Bruno Guimarães verschoss den Elfmeter, Norwegen gewann 2:1, Brasilien flog raus. Sportlich blieb der VAR-Eingriff von East Rutherford also folgenlos. Warum er trotzdem die Schiedsrichter-Debatte dieser WM neu befeuert, hat einen Namen: Tatiana Guzman.
Die Videoassistentin aus Nicaragua griff im Achtelfinale zwischen Brasilien und Norwegen zum zweiten Mal binnen einer Woche spielentscheidend in eine K.-o.-Partie ein – und zum zweiten Mal steht ihr Eingriff im Zentrum der Kritik. Diesmal nicht, weil sie sich meldete. Sondern wegen dessen, was sie dem Schiedsrichter dabei vorenthielt.
Die Szene: richtiger Elfmeter, falsche Entstehung
Zehnte Minute im MetLife Stadium: Matheus Cunha jagt links im Strafraum einem Ball hinterher, Kristoffer Ajer grätscht – und trifft nur den Brasilianer. Referee Ismail Elfath lässt zunächst weiterlaufen, bis Guzman ihn an den Monitor schickt. Dort braucht der US-Amerikaner nur Sekunden: Strafstoß. Für sich genommen eine saubere Korrektur.
Nur beginnt die Geschichte dieses Elfmeters nicht im Strafraum. In der Entstehung des brasilianischen Angriffs wurde Norwegens Antonio Nusa im Mittelfeld per Foul vom Ball getrennt – der Ball wurde nicht gespielt, die Bilder waren eindeutig. Genau diese Sequenz bekam Elfath in der Reviewarea nicht zu sehen. MagentaTV-Schiedsrichterexperte Patrick Ittrich stellte in der Halbzeit klar: „Die Überprüfung beginnt mit der Balleroberung.“ Sein Urteil über Guzman fiel entsprechend hart aus – ein Fehler der Videoassistentin, der Strafstoß hätte gar nicht erst entstehen dürfen.
Dass Guimarães in der 14. Minute an Örjan Nyland scheiterte, nahm der Szene die Ergebniswirkung. Der Debatte nimmt es nichts. Denn der eigentliche Sinn des Videobeweises ist nicht, Fehler zu halbieren, sondern sie zu korrigieren. Wer dem Schiedsrichter nur die halbe Szene zeigt, produziert eine halbe Wahrheit.
Das Muster, das sich wiederholt
Es war nicht Guzmans erster umstrittener Auftritt bei diesem Turnier. Beim deutschen Sechzehntelfinal-Aus gegen Paraguay kam von ihr der Hinweis, der zur Aberkennung von Jonathan Tahs vermeintlichem 2:1 in der Verlängerung führte – wegen eines Stoßes von Waldemar Anton gegen Keeper Orlando Gill. ZDF-Experte Thorsten Kinhöfer fand dazu deutliche Worte: „Mir fehlen die Worte.“ Ein handelsüblicher Kontakt, kein Foul, so seine Einordnung. Deutschland schied anschließend im Elfmeterschießen aus.
| Partie | Guzman-Eingriff | Kritikpunkt | Folge |
|---|---|---|---|
| Deutschland – Paraguay (1/16-Finale) | Hinweis auf Anton-Kontakt an Gill | Aberkennung eines regulär wirkenden Tores | Tah-Treffer zählt nicht, DFB-Aus im Elfmeterschießen |
| Brasilien – Norwegen (Achtelfinale) | Review-Empfehlung nach Ajer-Grätsche | Foul an Nusa in der Entstehung nicht gezeigt | Elfmeter für Brasilien, von Guimarães verschossen |
Zwei K.-o.-Spiele, zwei Eingriffe, zweimal massive Expertenkritik. Man kann das als unglückliche Serie einer einzelnen Unparteiischen lesen. Man kann darin aber auch ein Versagen derer erkennen, die sie ansetzen.
Gräfes Befund: „Der VAR hat ein strukturelles Problem“
Genau dort setzt Manuel Gräfe an. Der frühere FIFA-Referee, seit Jahren der lauteste deutsche Schiedsrichter-Kritiker, hält die Aberkennung des Tah-Tores unverändert für einen Skandal – und richtet seinen Vorwurf ausdrücklich gegen die Ansetzungspolitik: Guzman habe vor diesem Turnier noch nie eine internationale Partie der Männer geleitet. Sein Fazit auf X: Der VAR habe ein strukturelles Problem.
Dass FIFA-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina den Eingriff im Deutschland-Spiel öffentlich verteidigte und das Vorgehen beim Torwartschutz mit den vor dem Turnier kommunizierten Richtlinien begründete, ließ Gräfe nicht gelten. Er wertete Collinas Erklärung als Ablenkungsmanöver: Nach außen dürfe sich ein Verband vor seine Referees stellen – nach innen müsse ein Fehler aber als Fehler behandelt werden und dürfe sich nicht wiederholen.
