FC Barcelona | So sieht der Fußball unter Xavi aus

Xavi bei seiner Vorstellung als Trainer des FC Barcelona
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Xavi Hernandez ist zurück beim FC Barcelona. Kann er den Ballbesitz-Ballerino der Guardiola-Jahre wieder aufleben lassen und die Blaugrana wieder zu altem Glanz führen? Eine taktische Betrachtung.

Xavi Hernández (41) wurde beim FC Barcelona begrüßt wie ein Erlöser. Das Camp Nou bebte. Erinnerungen an die goldenen Jahre 2008 bis 2012 machten sich breit. Pep Guardiola (50) auf der Trainerbank, Xavi als Dirigent auf dem Rasen. Die Zeit, in der Blaugrana den Fußball revolutionierte und zwei Champions-League-Titel gewann. Einer der beiden Heilsbringer ist nun zurück – und zwar in der Rolle des anderen. Was ist von Xavi als Trainer des FC Barcelona zu erwarten? Kann er das verspätete Erbe von Pep Guardiola antreten?

 

Xavi: „Ich bin besessen von Ballbesitz.“

Im Juli 2019 wechselte Xavi vom Rasen auf die Trainerbank. Seitdem trainierte er den Al-Saad SC. In welche Richtung er sein Team führen wollte, war nach wenigen Spielen klar. „Ich bin besessen von Ballbesitz“, sagte Xavis kurz nach seinem Amtsantritt. „Für mich ist klar: Mein Team kontrolliert den Ball. Ich leide, wenn wir ihn nicht haben. So war es bereits als Spieler. Als Trainer ist es sogar noch klarer für mich.“ Sein Team kratzte immer wieder an Ballbesitzquoten von 70%, in der laufenden Saison sind es durchschnittlich 64%. (Zahlen: transfermarkt.de)

Damit ist klar, um was sich das Spiel unter Xavi dreht. Klingt dogmatisch, ist es auch, allerdings nicht mit Blick auf die Formation. Ganz in der Tradition von Pep Guardiola, der während seiner Zeit als Bayern-Trainer Formationen als belanglose Telefonnummern abtat, misst auch Xavi den Zahlenfolgen keinen großen Wert zu. Sie seien lediglich Mittel zum Zweck, entscheidend sei die Philosophie. Und diese folgt im Spiel mit Ball bei Xavi einem etwas anachronistisch wirkenden Prinzip: so viel Tiefe und Breite wie möglich.

Viele Mannschaften folgen einem anderen Prinzip, sie ordnen ihre Positionierung im Ballbesitz den Umschaltphasen unter. Die Ausrichtung lautet dann: so tief wie möglich, so breit wie nötig. Das Spielfeld wird also verengt, obwohl das Verteidigen dem Gegner damit erleichtert wird. Der Grund dafür liegt darin, dass die Wege im Falle eines Ballverlustes kürzer sind. Das Gegenpressing kann somit unmittelbar erfolgen. Beispiel dafür sind etwa Marco Rose (45) und Jürgen Klopp (54), aber auch Pep Guardiola passte seine Philosophie von „so viel Breite wie möglich“ in seinen Barca-Jahre in Richtung „so viel Breite wie nötig“ an. Xavi folgt dieser Entwicklung nicht. Er ist überzeugt, Kontrolle über das Spiel lasse sich nur im Ballbesitz erlangen.

Neue Ära beim FC Barcelona: Die größten Baustellen für Xavi Hernandez

Positonsspiel in seiner puren Gestalt?

Wie will Xavi diese Kontrolle im Spiel mit Ball herstellen? Sein Team soll den Prinzipien des „Positionsspiels“ folgen. Ein System, das von den Spielern dauerhaftes Anpassen an die Position des Balles erfordert, um Überzahlsituationen und Dreiecke zu bilden. Entwickelt von Jack Rynolds, wiederentdeckt von Rinus Michels, zelebriert von Johan Cruyff und perfektioniert von Pep Guardiola, wird dieses Spielsystem mittlerweile von sämtlichen Mannschaften im Spitzenfußball praktiziert. Nicht in Reinform sondern in verschiedenen Abwandlungen. Jedes moderne Spielsystem baut im Grunde auf Positionsspiel auf, beim FC Barcelona könnte man es nun allerdings nochmal in purer Gestalt erblicken – und eine Antwort auf die Frage liefern, ob ein so stark auf Ballbesitz ausgerichtetes System nicht nur sehenswert, sondern auch im hyperphysischen modernen Fußball noch erfolgreich sein kann: Anachronismus oder Befreiung von der Tristesse eben.

