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Stünde Portugal ohne Ronaldo im Halbfinale?

6. Juli 2024 | Spotlight | BY Michael Bojkov

Zugegebenermaßen verleitet die Überschrift zu zwei gegensätzlichen Lesarten. Einerseits suggeriert sie, Cristiano Ronaldo habe seine Portugiesen als Matchwinner ins Halbfinale geführt. Wie es in guten alten Zeiten eben denkbar gewesen wäre. Doch die Realität schlägt das Wunschdenken all derer, die es mit Portugal halten: Die Selecao scheiterte in der Runde der letzten Acht – und das ausgerechnet wegen Ronaldo? Eine kommentierende Analyse.

Aus Hamburg berichtet 90PLUS-Reporter Michael Bojkov.

Portugals Spiel war auf Ronaldo ausgerichtet

Nicht nur bei Portugals tragischem EM-Aus gegen Frankreich (3:5 im Elfmeterschießen), bereits im kompletten vorigen Turnierverlauf war zu beobachten, dass das Spiel der Portugiesen komplett auf ihren Superstar zugeschnitten ist. Das fing eigentlich schon damit an, dass er in jeder der fünf Partien startete und die meisten Minuten aller portugiesischen Feldspieler sammelte (486). Wenn ein Volksheld wie Cristiano Ronaldo, der sogar über die Landesgrenzen hinaus den Nimbus eines Heiligen genießt, auf dem Platz steht, ist zumindest vorhersehbar, dass die Bälle bei ihm landen sollen. Und das taten sie auch – oder besser gesagt: Das hätten sie sollen. Nahezu jede Offensivaktion galt im Gedankenkeim dem Superstar.



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Rafael Leao stellte mit seinen Sololäufen eine – zugegebenermaßen erschreckend erfolglose – Ausnahme dar, ansonsten wollten und sollten alle Bälle zu Ronaldo in die Sturmspitze. Wären die Zuspiele gut und der Zielspieler auch in der Lage gewesen, diese gewinnbringend zu verarbeiten, wäre an dieser Tatsache auch wenig auszusetzen gewesen. Das Problem: Das Gegenteil war der Fall. Sobald der Ball im Besitz der Selecao die Mittellinie überquerte, konnte man irgendwo da vorne schon Ronaldos winkende Geste erahnen. Und die Spieler leisteten den Anweisungen ihres Anführers Folge: Halbfeldflanke um Halbfeldflanke segelte in Ronaldos Richtung, ohne jedoch bei ihm anzukommen.

Besonders die jüngste Statistik aus dem Frankreich-Spiel ist einigermaßen erschreckend: Von 34 Flanken fanden sage und schreibe drei (!) ihren Zielspieler. Bis zur Halbzeitpause brachte es der Superstar von Al-Nassr auf gerade einmal neun Ballkontakte. Nach 120 Minuten hatte der 39-Jährige immerhin 40-mal die Kugel berührt, doch in nahezu jeder Aktion war ersichtlich, dass ihm Spritzigkeit und technische Finesse aus alten Tagen mittlerweile vollends abhandengekommen sind. Ronaldo zu verteidigen ist eine dankbare Aufgabe für den Gegner geworden.

Nationaltrainer Roberto Martínez hat die durchwachsenen Leistungen seines Superstars augenscheinlich nicht infrage gestellt

Nationaltrainer Roberto Martínez hat die durchwachsenen Leistungen von Cristiano Ronaldo augenscheinlich nicht infrage gestellt. (Photo by Dan Mullan/Getty Images)

Und selbst wenn sich der fünffache Weltfußballer in eine Position bringt, in der er für Torgefahr sorgen kann, fehlt ihm an dieser Stelle die Kaltschnäuzigkeit aus vergangenen Tagen. Sinnbildlich dafür stand der verschossene Elfmeter in der Verlängerung gegen Slowenien – und die nachfolgenden Tränen im Gesicht des Superstars zeigten wohl, dass er sich seiner fußballerischen Alterserscheinungen mittlerweile selbst bewusst ist. Auch in der Verlängerung gegen Frankreich hatte der fünffache Champions-League-Sieger zwei Chancen, bei der größeren kam er nicht ganz hinter den Ball und verzog letztlich aus der Kurzdistanz (106.). Dass der ehemalige Angreifer von Real Madrid, Juventus und ManUnited das Turnier nicht ohne Tor aus dem Spiel heraus hätte beenden müssen, unterstreichen 3,6 expected Goals. Jubeln durfte er lediglich zweimal im Elfmeterschießen, wobei sein Treffer gegen Frankreich in der Endabrechnung wertlos war.

