Formschwache Sachsen gegen das königliche Starballett: Kann RB Leipzig Real Madrid knacken?

13. Februar 2024 | Champions League | BY Michael Bojkov

Erstmals seit 2020 und damit zum zweiten Mal überhaupt könnte RB Leipzig den Sprung in das Viertelfinale der Champions League schaffen. Mit Real Madrid haben die Sachsen allerdings das vielleicht schwerste Los gezogen. Können sie dennoch bestehen?

RB Leipzig: Den eigenen Erwartungen nicht gerecht

In Leipzig läuft man aktuell den Ansprüchen hinterher. In der Bundesliga steht RB auf Platz fünf immerhin noch in Schlagdistanz zu den Champions-League-Rängen, und dennoch befinden sich die Bullen gerade im neuen Jahr noch ein gutes Stück von dem entfernt, was sie sich selbst vorstellen. Immerhin konnte der amtierende Pokalsieger im Kalenderjahr 2024 nur eines von bislang fünf Bundesliga-Spielen gewinnen. „Der Weg vom Wollen zum Tun fällt uns noch manchmal schwer“, sagte Trainer Marco Rose auf der Pressekonferenz vor dem Achtelfinale gegen Real Madrid.



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Auch am vergangenen Wochenende kam man nicht über einen Punkt in Augsburg hinaus. Das 2:2 gegen die Fuggerstädter legte einmal mehr die defensiven Unzulänglichkeiten offen, wegen denen die Leipziger schon ganze elf Gegentreffer seit dem Jahreswechsel kassierten. Aber auch offensiv laufen die Fäden trotz einer guten Ausbeute von 65 Toren in 30 Pflichtspielen nicht immer optimal zusammen. In der Chancenkreation hängt vieles vom herausragenden Xavi Simons ab. In der Spitze überzeugt Loïs Openda mit einer starken Trefferquote von 19 Toren in 30 Pflichtspielen. Muss Leipzig allerdings selbst initiieren, fehlt dem Belgier häufig noch das Gespür für Räume und die richtige Positionierung. Schnelle Tiefenläufe hinter die Kette – darin macht Openda kaum ein anderer etwas vor. Auch deswegen könnte das Konterspiel, das ohnehin traditionell die ausgemachte Stärke der RB-Teams ist, auch gegen Real Madrid das Mittel der Wahl sein.

RB Leipzig vs. Real Madrid

Xavi Simons und Loïs Openda: Zwei Erfolgsfaktoren für RB Leipzig – auch gegen Real Madrid? (Photo by Oli SCARFF / AFP) (Photo by OLI SCARFF/AFP via Getty Images)

Ein weiteres Argument: „Wenn RB mitspielen und einen offenen Tanz anbieten will, könnte das zur Einladung für Vinícius Junior werden“, schätzt „REAL TOTAL„-Chefredakteur Nils Kern die Frage nach der Ausrichtung der Sachsen ein. Dass der königliche Angreifer mittlerweile zu den Besten der Welt gehört und in dieser Saison besonders gefährlich ist, wenn der Gegner mit seiner letzten Kette weit aufrückt, hat er unter anderem im Finale der Supercopa gegen Barcelona unter Beweis gestellt. Dass sich Reals Stärken aber nicht auf das Konterspiel und Vinícius reduzieren, ist selbstredend. Der Brasilianer ist nur einer von Vielen in einem von purer Weltklasse gespickten Team und hatte aufgrund der starken Konkurrenz zuletzt sogar nichtmal einen Stammplatz sicher. Die Madrilenen gehören in puncto individuelle Klasse zweifelsohne ins oberste Regalfach des europäischen Vereinsfußballs und wissen ihre Qualitäten in dieser Saison auch konstant auf den Platz zu bringen.

