Es hätte der erste große Pokalabend der Saison werden können. Geblieben sind Bilder von berittener Polizei auf dem Rasen, verbrannten Fahnen und einer Partie, die 35 Minuten lang vor dem Abbruch stand. Der 1. FC Kaiserslautern gewinnt das Südwest-Derby beim SV Waldhof Mannheim mit 1:0 nach Verlängerung – der sportliche Teil war am Ende die Nebensache.
Kanaté trifft, als alle schon das Elfmeterschießen vor Augen haben
120. Minute, Sekunden vor dem Elfmeterschießen: Joker Ibrahim Kanaté wird rund 18 Meter vor dem Tor sträflich freigelassen, zieht nach innen und zirkelt den Ball ins lange obere Eck. Waldhof-Keeper Jan-Christoph Nijhuis ist chancenlos. Es ist der erste Pflichtspieltreffer des FCK in dieser Saison – nach 300 torlosen Minuten. Für seinen ausufernden Jubel sah Kanaté anschließend noch Gelb.
Zuvor hatten die 23.513 Zuschauer im ausverkauften Carl-Benz-Stadion über 90 Minuten eine intensive, aber faire Begegnung gesehen. Der Drittligist von Trainer Rui Mota, der bis dahin noch ungeschlagen in die Saison gestartet war, warf sich in jeden Zweikampf und lauerte auf Konter. Kaiserslautern hatte mehr Ballbesitz, wurde aber selten zwingend. Torsten Lieberknecht musste seine Startelf verletzungsbedingt erstmals in dieser Saison ändern: Für Naatan Skyttä und Simon Asta begannen Paul Joly und Thierry Tazemeta, der damit sein Startelf-Debüt gab.
Rudelbildung, Raketen, Platzsturm
Mit dem Abpfiff der regulären Spielzeit kippte der Abend. Auf dem Feld gerieten Spieler und Offizielle beider Seiten aneinander, unter anderem war Lauterns Marlon Ritter in die Rudelbildung verwickelt. Was folgte, hatte mit Fußball nichts mehr zu tun: Aus dem Gästeblock wurden Feuerwerkskörper in Richtung der Haupttribüne geschossen, Mannheimer Anhänger stürmten in den Innenraum.
Eine Polizeihundertschaft rückte auf das Spielfeld aus, sogar die Reiterstaffel ritt auf den Rasen, um die Fanlager zu trennen. Gegen die Mannheimer Fans setzten die Beamten Pfefferspray und Schlagstöcke ein. Schiedsrichter Robert Schröder schickte beide Mannschaften in die Kabine. Als sich die Lage beruhigte, bot sich ein Bild der Verwüstung: zerstörte Werbebanner am Heimblock, abgerissene Fahnen, eine Fahne der gegnerischen Fanszene verbrannt.
Anpfiff auf Bewährung
In den Katakomben berieten Verantwortliche beider Klubs minutenlang, ein Abbruch war ausdrücklich Thema. Um 20:30 Uhr kamen die Mannschaften zurück, die Verlängerung startete mit rund 35 Minuten Verspätung. Der Stadionsprecher richtete vorher eine unmissverständliche Warnung an die Ränge: Beim kleinsten weiteren Vergehen werde die Partie abgebrochen. Es blieb ruhig – bis Kanaté traf und der Gästeblock das Stadion erneut einnebelte. Zu weiteren Ausschreitungen kam es nach dem Schlusspfiff nicht.
Die Betroffenheit war beiden Trainerbänken anzumerken. FCK-Sportchef Thomas Hengen sagte sichtlich mitgenommen, es dürfe nicht so enden, wie es hier passiert sei. Beim Sender Sky war zu hören, dass vom SV Waldhof zunächst niemand für ein Interview zur Verfügung stand.
Die Brisanz war seit der Auslosung bekannt
Dass diese Paarung heikel werden würde, hatte sich abgezeichnet. Zwischen Mannheim und dem Betzenberg liegen keine 60 Kilometer, die beiden Fanszenen verbindet eine tiefe Feindschaft, und es war das erste Aufeinandertreffen seit der Saison 2021/22. Die Partie war als Hochrisikospiel eingestuft.
Schon vor dem Anpfiff gab es Unruhe: Tausende FCK-Anhänger legten die Straßenbahnverbindung zwischen Mannheim und Ludwigshafen lahm. Beim Einlass warfen Gästefans Bengalos auf den Rasen, Fotografen brachten sich in Sicherheit. Und keine drei Minuten nach Anpfiff musste Schröder das Spiel bereits das erste Mal unterbrechen, weil eine komplette Feldhälfte vernebelt war. Das Polizeipräsidium Mannheim erklärte auf dpa-Anfrage dennoch, die Einsatzbilanz sei bis zur Eskalation nach der regulären Spielzeit positiv und ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen.
Wie es weitergeht
Sportlich steht der FCK in Runde zwei, für Waldhof endet der Pokal nach einer bemerkenswerten Negativserie: In den vergangenen drei Pokalspielen blieben die Mannheimer ohne eigenen Treffer, macht 393 torlose Minuten. Weiter geht es für den Drittligisten in neun Tagen beim TSV Havelse, der FCK gastiert am kommenden Sonntag beim Bundesliga-Absteiger FC St. Pauli am Millerntor.
Offen ist, was den beiden Klubs abseits des Rasens bevorsteht. Nach Vorfällen dieser Größenordnung nimmt der DFB-Kontrollausschuss regelmäßig Ermittlungen auf, am Ende entscheidet das Sportgericht über Sanktionen – Geldstrafen und Teilausschlüsse von Zuschauern sind die üblichen Instrumente. Eine offizielle Bestätigung des DFB stand am späten Freitagabend noch aus.

