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EM 2024 | Vorschau Gruppe D: Wird Frankreich der Favoritenrolle gerecht?

12. Juni 2024 | Spotlight | BY Steven Busch

Am Freitag, dem 14. Juni 2024, öffnet die Fußball-Europameisterschaft der Männer in Deutschland ihre Pforten. Heute steht die Vorschau zur prominent besetzten Gruppe D mit Frankreich, Österreich, Polen und der Niederlande auf der Agenda. Können Les Bleus den Vorschusslorbeeren als EM-Favorit gerecht werden und wohin führt Ralf Rangnick die Alpenrepublik?

EM 2024 – Vorschau Gruppe D mit Frankreich, Österreich, Polen und der Niederlande

EM 2024: Der Spielplan der Gruppe D

Sonntag, 16. Juni 2024, 15 Uhr: Polen vs. Niederlande (Hamburg)

Montag, 17. Juni 2024, 21 Uhr: Österreich vs. Frankreich (Düsseldorf)

Freitag, 21. Juni 2024, 18 Uhr: Polen vs. Österreich (Berlin)

Freitag, 21. Juni 2024, 21 Uhr: Niederlande vs. Frankreich (Leipzig)

Dienstag, 25. Juni 2024, 18 Uhr: Niederlande vs. Österreich (Berlin)

Dienstag, 25. Juni 2024, 18 Uhr: Frankreich vs. Polen (Dortmund)



Die Kader der Gruppe D findet ihr hier…

Frankreich: Können Les Bleus die EM-Durststrecke endlich überwinden?

(Photo by FRANCK FIFE/AFP via Getty Images)

Seit 24 Jahren wartet Frankreich mittlerweile auf einen EM-Titel. Eine lange Durststrecke angesichts der enormen Kaderstärke, die Les Bleus bei den kontinentalen Endrunden regelmäßig aufs Parkett schicken konnten. Beim Turnier in Deutschland will das französische Ensemble, angeleitet von Trainer Didier Deschamps, nun als den dritten Europameistertitel nach 1984 und 2000 ergattern. Die Voraussetzungen sind vielversprechend. Wenn die hoch veranlagte Mannschaft einmal, hauptsächlich im Angriffsdrittel, in den sprichwörtlichen “Flow” kommt, ist sie nahezu von keinem anderen Team aufzuhalten.

Die Qualifikation zur EM 2024 meisterte die Équipe Tricolore mit Bravour respektive ohne Niederlage und feierte mit dem 14:0-Heimerfolg über Gibraltar sogar den höchsten Sieg in der europäischen Quali-Geschichte. Zumeist agiert Frankreich in einem 4-3-3-System, bei dem insbesondere die wieselflinken offensiven Außen, um Ousmane Dembelé sowie Kylian Mbappé, im Fokus stehen. Apropos Mbappé: Der Kapitän der Les Bleus ist in der medialen Berichterstattung omnipräsent. Zuletzt wurde der ablösefreie Wechsel von PSG zu Real Madrid offiziell verkündet. Neben dem 25-jährigen Angreifer fällt das Scheinwerferlicht häufig auf einen weiteren 2018er-Weltmeister: Antoine Griezmann. Trotz seiner mittlerweile 33 Lenzen sorgt der feine Techniker von Atlético de Madrid mit zentimetergenauen Pässen und nonchalanten Bewegungen noch regelmäßig für den Unterschied.

Wenngleich die Offensive der Franzosen kaum zu bremsen ist, offenbaren sich jedoch auch – nicht erst seit der 0:2-Niederlage im Test gegen die DFB-Elf im März 2024 – regelmäßig Schwächen im namhaft bestückten Aufgebot. Speziell die Defensive sorgt bei Deschamps für Sorgenfalten. Mit Lucas Hernandez fällt eine zentrale Säule aufgrund einer Kreuzbandruptur aus, die anderen Kandidaten spielen zwar in großen Klubs, haben allerdings mit latenter Formschwäche (Koundé, Upamecano) oder fehlenden Einsatzzeiten (Konaté) zu kämpfen. Als Hoffnungsschimmer dient der robuste Abwehrchef des FC Arsenal, namentlich William Saliba, der sich zu einem der stärksten Premier-League-Innenverteidiger gemausert hat. Jedoch ist das Standing des 23-Jährigen bei Les Bleus noch ausbaufähig.

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Niederlande: Bleibt Deutschland ein gutes EM-Pflaster?