Alternativen hätte Martínez gehabt

Doch hätte es aus portugiesischer Sicht überhaupt zur Elfmeterlotterie kommen müssen? Fakt ist, dass die defensiv eigentlich so sattelfesten Franzosen in einem erwartet langatmigen Fußballspiel ungewöhnlich viel zuließen. Doch mit Ronaldo schaffte es Portugal weder die Defensivreihen der Équipe Tricolore entscheidend zu bespielen noch zeigten sie vor dem Kasten die nötige Effizienz. Und die entscheidende Frage, ob Nationaltrainer Roberto Martínez Alternativen gehabt hätte, ist eindeutig mit ja zu beantworten.

Kommentar: Portugals Superstar wird zur Bürde

Eine davon wäre Gonçalo Ramos gewesen, der zwar aus einer durchwachsenen ersten Saison bei PSG kommt, in dieser aber dennoch wusste, wo das Tor steht. Der Mittelstürmer ist mit dem Ball agiler als Ronaldo und besticht weiterhin mit einer ordentlichen Trefferquote. In der abgelaufenen Ligue-1-Saison erzielte der 23-Jährige alle 129 Minuten ein Tor und kommt damit auf ähnliche Werte wie in seiner starken finalen Spielzeit bei Benfica, die PSG letztlich auf ihn aufmerksam gemacht hatte. Zwar ist das französische Oberhaus nicht unbedingt der Gradmesser für eine Europameisterschaft, Ronaldos Torquoten aus Saudi-Arabien und der EM-Qualifikation – in der Ramos im Übrigen ebenfalls auf einen guten Schnitt kommt – sind es aber auch nicht. Zumindest eine Chance hätte Martínez seinem jungen Stürmer geben müssen. Er beließ es bei 24 Minuten gegen Georgien, in denen der Gruppensieg bereits feststand. 

Warum nicht Jota? Martínez muss sich selbst hinterfragen

Noch viel unverständlicher war aber die Entscheidung, Diogo Jota draußen zu lassen. Der Angreifer von Liverpool kam bei diesem Turnier insgesamt nur auf 96 Einsatzminuten – gegen Frankreich wurde er komplett ignoriert. Jota ist kein klassischer Strafraumstürmer, aber den hätte es gegen Les Blues auch nicht zwingend gebraucht, im Gegenteil. Jota ist stark im Pressing, bringt sich durch seine klugen Bewegungen ohne Ball zudem in gute Abschlusspositionen oder öffnet Räume für die Mitspieler. Mit ihm hätte Portugal die am Samstagabend nicht immer sattelfeste französische Hintermannschaft viel effizienter bespielen und vor größere Herausforderungen stellen können.

Bankdrücker und im Schatten von Cristiano Ronaldo: Diogo Jota

War bei der EM in Deutschland nur Bankdrücker: Diogo Jota (Photo by PATRICIA DE MELO MOREIRA/AFP via Getty Images)

Dazu ist Jota effizient vor dem Tor. Weil er nicht der klassische Vollstrecker ist, kommt er entsprechend seltener in gute Abschlusspositionen. Doch wenn er die Gelegenheit hat, sticht der 27-Jährige zu. In der abgelaufenen Premier-League-Saison erzielte Jota zehn Tore aus 5,32 expexted Goals, überperformte seinen xG-Wert also beinahe um 100 Prozent. Er hätte Portugal in verschiedenen Facetten des Spiels eine zusätzliche Qualität verleihen können, selbiges gilt auch für einen Joao Felix.

Die abschließende Frage, ob Portugal ohne Ronaldo und dafür mit einem Ramos oder Jota im Halbfinale der Europameisterschaft stünde und damit die Chance aufrechterhalten hätte, den Triumph von 2016 zu wiederholen, lässt sich damit zwar nicht abschließend beantworten. Und doch lässt sich festhalten, dass Portugal mit hoher Wahrscheinlichkeit eine wesentlich überzeugendere Endrunde gespielt hätte – die ihren zwischenzeitlichen Höhepunkt dann vielleicht in einem Sieg gegen Frankreich findet. Die Fakten untermauern, was Ronaldos unterdurchschnittlichen Auftritte anmuten ließen.

Entweder sahen das Martínez und sein Trainerteam nicht, oder, die schlüssigere Variante: Der Nationaltrainer hat die von Fans und Medien lancierte Fortsetzung einer Nationalheldenerzählung über den sportlichen Erfolg einer Mannschaft und eines Landes gestellt. So überzeugend seine eineinhalbjährige Amtszeit bis zum Turnier in Deutschland gewesen war: Diesen Vorwurf muss sich der Spanier gefallen lassen und als Impuls nehmen, um die eigenen Entscheidungen zu hinterfragen.

(Photo by Lars Baron/Getty Images)

Michael Bojkov

Lahm & Schweinsteiger haben ihn einst zum Fußball überredet – mit schwerwiegenden Folgen: Von Newcastle über Frankfurt bis Cádiz saugt Micha mittlerweile alles auf, was der europäische Vereinsfußball hergibt. Seit 2021 bei 90PLUS und vorwiegend in Spanien unterwegs.


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