Sergio Busquets – Der essenzielle Nebencharakter

Busquets Barcelona
La Liga

Lange Zeit spaltete Sergio Busquets die Massen – genialer Stratege oder überbewerteter Querpassspieler mit Neigungen zur Schauspielerei? Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts wandelte sich Busquets‘ Image zum Besseren und seine Klasse gilt als unbestritten, doch das war nicht immer so.

Die angezweifelte Konstante in Barças Mittelfeldzentrum

Seit 2008 spielt Sergio Busquets für die Profimannschaft des FC Barcelona, seit mehr als zehn Jahren ist sein Status als Stammspieler im Mittelfeldzentrum der Katalanen unangefochten. Blickt man auf das Skillset des mittlerweile 33-jährigen Spaniers, könnte sich der ein oder andere die Frage stellen, warum das überhaupt so ist. Busquets‘ Körpergröße von 1,89m könnte darauf schließen lassen, dass er in Barcas Spiel eine Art Abräumer vor der Abwehr darstellen könnte, doch dem ist nicht so.

Der Spanier verfügt weder über das Tempo dafür, noch besitzt er die nötige Zweikampfstärke. Mit nur zehn Treffern in mehr als 400 La Liga-Partien ist er zudem auch keinesfalls als Torgefährlich zu bezeichnen. Der gebürtige Katalane ist kein Allrounder oder Box-to-Box-Spieler, der mit Vielseitigkeit glänzen kann. Oft haben große Teile des Publikums von Partien des FC Barcelona das Gefühl, dass Busquets gar nicht auf dem Platz steht.

Es gibt wohl kaum einen Spieler, der mit einer Spielweise, die auf den ersten Blick unspektakulär wirken mag, die Meinungen in der Welt des Fußballs derart spaltete und für Grundsatzdiskussionen sorgte. In einem Artikel, der im August 2011 auf der Website Bleacherreport veröffentlicht wurde, wurde der Spanier gar als „most overrated player in world football“ beschrieben. Faulheit, Schwalben und schwaches Passspiel, waren die Vorwürfe, die der Autor des Artikels erhob ohne ins Detail zu gehen. Die Kritik wurde von Nutzern der sozialen Medien in den Kommentarspalten gebetsmühlenartig wiederholt. Doch Busquets ist nicht ohne Grund seit mehr als einer Dekade eine essenzielle Säule im Mittelfeldzentrum des FC Barcelona.

Der Spanier überzeugt mit sauberer Technik, überragender Übersicht, sowie exzellentem Raum- und Körpergefühl. Zudem sind die Ballsicherheit und Ruhe, die Busquets seit über einem Jahrzehnt ausstrahlt, unauffällig, aber bemerkenswert. Doch auch hier könnte ein Busquets-Kritiker Einwände haben. Der Vorwurf des „Ball hin- und herschieben und Spiel verlangsamens“ war lange Zeit ein gängiger, besonders wenn das Aufbauspiel phasenweise nicht ideal funktioniert. Wirft man einen Blick auf die Spielweise des FC Barcelona und der spanischen Nationalmannschaft, geht die Kritik ins Leere.

Der defensive Mittelfeldspieler ist Dreh- und Angelpunkt in zwei Teams, die Ballbesitzfußball und Tiki-Taka mehrfach revolutioniert haben. Einer von Busquets‘ Signature Moves ist eine geniale Antwort, auf die Frage, wie man innerhalb von Sekunden den gegnerischen Defensivverbund aus dem Konzept bringen kann.

Raumgewinn durch Irritation

Zu den größten Stärken des schlanken Spaniers zählt, wie bereits erwähnt, sein Körpergefühl. Eine Szene, die sich bei Spielen des FC Barcelona häufig beobachten lässt, in der Geschwindigkeit des Spiels jedoch häufig untergeht, ist folgende: Busquets hält den Ball im mittleren Drittel und sieht sich nach Anspielstationen um. Seine Körperhaltung und Blickrichtung suggerieren dem Gegner das Zuspiel zu einem Mitspieler, der unmittelbar nach der Ballannahme keine Gefahr für die gegnerische Mannschaft darstellt oder bereits unter dem Druck des Gegners steht. Was folgt, ist ein sogenannter „Disguised Pass“.

Während bei Kreisliga-Trainern unmittelbar vor sich anbahnenden Fehlpässen der Puls in die Höhe schnellt, besteht bei Busquets kein Grund zur Sorge. Der Spanier ist gedanklich bereits einen Schritt weiter – und seine Teamkollegen im Idealfall auch. Die gegnerische Mannschaft hat sich bereits darauf eingestellt, dass Busquets den offensichtlichen, ungefährlichen Pass spielt und leitet das präventive Verschieben zu dem Spieler ein, der sich in Busquets Blickrichtung befindet.

Konträr zu den Erwartungen der Gegenspieler, spielt Busquets den Ball zu einem anderen Mitspieler, der sich vor wenigen Sekunden noch unanspielbar im gegnerischen Deckungsschatten befand. Dem Passempfänger wird so das Aufdrehen und die Beschleunigung des Spiels ermöglicht. Die vor wenigen Sekunden noch so organisiert wirkende Defensive des Gegners wird binnen Augenblicken aus dem Konzept gebracht.

