tabellarisch sehr der letzten, wenn man Hertha und Union vergleicht. Da hat sich (aus unserer Sicht leider) nicht viel verändert. Union hat im eigenen Stadion am Samstag auch trotz Behrens-Ausfall die klar bessere Ausgangslage. Union-Fans sollten sich aber auch nicht zu sicher fühlen: Hertha hat zuletzt auch in schwierigen Phasen sehr positive Derby-Geschichten geschrieben.

Union Hertha

(Photo by Clemens Bilan – Pool/Getty Images)

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„Sportlich kann man vor Union nur den Hut ziehen“

90PLUS: Zu den Fragen bezüglich des eigenen Teams kommen wir noch. Interessant ist aber auch, wie ihr den jeweils anderen Klub seht. Wie schätzt ihr die Entwicklung des Stadtrivalen ein, was fällt euch auf, auch im Vergleich zum eigenen Verein?

CR: Sportlich kann man vor Union nur den Hut ziehen. Die Stabilität, die in Köpenick weiterhin ausgestrahlt wird, ist ein Gefühl, das man bei Hertha schon lange nicht mehr kennt. Ich bin gespannt, ob die Köpenicker die Belastungen in den nächsten Monaten überstehen. Weniger beeindruckt bin ich davon, wie sich der Verein außerhalb des Sports in dieser Corona-Pandemie präsentiert. Da ist aus meiner Sicht vor allem letzte Saison vieles eher „unglücklich“ gelaufen.

DR: Es war in den letzten paar Jahren oft einfach, Häme über Hertha auszuschütten, und dafür brauchte es noch nicht mal einen Anreiz aus Stadt-Rivalität. Und ich bin auch noch skeptisch, dass diese Hertha-Mannschaft bald so gut ist, wie sie den Investitionen in sie nach sein sollte, auch wenn unter den Verpflichtungen durchaus auch gute waren. Aber ganz ehrlich: Hertha interessiert mich auch einfach nicht wirklich.

90PLUS: Diese Saison ist aufgrund der Europapokalteilnahme für den FC Union eine ganz besondere. Die Mehrfachbelastung scheint die Mannschaft nicht nachhaltig zu beeinträchtigen, neun Punkte aus sechs Spielen nach internationalen Aufgaben sind mehr als nur solide. Hättet ihr damit gerechnet, dass Union zum jetzigen Zeitpunkt in der Liga derart gut dasteht? Und welchen Anteil daran hat die Transferpolitik im Sommer?

DR: Damit gerechnet hätte ich auf keinen Fall, weil immer noch gilt, dass nicht nur eine Saison mit Europapokalteilnahme etwas besonderes ist, sondern jede in der ersten Liga. Und daran, dass Union wieder ähnlich gut wie in den vergangenen Jahren funktioniert, hatte die Transferperiode natürlich einen riesigen Anteil, schon weil wieder ein großer Umbruch notwendig war/passiert ist.

Gerade daran ist das entscheidende aber, dass die Mannschaft trotz vieler Zu- und Abgänge ihre Identität nicht verliert. Und Urs Fischer schafft es dann, seine Spielprinzipien wieder auf einen neuen Kader zu übertragen und die Rollen von Spielern wie Rani Khedira und Genki Haraguchi ihren Stärken anzupassen. Die beiden funktionieren in ihren jeweiligen Positionen sehr gut und wirken inzwischen, als wären sie schon seit Jahren Pfeiler der Mannschaft.

Hertha BSC „defensiv zuletzt deutlich stabiler geworden“

90PLUS: Hertha BSC hat es in den letzten Wochen immer wieder geschafft, offensiv gut besetzten Mannschaften die Spielfreude zu nehmen und defensiv immer besser zu funktionieren. Union traf in den letzten Wochen zwar regelmäßig, die Balance war aber nicht immer ideal. Mit welchen Mitteln kann Union die „Alte Dame“ knacken, ohne zu viel zu riskieren, was gegnerische Nadelstiche angeht?

