Die FIFA hat für diese Weltmeisterschaft aktiven Klimaschutz versprochen. Ihr Präsident hat dafür rund 95.400 Kilometer im Privatjet zurückgelegt. Beide Sätze stammen aus derselben Amtszeit – nur nicht von derselben Pressestelle.
Es ist die Sorte Widerspruch, die kein Kommunikationsteam wegmoderiert. Gianni Infantino besuchte 43 der 104 WM-Spiele in den USA, Kanada und Mexiko. Möglich machte das eine Gulfstream G650, getrackt von Flightradar24, ausgewertet von der Nachrichtenagentur AP und vom „Spiegel“. Das Ergebnis liest sich wie die Jahresbilanz eines mittelgroßen Reisekonzerns.
Die Bilanz: 21 Flughäfen, zweieinhalb Erdumrundungen
Rund 95.400 Kilometer in gut fünf Wochen. Fast zweieinhalb Mal um den Planeten. Die Maschine landete auf 21 Flughäfen, in jedem der 16 Stadien war Infantino mindestens einmal, im WM-Stadion von Miami gleich fünfmal. Der längste Flug führte am 15. Juni in fünf Stunden und 44 Minuten von Miami nach Seattle.
Und der Kohlenstoff? Rund 813 Tonnen CO₂ soll der Jet in dieser Zeit ausgestoßen haben, gerechnet auf Basis der Flugdaten. Zur Einordnung: Eine Durchschnittsperson in der Schweiz verursacht laut Bundesamt für Umwelt etwa 15,5 Tonnen im Jahr. Infantino übertrifft diesen Wert allein mit seinen WM-Flügen um das 52-Fache. Eine einzige Flugstunde der G650ER entspricht nach Berechnung Schweizer Umweltjournalisten dem kompletten Jahresausstoß eines Menschen.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Zurückgelegte Strecke | rund 95.400 km (≈ 2,5 Erdumrundungen) |
| Besuchte Spiele | 43 von 104 |
| Angeflogene Flughäfen | 21 |
| CO₂-Ausstoß des Jets | rund 813 Tonnen |
| Zum Vergleich | 52× der Jahres-Pro-Kopf-Wert in der Schweiz |
| Längster Flug | Miami–Seattle, 5:44 Std. (15. Juni) |
| Kürzester Flug (mit Infantino) | Seattle–Vancouver, 28 Min. (6. Juli) |
| Maschine | Gulfstream G650, betrieben von Qatar Executive |
Das Versprechen – und was davon übrig bleibt
In ihrer Nachhaltigkeits- und Menschenrechtsstrategie kündigte die FIFA an, aktiv gegen den Klimawandel vorzugehen. Auf Anfragen von AP, BBC und „Spiegel“ zu Infantinos Reiseplan reagierte der Verband entweder gar nicht oder ausweichend. Greenpeace nennt den Fall einen Widerspruch, den die FIFA nicht erklären könne. Man muss der Organisation nicht in allem folgen, um hier zuzustimmen: Erklären lässt sich das schwer.
Der Rahmen macht es nicht besser. Das New Weather Institute schätzt den Fußabdruck der gesamten WM auf rund neun Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent, davon 7,7 Millionen allein durch den Flugverkehr von Zuschauern und Offiziellen – mehr als das Vierfache des Schnitts der Turniere zwischen 2010 und 2022. Ein Format, das drei Länder und einen halben Kontinent überspannt, produziert Emissionen im industriellen Maßstab. Der Präsident geht mit gutem Beispiel voran – nur leider ins Cockpit.
Wenn der leere Jet Taxi spielt
Besonders pikant sind die Kurzstrecken. Teils legte die Maschine nur wenige Kilometer zurück – Sprünge, die jede Ökobilanz sprengen, weil ein Flugzeug bei Start und Landung am meisten Kerosin schluckt. Der Haken für alle, die hier den nächsten Skandal wittern: Auf diesen Mini-Hops saß Infantino meist gar nicht an Bord. Es waren Positionierungsflüge, mit denen der leere Jet in Stellung gebracht wurde – damit der Präsident schneller vom Stadion zum nächsten Flughafen und weiter zur nächsten Partie kam.
Das ist, wenn man so will, die ehrlichere Variante der Verschwendung. Kein Mann, der 13 Kilometer fliegt. Sondern ein Apparat, der eine leere Luxusmaschine quer über den Kontinent dirigiert, nur damit ein Terminkalender aufgeht. Infantinos eigener kürzester Flug dauerte 28 Minuten, von Seattle ins kanadische Vancouver. Auch dafür gäbe es einen Zug.
Der Sponsor fliegt mit
Wem gehört die Maschine? Betrieben wird die Gulfstream von der Charterabteilung von Qatar Airways, die unter dem Namen Qatar Executive firmiert und ihr Topmodell als „Topwahl der globalen Elite“ bewirbt. Qatar Airways ist FIFA-Sponsor. Der Weltverband predigt also Klimaneutralität und lässt seinen Präsidenten derweil in der Maschine eines Geldgebers durch die Zeitzonen reichen. Man kann das für einen praktischen Zufall halten. Man kann darin auch das Betriebssystem des modernen Fußballs erkennen: Wer zahlt, fliegt mit.
Zwei Stadien, ein Präsident – die TikTok-Rechnung
Den Beleg für die Absurdität lieferte nicht die FIFA, sondern das Netz. Am 25. Juni kursierten Bilder, die Infantino angeblich gleichzeitig bei zwei Gruppenspielen zeigten: Curaçao gegen die Elfenbeinküste in Philadelphia, Deutschland gegen Ecuador in New Jersey. Beide Partien begannen um 22 Uhr, die Stadien liegen rund 130 Kilometer auseinander. „Wie werden wir bitte verarscht?“, fragte ein Nutzer, dessen Video 1,2 Millionen Aufrufe sammelte. Die Deutungshoheit über das eigene Bild hat die FIFA da längst an die Handykameras verloren.
Klimaneutral auf dem Papier – zweieinhalbmal um die Welt in der Luft
Am Ende bleibt eine schlichte Rechnung. Ein Verband, der Fans zu kürzeren Wegen und kleineren Fußabdrücken ermahnt, schickt seinen höchsten Repräsentanten für 43 Spiele zweieinhalbmal um den Planeten – im Jet eines Sponsors, vorbei an jedem Zug, jeder Videoschalte, jedem eigenen Versprechen. Wer Nachhaltigkeit zur Turnier-Überschrift macht und sie im eigenen Terminkalender als Erstes wieder streicht, hat den Bezug zur Sache nicht bloß verloren. Er ist ihr davongeflogen.