(Photo by MAURICE VAN STEEN/ANP/AFP via Getty Images)

Den größten Erfolg der männlichen Fußball-Verbandsgeschichte feierte die Niederlande ausgerechnet auf dem Terrain des “geliebten” deutschen Nachbarn. Im Finale der Europameisterschaft 1988 siegte die Elftal im Münchener Olympiastadion mit 2:0 gegen die Sowjetunion. Dieses positive Omen sollte doch genügen, damit das Team von Trainer Ronald Koeman auch bei EM-Ausgabe 2024 zumindest theoretisch die Trophäe am 14. Juli – dieses Mal allerdings im Berliner Olympiastadion – in den Abendhimmel streckt. Oder etwa nicht?

In Gruppe D gibt es für den aktuellen Weltranglisten-Siebten ein brisantes Wiedersehen. Bereits in der Qualifikation traf Oranje auf Frankreich und musste zwei herbe Dämpfer hinnehmen (1:2/0:4). Überdies blieb die Mannschaft jedoch ohne Punktverlust. Ebenfalls parallel zur Équipe Tricolore verloren die Niederländer im März 2024 ein Testspiel gegen die DFB-Auswahl (1:2). In welcher Form sich die Elftal derzeit befindet, lässt sich nur schwer prophezeien, da die ausgewählten Sparringspartner im Vorfeld der EM – Kanada und Island – nur bedingt Aussagekraft zulassen.

Wenig überraschend für eine niederländische Auswahl agiert auch der aktuelle Kader zumeist im klassischen 4-3-3-System, wenngleich auch eine 3-4-3-Interpretation mit Schienenspielern denkbar ist. Die zentrale Defensivabteilung um Kapitän Virgil van Dijk und Matthijs de Ligt gilt als Oranje-Prunkstück. Auf den Außenpositionen gibt es allerdings wenig qualitativ erstklassige Optionen. Dass Routinier Daley Blind weiterhin gesetzt erscheint und stattdessen BVB-Leihgabe Ian Maatsen nach einer formidablen Rückrunde 2023/24 als Linksverteidiger aus dem Aufgebot gestrichen wurde (Anm. d. Red., Maatsen wurde am 11. Juni 2024 nachnominiert), lässt viele Fragezeichen zurück.

Im Gegensatz zu früheren Generationen klemmt bei der Niederlande primär offensiv der Schuh. Angreifer vom Format eines Robin van Persie, Dennis Bergkamp oder Arjen Robben sucht man vergebens, vielmehr müssen inkonstante Kräfte wie Memphis Depay, bei Atlético de Madrid zumeist zum Edeljoker auserkoren, für Torgefahr sorgen. Allerdings befindet sich der 30-Jährige auch auf dem besten Wege, der Rekordtorschütze der Elftal zu werden. Spielgestalter Xavi Simons gilt nach einem starken Kapitel in Leipzig als Hoffnungsschimmer für Bondscoach Koeman. Außerdem darf Leverkusens Jeremie Frimpong unter Koeman auf dem Flügel ran, wo er erste gute Ansätze zeigte.

Mehr News und Storys rund um die EM 2024 in Deutschland findest DU hier…

Österreich: Führt ein deutscher Trainer die Alpenrepublik in neue Sphären?

(Photo by GEORG HOCHMUTH/APA/AFP via Getty Images)

Die EM 2024 ist zugleich die erst vierte Teilnahme einer österreichischen Nationalmannschaft an einer kontinentalen Endrunde. Obwohl bislang maximal das Achtelfinale (2021) erreicht wurde, gilt Deutschlands südlicher Nachbar durchaus als Geheimfavorit auf den Titel. In der Qualifikation ließ Österreich lediglich gegen Belgien (2:3/1:1) Punkte liegen und setzte spätestens mit dem beeindruckenden 6:1-Erfolg im Testspiel gegen die Türkei ein echtes Ausrufezeichen.

Den Glauben an die eigene Stärke respektive eine intrinsische Gier nach Erfolg hat ausgerechnet ein deutscher Trainer in Wien, Salzburg und Co. ausgelöst: Ralf Rangnick. Über das Engagement des 65-jährigen Fußballlehrers sprach unlängst Bayern-Profi Konrad Laimer in höchsten Tönen:

Er ist gekommen mit einem klaren Plan, Fußball zu spielen. So wie es auch perfekt zu unserer Mannschaft passt. Er gibt uns gewisse Freiheiten auch außerhalb, wo wir wissen, wir können das machen, was uns guttut.