DR: Auch wenn Unions offensive Produktivität ganz gut ist, und es hin und wieder auch gute Spielzüge hin zu Abschlüssen und Toren gab, sind die meisten von Unions Offensivaktionen prinzipiell immer noch reaktiv, also vor allem Resultat von Umschaltaktionen. In gewisser Hinsicht kann die Frage dann schon sein, wer zuerst blinzelt, oder ob es gerade Union gelingt, auch aus einer statischeren Ausgangslage Druck aufzubauen.

Union Berlin

(Photo by Lukas Schulze/Getty Images)

90PLUS: Der FC Union ist eine Mannschaft, die einen klaren offensiven Plan verfolgt und es nicht selten schafft, aus wenigen Angriffssituationen viele hochkarätige Chancen herauszuarbeiten. Hertha BSC hat indes trotz positiver Ansätze noch immer die zweitschwächste Abwehr der Bundesliga. Wie sollte der Defensivplan gegen diesen Gegner konkret aussehen?

CR: Vielleicht sollte man die Abwehrschwäche von Hertha etwas relativieren: 11 von den 24 Gegentore sind in Spiele gegen den FC Bayern und RB Leipzig gefallen. Da fiel die Mannschaft komplett in sich zusammen. In den letzten vier Bundesligapartien hat Pal Dardais Team 4 Gegentreffer kassiert, das ist in diesem Zeitraum immerhin Bundesligadurchschnitt. Das Team ist defensiv zuletzt deutlich stabiler geworden. Was klar ist: sollte Marton Dardai ausfallen (aktuell erkältet) fehlen gleich zwei wichtige Innenverteidiger, da Kapitän Dedryck Boyata noch gesperrt ist. Das wäre natürlich gerade gegen Union besonders bitter.

90PLUS: Wichtig und richtig ist, dass Trainer Pal Dardai Kompaktheit und Stabilität generieren will. Über die Offensive muss dennoch geredet werden. Kein Spieler hat mehr als zwei Tore auf dem Konto, nun ist Stevan Jovetic auch noch positiv auf das Coronavirus getestet worden. Traust du Hertha in den nächsten Wochen entsprechende Entwicklungen im Offensivbereich zu und wie könnten diese aussehen?

CR: Dass zuletzt das Toreschießen wieder mehr zur Mannschaftsaufgabe wurde, ist für mich tatsächlich eher ein gutes Zeichen. Abhängigkeit von Spielern wie Cunha oder Cordoba war letzte Saison eher ein Nachteil. Ob sich die Offensive in den nächsten Wochen weiterentwickeln kann, wird sicher davon abhängen, wie die sportliche Lage ist. Je näher man am Tabellenkeller ist, desto eher wird auf stabile Defensive und weniger auf gute Offensive gesetzt.

Umso wichtiger wäre also ein Derbysieg. Die Stürmerfrage am Samstag bleibt dabei spannend. Derbyheld Krzysztof Piatek ist wieder nicht die erste Wahl des Trainers, Davie Selke ist jedoch auch nicht gerade ein Torgarant. Im Zweifel wird die größte offensive Hoffnung nicht im Sturm, sondern im Mittelfeld auf Suat Serdar gesetzt werden.

Union oder Hertha BSC? Die Prognosen zum Spiel

90PLUS: Abschließend an beide, eure Prognose: Wie endet das Spiel und warum?

DR: Ich sage Union gewinnt 2-0 – weil ich Lust hab‘, optimistisch zu sein. Weil Taiwo Awoniyi im Zweifel immer Tore schießt, die Dynamik des Spiels Union nach einer Führung zu Gute kommen kann, und sie diesmal auch nicht wie gegen Köln und Stuttgart in zu viel Passivität verfallen.

CR: Für mich spricht vieles für ein Unentschieden, ich erwarte angesichts der Drucksituation nicht unbedingt ein Fußballspektakel. Auch wenn es um sehr viel geht: ganze drei Derbys dürfen wir diese Saison erleben, man muss ja gemächlich anfangen. Ich tippe auf ein 1:1.

(Photo by Lukas Schulze/Getty Images)

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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