Vor dem ersten Nordderby im Weserstadion in der Bundesliga seit Februar 2018 braucht Werder Bremen kurzfristig Punkte im Abstiegskampf, doch auch über den Sommer hinaus stellen sich viele Fragen.
Am Samstag um 15:30 Uhr ist es soweit. Erstmals seit 2018 gibt es im Bremer Weserstadion wieder ein Nordderby in der höchsten deutschen Spielklasse zu sehen. Vor acht Jahren sorgte ein Eigentor von Hamburgs Rick van Drongelen für späten Bremer Jubel. Am Ende der Spielzeit stand für den HSV der erstmalige Abstieg in die 2. Liga. Werder landete im Mittelfeld der Tabelle. Zwar spielte auch Grün-Weiß im Anschluss für ein einzelnes Jahr in der zweiten Bundesliga, doch nach dem sofortigen Wiederaufstieg hatte Werder dreimal nichts mit dem Abstieg zu tun. So erschien der zwischenzeitliche Abstieg an der Weser eher ein Ausrutscher gewesen zu sein.
90Plus jetzt auch auf BlueSky!
Der HSV hingegen schaffte erst im siebten Anlauf den Wiederaufstieg in die Bundesliga. Genügend Zeit also eigentlich für Werder, um sportlich Distanz zwischen sich und den ungeliebten Rivalen von der Elbe zu bringen. Doch vor dem heutigen Aufeinandertreffen steht der HSV in der Tabelle besser da als Bremen. Zwar könnte Werder mit einem Sieg nach Punkten gleichziehen, doch der Druck liegt auf jeden Fall beim Team von Daniel Thioune. Dazu kommt die generelle Situation in beiden Vereinen. Auch über den Sommer hinaus sieht es momentan eher so aus, als drohe der ehemalige Bundesliga-Dino nach nur einem Jahr in der Bundesliga den Bremern bereits zu enteilen.

Fokus auf Leihspieler – mit unterschiedlichem Erfolg
Doch wie konnte es dazu kommen, dass Werder nach drei guten Saisons heute so schlecht dasteht. Zum Ende der vergangenen Spielzeit warf die Trennung von Ole Werner viele Fragen auf. Der heutige Leipzig-Trainer war das Gesicht der Bremer Renaissance nach dem Abstieg. Seinen Vertrag über 2026 hinaus verlängern wollte er in Bremen aber nicht. Grund dafür war augenscheinlich vor allem die, aus seiner Sicht, mangelnde Aussicht auf sportliche Weiterentwicklung. Von diesem Standpunkt aus landet man bei der Problemsuche schnell bei den Namen Clemens Fritz und Peter Niemeyer. Die beiden ehemaligen Werder-Spieler sind seit Sommer 2024 als Geschäftsführer Sport und Sportdirektor maßgeblich für die sportlichen Geschicke an der Weser verantwortlich.
Bereits Frank Baumann wurde als Fritz-Vorgänger und -Ausbilder von den Fans durchaus kritisch gesehen. In Bezug auf Fritz und Niemeyer, von einigen Anhänger*innen wenig liebevoll „Fritzmeyer“ getauft, ist die Stimmung aber noch deutlich negativer. Grund dafür sind vor allem die getätigten Transfers. Langjährige Leistungsträger, wie Marvin Ducksch, Milos Vejkovic oder Anthony Jung verließen den Verein. Desaströs ist vor allem der Blick auf die Zugänge, kein einziger der geholten Spieler hat sich bisher zu einer verlässlichen Stütze entwickelt. Insbesondere die beiden teuersten Zugänge Skelly Alvero und Samuel Mbangula sind bisher eine einzige Enttäuschung.
Vor dieser Saison wurde neben Mbangula kein einziger Spieler fest verpflichtet, dazu kamen jedoch sieben Leihspieler. Doch von diesen Leihen spielen einzig Cameron Puertas und Yukinari Sugawara, sowie der im Winter geholte Jovan Milosevic, überhaupt eine kleine sportliche Rolle. Noch bitterer wird das Ganze, wenn man sich anschaut, welche Spieler der Rivale aus Hamburg per Leihe holte. Luka Vuskovic und Fabio Vieira sind die beiden Schlüsselspieler und heben das Niveau im Team von Merlin Polzin auf ein gänzlich anderes Level. Auch Warmed Omari, Giorgi Gocholeishvili und Philip Otele haben ihren sportlichen Mehrwert bereits zeigen können.