Vielen Akteuren aus dem aktuellen Kader wurde bereits im Vereinsleben der von Rangnick präferierte RB-Spielstil implementiert. Intensität, Mut, hohes Pressing und Tempo als zentrales Attribute einer strikten Philosophie. Als ein elementares Puzzlestück dieses physisch wie psychisch fordernden Ansatzes wird BVB-Profi Marcel Sabitzer definiert. Als Top-Torjäger der Alpenrepublik während der EM-Qualifikation (vier Treffer) verbuchte der 30-Jährige eine neue Qualität, ist er doch ansonsten eher als unermüdlicher Taktgeber und Antreiber im Mittelfeldzentrum unverzichtbar. Sportlich bitter wiegt der Ausfall des Real-Stars David Alaba (Kreuzbandriss), der die Mannschaft allerdings als “Non-Playing-Captain” im Turnierverlauf begleiten wird.

Es gibt jedoch auch Schwächen im österreichischen Aufgebot. In erster Linie fehlt die Erfahrung, insbesondere in K.o.-Begegnungen, auf diesem Niveau respektive in dieser Konstellation. Zudem muss das Ensemble als Mannschaftsgefüge punkten, da es an Protagonisten von individueller Weltklasse fehlt.

Polen: Torjäger Robert Lewandowski als einziger Hoffnungsschimmer?

(Photo by Richard Heathcote/Getty Images)

Die Außenseiterrolle in Gruppe D nimmt ohne Zweifel Polen ein. Zu enttäuschend verlief die Qualifikation für die Endrunde in Deutschland. Erst über den Umweg Playoffs (5:4 i. E. im Finale gegen Wales) – nachdem zwischenzeitlich sogar eine peinliche 2:3-Pleite gegen Underdog Republik Moldau zu Buche stand – konnten die Bialo-Czerwoni das EM-Ticket ergattern. Cheftrainer Michal Probierz probierte in den vergangenen Monaten zahlreiche personelle Umstellungen aus, allerdings wurde der qualitativ überschaubare Kader fortwährend in ein 3-5-2-System gepresst.

Für die polnische Auswahl ist es in dieser Gruppenkonstellation von Vorteil, dass sie aller Voraussicht nach nur selten das Spiel aktiv gestalten muss. Vielmehr dürfte sich regelmäßig die Chance auf die größte Stärke des Teams ergeben – schnelle Umschaltsituationen nach gegnerischem Ballbesitz. Trotz einiger bekannter Namen wie Torhüter Wojciech Szczesny (Juventus) oder Mittelfeldstratege Piotr Zielinski (SSC Napoli) liegt das Hauptaugenmerk auf Kapitän Robert Lewandowski. Der begnadete Mittelstürmer verkörpert den Inbegriff von Kaltschnäuzigkeit und Professionalität. Er gilt als kompletter Angreifer. Allerdings nagt langsam auch der sprichwörtliche “Zahn der Zeit” am 35-jährigen Ausnahmeathleten des FC Barcelona – exemplarisch sind seine drei Treffer in acht Quali-Partien.

Lewandowski ist des Weiteren das letzte Überbleibsel der goldenen “Polonia Dortmund”-Generation, nachdem Jakub “Kuba” Blaszczykowski sowie Lukasz Piszczek bereits die Fußballschuhe an den Nagel gehängt haben. Dieses Ende einer Ära wirkt sich auch auf die polnische Nationalmannschaft aus. Es fehlt schlicht an individueller Klasse und Breite im Kader, um im Konzert der Großen für Furore zu sorgen.

Ein ausführliches Porträt zum polnischen EM-Kader findest DU hier…

Prognose zur EM-Gruppe D:

Allein aufgrund seiner individuellen Klasse gilt Frankreich als Favorit der EM-Gruppe D und wird dieser Rolle auch gerecht. Mbappé und Co. sind für die Kontrahenten nicht stoppen. Dahinter duellieren sich Österreich und die Niederlande um Platz zwei. In diesem Aufeinandertreffen wirkt die Alpenrepublik derzeit mannschaftlich geschlossener, wohingegen die Elftal bei dieser Europameisterschaft durchaus mit frühen Problemen im Turnierverlauf rechnen muss. Zu unausgewogen wirkt der Kader von Bondscoach Ronald Koeman. Aus diesem Grund bleibt Oranje nur die Hoffnung auf einen der vier besten dritten Plätze. Polen fehlt in diesem Quartett schlicht das fußballerische Niveau, um eine ernsthafte Konkurrenz darzustellen – folgerichtig Platz vier und somit die Heimreise nach der Gruppenphase.

(Photo by FRANCK FIFE/AFP via Getty Images)

Steven Busch

Die Außenristpässe eines Tomás Rosicky entfachten seinen Enthusiasmus für den Fußball und die Affinität zu den schwarzgelben Borussen aus dem Ruhrgebiet. WM-Held Mario Götze brach ihm mit dem Wechsel in den Süden der Republik einst sein Fanherz und der Glaube an die Fußballromantik schwand.


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