Zweimal in Folge Meister, vier Siege aus vier Ligaspielen, ein 5:1 zum Champions-League-Auftakt. Barcelona sieht aus wie eine Mannschaft ohne Baustellen – und genau deshalb lohnt sich der zweite Blick.
Ein Saisonstart ohne Reibung
Die Katalanen haben ihre ersten vier Spiele in der Primera División gewonnen, darunter zwei Auswärtssiege mit 0:5 in Elche und in Valencia. Gegen Rayo Vallecano gab es ein 5:2 im Camp Nou. Am Dienstag folgte das 5:1 gegen Feyenoord, bei dem Raphinha nach 2:50 Minuten traf – der schnellste Europapokal-Treffer dieser Saison –, später doppelt traf und Lamine Yamal einen Freistoß versenkte.
Raphinha steht bei sechs Ligatoren und damit an der Spitze der La-Liga-Torjägerliste. Dass er auf der Ballon-d’Or-Shortlist fehlt, während drei Teamkollegen darauf stehen, hat er am Dienstagabend auf die denkbar unaufgeregte Art beantwortet.
Rodri ist der eigentliche Transfer
Barcelona hat im Sommer sieben Spieler verpflichtet, aber nur einer davon verändert die Struktur der Mannschaft: Rodri, für rund 60 Millionen Euro plus Bonuszahlungen aus Manchester City – und gegen die Konkurrenz aus Madrid. Flick bekommt damit einen Sechser, der Tempo aus dem Spiel nehmen kann, ohne den Ball zu verlieren. Genau das fehlte in den vergangenen zwei Jahren in den Spielen, in denen der Gegenpressing-Rhythmus nicht griff.
Daneben stehen Namen mit ganz anderer Funktion. Anthony Gordon kam für 80 Millionen Euro aus Newcastle und ist damit der teuerste Zugang. Karim Adeyemi (29 Millionen, Borussia Dortmund) ist als Breitenspieler und Tempooption hinter Yamal eingeplant – Flick kennt ihn aus seiner Zeit als Bundestrainer, er gab ihm 2021 das A-Länderspieldebüt. Gabriel Jesus kam am Deadline Day aus London, Joao Cancelo ablösefrei, dazu Torhüter Livaković und der belgische Teenager Bisiwu.
| Zugänge (Auswahl) | Von | Ablöse |
|---|---|---|
| Anthony Gordon | Newcastle United | 80 Mio. € |
| Rodri | Manchester City | 60 Mio. € + Boni |
| Karim Adeyemi | Borussia Dortmund | 29 Mio. € |
| Jesse Bisiwu | Club Brügge | 8,5 Mio. € |
| Gabriel Jesus | FC Arsenal | niedrig zweistellig |
| Joao Cancelo | Al-Hilal | ablösefrei |
Was der Kader verloren hat
Robert Lewandowski ist weg, Ferran Torres ist weg, Marcus Rashford und Ansu Fati ebenfalls. Das ist mehr als eine Kaderbereinigung – das ist der endgültige Abschied von einer Strafraumbesetzung, die über Jahre funktioniert hat. Gabriel Jesus soll diese Rolle ausfüllen, ein Spieler, dessen vergangene Jahre von Verletzungen geprägt waren. Wer sich fragt, wo dieses Barça im Frühjahr scheitern könnte, sollte genau hier hinsehen und nicht auf die Torbilanz vom September.
Die eigentliche Grenze heißt Belastung
Flicks Spielweise ist körperlich teuer. Hohe Abwehrkette, aggressives Anlaufen, ständige Umschaltmomente – das funktioniert brillant, solange die Schlüsselspieler fit sind. Yamal ist 19, Cubarsí 19, Pedri kehrt aus einer Historie von Muskelproblemen zurück, Frenkie de Jong ist verletzt, und ob Rodri eine komplette Saison in allen Wettbewerben durchhält, ist nach seiner Verletzungshistorie die offene Frage des Kaders.
Gelingt die Rotation, ist diese Mannschaft in jedem Wettbewerb ein ernsthafter Kandidat. Gelingt sie nicht, steht Barcelona im März mit denselben Problemen da wie zuletzt – nur mit einem teureren Kader.
Der Härtetest steht im Kalender
Am 24. oder 25. Oktober kommt Real Madrid ins Camp Nou. Davor liegen Sevilla und Getafe, danach Betis und Atlético. Ein Block von fünf Wochen, in dem sich zeigt, ob die aktuelle Harmonie eine Eigenschaft der Mannschaft ist oder eine Eigenschaft des Spielplans.
So weit es sich nach vier Ligaspielen sagen lässt: Dieses Barça hat zum ersten Mal seit Jahren keinen offensichtlichen Konstruktionsfehler. Ob das für den ganz großen Wurf reicht, entscheidet sich nicht an der Qualität der Startelf, sondern an der Qualität der zwölften bis sechzehnten Option. Titel gewinnt man im April, und im April spielen selten elf Spieler.