Löcher im Werder-Kader und verletzungsanfällige Spieler
Aus der schlechten Personalpolitik resultiert ein Bremer Kader, der an vielen Stellen löchrig wirkt. Es gibt keinen fitten und bundesligatauglichen Mittelstürmer, das zentrale Mittelfeld ist extrem dünn besetzt und im gesamten Kader gibt es kaum torgefährliche Spieler. Senne Lynen ist seit Jahren der einzige Sechser im Kader und musste in dieser Saison schon mehrfach in der Innenverteidigung aushelfen. Eigentlich bereits aussortierte Akteure, wie Olivier Deman oder Julian Malatini waren oder sind plötzlich doch wieder gefragt. Dazu kommt, dass ein weiteres Problem sich wie ein roter Faden durch Werders Personal zieht. Zahlreiche Spieler sind sehr verletzungsanfällig.
In der Innenverteidigung kann weder mit Amos Pieper, noch mit Niklas Stark für mehr als 20 Spiele pro Saison geplant werden. Leihneuzugang Maximilian Wöber hat in dieser Saison genau 79 Minuten in der 1. Pokalrunde gespielt und fehlt seitdem mit verschiedenen Blessuren. Felix Agu fiel nicht zum ersten Mal lange aus. Neben der vielbesprochenen Personalie Victor Boniface, bringt auch Milosevic in bereits jungen Jahren eine erhebliche Krankenakte mit und kämpft seit seiner Ankunft mit seiner Fitness.
Bei dieser Häufung von Verletzungen stellt sich die Frage, ob auf diesen Aspekt im Scouting überhaupt geachtet wird oder das Risiko bewusst in Kauf genommen wurde. Bereits der Transfer von Naby Keita im Sommer 23/24 zahlte sich nicht aus. Auch der Zeitpunkt der Transferverkündungen sät Zweifel an einer vorausschauenden Kaderplanung. Fast alle Neuzugänge kamen erst kurz vor Transferschluss.
Zwar betonen die Bremer Verantwortlichen immer wieder, dass die finanziellen Mittel knapp seien und man dadurch Nachteile gegenüber der Konkurrenz habe. Doch dann sollte das Geld, das ausgegeben wird, auch klug investiert werden. Zwar hat Werder unter Fritz und Niemeyer nur für Mbangula, Alvero, Keke Topp und Markus Kolke Ablösen bezahlt, doch auch die Leihspieler spielen sicherlich nicht gratis am Osterdeich. Dazu kommt, dass nur sieben Vereine in der Bundesliga im vergangenen Sommer eine höhere Summe in einen einzelnen Spieler investiert haben, als die zehn Millionen, die Werder für Mbangula zahlte. Dies macht das bisherige Scheitern dieses Königstransfers umso schmerzhafter.