Kontrolle über den Ball bedeutet Kontrolle über den Gegner

Xavis Philosophie beinhaltet zahlreiche Grundsätze, von denen hier einige beispielhaft erklärt werden sollen. Der erste lautet: Überzahl im Spielaufbau, um dauerhafte Kontrolle über den Ball zu haben. Um dies stets herzustellen, orientierte er seine Formationen beim Al-Saad SC stets am Defensivverhalten der Gegner. Die Gegner in der Qatar Star League verteidigten überwiegend in einem tiefen Block gegen Xavis Team.

Durch stetige Überzahl im Spielaufbau wird der Ballbesitz kontrollierter, die Zahl der Ballverluste reduziert und gleichzeitig bietet diese Positionierung Absicherung gegen Konter, falls es doch zu Ballverlusten kommt. Deswegen orientiert sich die Anordnung von Xavis Teams immer an diesem Prinzip. Kontrolle über den Ball bedeutet für ihn Kontrolle über den Gegner.

Hergestellt wird diese zahlenmäßige Überlegenheit vor allem dadurch, dass sich die Stürmer zwischen den beiden Innenverteidigern des Gegners und die beiden Flügelstürmer an den Außenlinien und auf der letzten Linie des Gegners positionieren. Ganz nach Xavis Grundprinzip: so viel Tiefe und Breite wie möglich. Damit sind vier Spieler des Gegners dazu gezwungen, drei Spieler der eigenen Mannschaft zu verteidigen. Auf dem Rest des Spielfelds herrscht damit Überzahl.

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Suchen und finden: Wo ist der freie Mann?

Wie oft der FC Barcelona aus dieser komfortablen Grundposition in der gegnerischen Hälfte angreifen wird, ist allerdings fraglich. Die Mannschaften in der La Liga und vor allem in der Champions League werden gegen die Blaugrana wohl kaum den Bus vor dem eigenen Tor parken. Zumindest nicht alle. Xavi wird zukünftig häufiger Mannschaften gegenüberstehen, die sein Team bereits in der eigenen Hälfte stören. Aber auch dafür hat der Katalane Antworten.

 

Presst der Gegner hoch und positionieren sich die eigenen Spieler anhand der Regeln des Positionsspiels, sei immer mindestens ein Spieler frei, erklärt Xavi „The Coach Voice“. Diesen gelte es zu finden. Grund dafür ist die Überzahl durch den mitspielenden Torhüter – und mit Marc-Andre ter Stegen (29) hat der FC Barcelona hierfür einen der besten der Welt. Die Spielmacherqualitäten des Deutschen sind für den Stil Xavis durchaus wichtig. Binden die drei Stürmer zusätzlich die Viererkette, lässt sich das hohe Pressing des Gegners in einem Acht gegen Sechs überspielen.

Das Ziel Xavis ist allerdings nicht, den Gegner zu überrumpeln und das hohe Verteidigen für einen schnellen Angriff zu nutzen. Umschaltmomente seiner Teams sind selten. Vielmehr soll der freie Mann gefunden und damit der Mittelfeldblock des Gegners überspielt werden, um den eigenen Ballbesitz in die gegnerische Hälfte zu überführen. Für Xavi der Inbegriff von Spielkontrolle. Das Spiel tritt dann wieder in die Spielphase der ersten Beispielbilder ein.

Kehrt der Glanz ins Camp Nou zurück?

Entscheidend wird sein, ob sich der FC Barcelona aus diesen Situationen der Kontrolle genügend Torchancen herausspielen kann. Die Ballbesitzwerte waren auch unter Ronald Koeman die höchsten der Liga. Seitdem der Zauber Lionel Messis nicht mehr durch das Camp Nou weht, wirkte das Spiel aber oft uninspiriert und träge. Koeman lehrte allerdings kein sich ständig an den Ball anpassendes Positionsspiel. Stattdessen wirkte es wie Standfußball, der die engen Räume scheute, die gegen tief stehende Gegner zwingend zu bespielen sind. Die anspruchsvollen Zuschauer im Camp Nou resignierten, denn der Glanz der Guardiola-Jahre ging von endlosen Passstafetten in ebendiesen engen Räumen aus.

Ob Xavi Hernandez Katalonien von jahrelanger fußballerischer Tristesse erlösen wird? Der Schlüssel, die gegnerischen Teams in diesen engen Räumen zu dominieren, liegt mit den megabegabten Mittelfeldspielern Frenkie de Jong (24), Pedri (18) und Gavi (17) sowie dem ewigen Sergio Busquets (33) in seinen Händen.

Autor: Florian Weber 

 (Photo by David Ramos/Getty Images)

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