Real Madrid spielt eine königliche Saison

„Sie sind in allen Bereichen in außergewöhnlicher Verfassung“, erkennt auch Rose neidlos an. Elf ihrer letzten 13 Pflichtspiele haben die Madrilenen gewonnen und die Tabellenführung in La Liga dank eines furiosen 4:0-Sieges gegen Girona auf fünf Punkte ausgebaut. Beim jüngsten Kantersieg gegen den überraschend ärgsten Titelkonkurrenten glänzte vor allem auch die Defensive, immerhin ließen die Blancos gegen die gefährlichste Offensive La Ligas (52 Tore, genau wie Real) keinen einzigen Schuss auf das eigene Gehäuse und lediglich 0,28 expected Goals zu. Die Tatsache, dass Real in David Alaba, Éder Militão und Antonio Rüdiger die gesamte Innenverteidigung wegfällt, macht die defensive Stabilität umso bemerkenswerter. 

Dass Real Madrid von Verletzungen geplagt ist, spielt Leipzig zwar in die Karten, ist vor dem Hintergrund aber keinesfalls als Trumpf zu werten. Auch nicht, dass neben den Defensivakteuren aller Voraussicht nach auch Topstar Jude Bellingham im Hinspiel passen muss. „Ohne Bellingham haben wir vier von vier Spielen gewonnen. Das heißt, dass er in diesen Partien sehr gut ersetzt wurde“, sagte Carlo Ancelotti auf der Pressekonferenz in Leipzig bedenkenlos. Das Verletzungspech sei „auch eine Chance, um noch motivierter zu sein“.

RB Leipzig vs. Real Madrid (Carlo Ancelotti)

Carlo Ancelotti moderiert Reals Verletzungspech gekonnt weg – auf wie neben dem Platz. (Photo by ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images)

In der Innenverteidigung haben es zuletzt Dani Carvajal und Aurélien Tchouaméni auf für sie ungewohnter Position gut gemacht, in Leipzig steht Ancelotti zudem Nacho Fernández wieder zur Verfügung, der immer ein verlässlicher Backup war – und in der laufenden Spielzeit mehr als das. Bellingham könnte derweil vom formstarken Brahim Díaz ersetzt werden, wobei Ancelotti durchsickern ließ, dass gegen die standardstarken Leipziger wohl eher Joselu infrage käme.

Optionen hat Real so oder so, und auch Kern ist der Meinung, dass Leipzig die Verletzungssorgen der Königlichen nicht zu hoch hängen sollte. „Real wächst gerade in solchen schwierigen Momenten als Team über sich hinaus. Leipzig darf sich von der Personallage nicht täuschen lassen“, so der Real-Experte. Die Ancelotti-Elf beweist in der laufenden Saison in aller Regelmäßigkeit, dass sie auch ohne den einen oder anderen Topstar oder gar die gesamte Innenverteidigung die bestmögliche Version ihrer selbst sein kann und wird das gerade in der Champions League, die naturgemäß „ihr“ Wettbewerb ist, ein weiteres Mal zeigen wollen. 

Und dennoch darf und wird Real Madrid die Leipziger nicht unterschätzen. Die Sachsen haben „alles, was es braucht, um auch solche Spiele zu spielen und zu gewinnen“, gibt sich Rose selbstbewusst. „Viel von dem, was wir machen, ist richtig gut. Aber wir belohnen uns zu selten für anständige Leistungen.“ Heute und im Rückspiel im Bernabéu wären aus Leipziger Sicht gute Momente, um genau das zu tun. Dann stehen die Chancen auf das zweite Champions-League-Viertelfinale der Vereinsgeschichte zumindest nicht schlecht.

Michael Bojkov

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Michael Bojkov

Lahm & Schweinsteiger haben ihn einst zum Fußball überredet – mit schwerwiegenden Folgen: Von Newcastle über Frankfurt bis Cádiz saugt Micha mittlerweile alles auf, was der europäische Vereinsfußball hergibt. Seit 2021 bei 90PLUS und vorwiegend in Spanien unterwegs.


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