Wo soll es im Sommer hingehen?
Wie bereits geschrieben zählt in dieser Saison einzig der Klassenerhalt. Doch auch im Falle des Bundesligaverbleibs sind Zweifel an der mittel- und langfristigen Entwicklung mehr als begründet. Stand jetzt sind im Sommer alle Leihspieler weg, dazu laufen die Verträge von Leonardo Bittencourt und Mitchell Weiser aus. Insbesondere die Personalie des momentan verletzten Weiser ist kritisch, zum Einen fehlt der Führungsspieler auf dem Platz enorm, zum Anderen kritisierte er jüngst in einem Interview die sportliche Führung scharf. Sein Verbleib scheint, Stand jetzt, alles andere als sicher.
Auch andere Leistungsträger, wie Romano Schmid liebäugelten in der Vergangenheit bereits mit einem Wechsel. Stützen der Mannschaft, wie Kapitän Marco Friedl oder Jens Stage wecken auch bei anderen Teams Begehrlichkeiten. Eine der wenigen positiven Entwicklungen dieser Saison ist die Integration der eigenen Jugendspieler. Vor allem Mio Backhaus und Karim Coulibaly konnten überzeugen. Doch bei Coulibaly gibt es schon seit langem Gerüchte um einen Abgang im Sommer und auch Backhaus dürfte nach einer starken Debütsaison von zahlungskräftigeren und ambitionierteren Klubs umworben werden.
So könnte Werder im schlimmsten Fall im Sommer vor der Aufgabe stehen, den Kader fast komplett neu aufstellen zu müssen. Selbst mit den dann zu erwartenden Transfererlösen stellt sich die Frage, ob es eine gute Idee ist, diese Mittel von zwei Personen investieren zu lassen, die bisher nicht nachweisen konnten, dass sie in der Lage sind, einen wirklich bundesligatauglichen Kader zusammenzustellen. Denn auch bezüglich der angestrebten spielerischen Entwicklung fährt Werder seit dem Werner-Abgang einen Schlingerkurs.
Mit Horst Steffen wurde ein Offensivcoach, der den Fokus auf Talententwicklung legt, geholt, während sein Vorgänger Werner lieber auf Erfahrung und defensive Stabilität setzte. Mit Daniel Thioune steht nun ein Trainer an der Seitenlinie, der eher für taktische Flexibilität, denn eine klare Idee, steht. Dies muss nicht unbedingt schlecht sein. Doch bei der Kaderzusammenstellung ist es wichtig, dass zumindest Grundsatzfragen geklärt sind: „Soll mit Fünfer- oder Viererkette gespielt werden?“, „Werden dribbelstarke, offensive Außenspieler benötigt?“. Ansonsten entsteht genau ein solcher Flickenteppich an teils inkompatiblen Spielerprofilen, wie es momentan an der Weser zu finden ist.

Schulterschluss mit den Fans nur unter Vorbehalt?
Sollten auf diese offenen Fragen und für diese Probleme im Sommer keine zufriedenstellenden Lösungen gefunden werden, wird nicht nur die Kritik an Fritz und Niemeyer noch lauter werden. Bereits nach der Niederlage beim FC St. Pauli wurde die Mannschaft von der aktiven Szene weggeschickt. Danach folgte zwar ein Schulterschluss. Doch dieser „Frieden“ im Sinne des gemeinsamen Ziels „Klassenerhalt“ fällt im Sommer weg, egal ob Werder der Ligaverbleib gelingt oder nicht.
Hinter den Kulissen rumort es auch jetzt schon weiter. Aus einer Online-Petition, die eine Abberufung von Fritz forderte, ist inzwischen die „Mitgliederinitiative Werder“ geworden. Bei dieser geht es auch um die Personalie Hubertus Hess-Grunewald. Dieser wird für seine politisch klare Kante zwar geschätzt, doch seine sportliche Kompetenz wird in der Anhängerschaft stark angezweifelt. Der Präsident gibt sich nach außen als Unterstützer von Sportgeschäftsführer Clemens Fritz. Dies ist an sich nicht verwerflich, es ist aber zu hoffen, dass der interne Umgang mit der sportlichen Fehlentwicklung ein anderer ist, als öffentlich kommuniziert.

Der Ausgang des Nordderbys gegen den HSV spielt für Werders weiteren Saisonverlauf eine enorme Rolle. Doch darüber hinaus gibt es in Bremen viele Baustellen, die für die längerfristige Entwicklung große Sorgen machen. Will Werder auch weiterhin auf Augenhöhe mit dem Rivalen aus Hamburg agieren, braucht es gravierende Veränderungen am aktuellen Kurs. Der sportliche Vorsprung, den Werder ohne Frage hatte, scheint schon jetzt verloren.
Jakob Haffke