Er wiederholte sich. Sechs Tage später, gleiche Videoassistentin, nächste K.-o.-Partie, nächste unvollständige Review.
Die Ansetzungsfrage: Warum schon wieder Guzman?
Und damit zur eigentlichen Pointe dieser Geschichte. Die Frage ist nicht mehr, ob Tatiana Guzman im Einzelfall richtig oder falsch lag – darüber streiten Experten seit Tagen. Die Frage ist, warum die FIFA eine Videoassistentin, deren Eingriff gerade erst ein WM-Aus mitentschieden hatte und deren Entscheidung selbst der eigene Schiedsrichterchef erklären musste, unmittelbar danach wieder für ein Achtelfinale mit Rekordweltmeister-Beteiligung nominierte.
Denkbare Lesarten gibt es zwei. Entweder die FIFA hielt die Kritik für unbegründet und wollte mit der Ansetzung demonstrativ Rückendeckung geben. Oder das interne Qualitätsmanagement funktioniert schlicht nicht so, wie es bei einem Turnier dieser Größenordnung funktionieren müsste. Beruhigend ist keine der beiden Varianten.
Gräfes Sorge reicht ohnehin über die Personalie hinaus. Die Häufung strittiger Entscheidungen – vom Tah-Tor über den Fall Balogun bis zur Elfmeter-Review von East Rutherford – habe das Potenzial, das Vertrauen in den Wettbewerb nachhaltig zu beschädigen. Man muss seinen Alarmismus nicht in jeder Silbe teilen, um den Kern ernst zu nehmen: Ein Kontrollinstrument, das selbst zur größten Fehlerquelle wird, hat sein Mandat verwirkt.
Der Befund
Der Videobeweis wurde eingeführt, um klare Fehler zu tilgen. Bei dieser WM produziert er sie in Serie – nicht, weil die Technik versagt, sondern weil Auswahl, Schulung und Kontrolle der Menschen dahinter nicht auf Weltmeisterschafts-Niveau sind. Norwegen steht verdient im Viertelfinale, Brasilien fliegt erstmals seit 1990 im Achtelfinale raus – daran ändert keine Reviewarea etwas. Aber wer nach zwei umstrittenen Eingriffen in Folge dieselbe Videoassistentin unkommentiert weiterbeschäftigt, sendet eine Botschaft. Sie lautet: Weitermachen. Und genau das ist das Problem.
Häufige Fragen zur VAR-Debatte um Tatiana Guzman
Warum gab es Elfmeter für Brasilien gegen Norwegen?
Kristoffer Ajer räumte Matheus Cunha in der zehnten Minute per Grätsche im Strafraum ab, ohne den Ball zu spielen. Schiedsrichter Ismail Elfath ließ zunächst weiterlaufen, revidierte nach VAR-Hinweis und On-Field-Review aber auf Strafstoß. Bruno Guimarães scheiterte vom Punkt an Örjan Nyland.
Was wird der Videoassistentin bei der Review vorgeworfen?
In der Entstehung des brasilianischen Angriffs war Norwegens Antonio Nusa im Mittelfeld gefoult worden. Diese Szene bekam Elfath am Monitor nicht zu sehen. Experte Patrick Ittrich wertete das als Fehler der Videoassistentin – die Überprüfung hätte bei der Balleroberung beginnen müssen.
Wer ist Tatiana Guzman?
Guzman ist eine 38 Jahre alte Schiedsrichterin aus Nicaragua, die bei der WM 2026 als Videoassistentin eingesetzt wird. Nach Kritik von Manuel Gräfe hatte sie vor dem Turnier noch keine internationale Männer-Partie als Hauptschiedsrichterin geleitet.
Was hat Guzman mit dem deutschen WM-Aus zu tun?
Im Sechzehntelfinale gegen Paraguay gab sie den VAR-Hinweis, der zur Aberkennung von Jonathan Tahs 2:1 in der Verlängerung führte – wegen eines Kontakts von Waldemar Anton gegen Torwart Orlando Gill. Deutsche Experten hielten die Entscheidung für falsch, die FIFA und Pierluigi Collina verteidigten sie. Deutschland schied im Elfmeterschießen aus.
Wie ging das Achtelfinale Brasilien – Norwegen aus?
Norwegen gewann 2:1. Erling Haaland traf doppelt (79., 90.), Neymar verkürzte in der Nachspielzeit per Foulelfmeter. Norwegen steht damit erstmals in einem WM-Viertelfinale, Brasilien scheidet erstmals seit 1990 im Achtelfinale aus.

