Ein Vertrag bis 2030 lag unterschriftsreif in Rom, 1,5 Millionen Euro pro Saison. Am Montagmorgen erfuhr Andrea Pirlo, dass er kein Kandidat mehr ist. Nicht vom Verband zuerst – sondern aus der Nacht davor.
Der Wettanbieter war nie der eigentliche Kern
Die Schlagzeile lautet: Wettdeal kostet Pirlo den Job. Sie greift zu kurz. Die Gazzetta dello Sport, die den Fall ins Rollen brachte, formulierte es deutlich anders: Ein Vertrag mit einem Wettanbieter lässt sich auflösen. Was sich nicht auflösen lässt, ist die Herkunft des Unternehmens.
Fonbet ist russisch. Pirlo tritt als globaler Markenbotschafter auf, und die Verbindung ist kein Zufallsprodukt: Sein Klub United FC in Dubai gehört dem russischen Unternehmer Sergej Lomakin, der laut Corriere della Sera bedeutende Interessen an Fonbet hält. Arbeitgeber und Sponsor speisen sich aus derselben Quelle. Genau das machte die Prüfung der Vertragsunterlagen, die Verbandspräsident Giovanni Malagò veranlasste, zu mehr als einer Formalie.
Moskau, Mai 2026: der Auftritt, der nachwirkte
Ende Mai reiste Pirlo zum „Tag des Fußballs“ nach Moskau, organisiert von Fonbet. Im Luschniki-Stadion schrieb er Autogramme, posierte für Selfies, trat im roten Trikot noch einmal gegen den Ball. An seiner Seite: Marco Materazzi. Zwei Weltmeister von 2006, Bilder aus Moskau, während in der Ukraine der Krieg läuft, gegen den sich Italien als EU-Staat klar positioniert hat.
Diese Bilder waren schon damals ein Thema. Zum Problem wurden sie erst, als der Mann darauf Nationaltrainer werden sollte. Am Wochenende meldeten sich Politiker mehrerer Parteien zu Wort. Die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, Pina Picierno, nannte eine Verpflichtung auf X einen „schweren Fehler“ und sprach vom „Plan Z des italienischen Fußballs“. Die Gazzetta titelte am Sonntag über den „russischen Schatten“.
Die Frage war nie, ob Pirlo prorussisch ist
Pirlo selbst hat sich am Montag aus dem Trainingslager in Österreich gewehrt – mit großer Bitterkeit, wie er schrieb. Er habe stets im Rahmen der Gesetze und der von ihm unterzeichneten Verträge gearbeitet. Die umstrittene Zusammenarbeit sei „ausschließlich kommerzieller und sportlicher Natur“. Wer ihr eine politische Bedeutung zuschreibe, unterstelle ihm Überzeugungen, die er nie geäußert habe.
Das ist juristisch vermutlich sauber – und trotzdem am Punkt vorbei. Die Frage war nie, ob Pirlo prorussisch denkt. Sie lautete, ob ein Verband, der drei WM-Endrunden hintereinander verpasst hat und im Sommer 2032 Gastgeber einer EM sein will, sich diese Bilder ans Revers heften kann. Malagò hat sie beantwortet. Laut Corriere erklärte er seinen Managern, Pirlo könne nicht Nationaltrainer werden – nicht aus sportlichen Gründen, sondern aus Gründen der Sinnhaftigkeit.
Die Chronologie eines Sommers, der aus dem Ruder lief
| Zeitpunkt | Ereignis |
|---|---|
| März 2026 | Playoff-Aus im Elfmeterschießen gegen Bosnien-Herzegowina – dritte verpasste WM in Folge |
| April 2026 | Gattuso, Buffon und Präsident Gravina gehen; Silvio Baldini übernimmt interimsweise für zwei Testspiele |
| 22. Juni 2026 | Malagò wird mit 68,58 Prozent zum FIGC-Präsidenten gewählt |
| Anfang Juli | Maldini wird Technischer Direktor – mit der Zusage voller Autonomie bei der Trainerwahl |
| Mitte Juli | Absagen von Guardiola und Ancelotti; Maldini setzt exklusiv auf Pirlo |
| 26. Juli | Gazzetta berichtet über den „russischen Schatten“; Malagò ordnet Prüfung an |
| 27. Juli | Pirlo erklärt auf Instagram, er sei kein Kandidat mehr |
Maldinis Autonomie – und was davon übrig ist
Der eigentliche Bruch liegt tiefer. Paolo Maldini hatte den Posten als Technischer Direktor nur angenommen, weil ihm die Entscheidung über den Cheftrainer in Eigenregie zugesichert worden war. Diese Bedingung war der Preis für seine Zusage. Gegenüber der Gazzetta wurde er unmissverständlich: „Wenn ich das Gefühl habe, keine Entscheidungsgewalt zu haben, werde ich zurücktreten.“
Nach den Absagen von Pep Guardiola und Carlo Ancelotti hatten Maldini und sein Berater Leonardo ausschließlich auf Pirlo gesetzt. Antonio Conte und Roberto Mancini lehnten sie intern ab – Conte, weil er im Schnitt alle zwei Jahre den Klub wechselt, Mancini wegen seines Abgangs 2023. Nun sind genau diese beiden wieder die Namen, die in Rom kursieren. Und Maldini steht vor der Frage, ob er nach zwei Wochen im Amt wieder geht. Als möglicher Nachfolger wird bereits Giorgio Chiellini gehandelt.
Pirlo bedankte sich in seinem Statement ausdrücklich bei Maldini und Leonardo. Seine Liebe zu Italien, schrieb er, hänge nicht von einem Jobtitel ab.
Neuer Präsident, alter Reflex
Man kann Malagòs Entscheidung als überfälligen Akt politischer Hygiene lesen. Man kann sie auch als das lesen, was sie prozessual war: eine Blockade, die kam, nachdem der Vertrag ausverhandelt war, nachdem die Termine standen, nachdem der Technische Direktor sich öffentlich festgelegt hatte. Beide Lesarten stimmen. Nur die zweite erklärt, warum in Rom gerade nicht über einen Trainer gestritten wird, sondern über Zuständigkeiten.
Vier Jahre, vier Nationaltrainer, drei verpasste Weltmeisterschaften – und ein Verband, der bei jeder Zäsur zuerst Namen austauscht. Malagò war angetreten, das zu ändern. Sein erster großer Vorgang endet damit, dass der Wunschtrainer weg ist, der Technische Direktor mit Rücktritt droht und die Kandidatenliste dieselbe ist wie im April. Wer den italienischen Fußball reformieren will, muss irgendwann bei etwas anderem anfangen als beim Personal.