Während sich Barcas Offensivspieler an die Körpertäuschungen gewöhnt haben, ist es für die gegnerische Hintermannschaft im Tempo des Spiels nahezu unmöglich Busquets‘ Bewegungen zu lesen und die Finte zu durchschauen. Im Optimalfall spielt er den Pass gegen die Laufrichtung der verschiebenden Ketten und schafft so noch größere Räume für seine Teamkollegen, die den Ball anschließend ungestört verarbeiten können. Diese Rhythmuswechsel sind bei dem ballbesitzlastigen Spielstil essenziell, schließlich ist das Kreieren von Dynamik eine Notwendigkeit um Tore aus dem Spiel heraus zu erzielen.

Viel Wirkung, wenig Anerkennung

Dass einige der weltbesten Fußballprofis jedes Jahr das rotblaue Trikot des FC Barcelona tragen, ist jahrzehntelange Tradition. Johan Cruyff, Diego Maradona und Ronaldinho prägten nicht nur das Spiel der Blaugrana, sondern ganze Generationen des gesamten Sports. Über allem steht der sechsmalige Weltfußballer Lionel Messi, der in Katalonien gottesgleiche Verehrung genießt.

Im Jahr 2009 gewann Barcelona das Sextuple mit einem Mittelfeldtrio, das häufig aus Xavi, Iniesta und Busquets bestand. Die Tatsache, dass sich nicht einmal Fans des Erzrivalen Real Madrid trauten, den beiden erstgenannten die Qualität abzusprechen, sorgte nicht dafür, dass Busquets aus der Schusslinie rückte. Obwohl die Katalanen alle Titel gewannen, die es zu gewinnen gab und schlaksige Sechser in der Spielzeit zu 43 Einsätzen kam, blieb er umstritten. Einige Jahre später war es das Trio Messi-Neymar-Suarez, das Abwehrreihen aus ganz Europa fürchteten und in den sozialen Medien gefeiert wurde. Sprach man im Jahr 2015 über die besten Spieler des FC Barcelona, fiel der Name Busquets nur selten. In „MSN“ war kein B.

Die Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung von Busquets‘ Wirken und seinem tatsächlichen Einfluss auf das Spiel des FC Barcelona waren phasenweise gigantisch. Dass Busquets lange unterschätzt wurde, war auch darauf zurückzuführen, dass sein Einfluss sich nicht in direkten Torbeteiligungen messen lässt. Er stellt nur selten die letzte oder vorletzte Station vor dem Torerfolg dar – 9 Tore und 29 Vorlagen in 407 La-Liga-Partien sind nicht wirklich beeindruckend.

Besonders zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts hatte der eher zweikampfscheue Busquets zudem den Ruf als Schwalbenkönig inne. Eine oscarreife Schauspieleinlage im Halbfinale der Champions-League-Saison 2009/10  gegen Inter Mailand, für die Thiago Motta mit einer roten Karte bestraft wurde, sorgte dafür, dass die Anzahl der Busquets-Kritiker rasant anstieg und die Qualitäten des gebürtigen Katalanen zeitweise in Vergessenheit gerieten.

Im Laufe der Jahre besserte sich die öffentliche Wahrnehmung Busquets‘ nach zahlreichen Titelgewinnen. Highlight-Compilations, die Namen wie „Absolute Genius“ oder „200 IQ Passes“ tragen, häuften sich auf Youtube und begannen den Fokus auf die Qualitäten des mittlerweile 33-Jährigen zu verschieben. Beim Ansehen dieser Videos blieb selbst den größten Busquets-Kritikern nicht anderes übrig, als seine Qualitäten wertzuschätzen.

Busquets: Spitzenwerte beim xG-Build

In einer Zeit, in der Datenanalyse und Metriken im Sport immer mehr an Beliebtheit gewinnen, gelang es Statistikern einen Wert zu finden, der die Relevanz von Individualisten im Spielaufbau messbar und somit vergleichbar macht. Gemeint ist der xG-BuildUp-Wert, welcher für Busquets‘ Bewertung deutlich treffender ist. Dieser Wert sagt aus, wie viele erwartete Tore (xG) aus einer Ballbesitzphase resultieren, in die ein Spieler eingebunden war. Um dem Wert mehr Aussagekraft im Bezug auf das Aufbauspiel zu verleihen, werden die direkten Schüsse und Torschussvorlagen beim xG-BuildUp nicht berücksichtigt. Die Summe von xG-BuildUp, xG und xA findet sich in der xG-Chain wieder.

Ein Spinnennetz Diagramm von understat.com gibt Aufschluss über Busquets‘ Qualitäten und zeigt seine Relevanz als Aufbauspieler. In der LaLiga-Saison 20/21 war der Spanier über den Spielaufbau an 19,79 expected Goals beteiligt und ist damit einsamer Spitzenreiter. Das entspricht 23,65% des aufsummierten xG-Werts aller Spieler des FC Barcelona über die gesamte Spielzeit. Bezogen auf 90 Minuten beträgt Busquets xG-BuildUp-Durchschnittswert aus allen Spielzeiten 0.70 – ein Wert, bei dem kein anderer aktiver La-Liga-Profi mithalten kann, auch wenn seine Teamkollegen ihm im vergangenen Jahr in dieser Statistik dicht auf den Versen waren. Den La-Liga-Bestwert beanspruchte Busquets mit einem xG-BuildUp-Wert von 0,80 in der Saison 2014/15 ebenfalls für sich. Für die Guardiola-Ära, der erfolgreichsten Phase des FC Barcelona seit dem Wirken von Johan Cruyff, stehen leider keine Daten zur Verfügung. Es ist jedoch naheliegend, dass Busquets xG-Buildup-Werte in den Spielzeiten unter Guardiola sogar noch höher lagen.

Pep Guardiola und Sergio Busquets – Das perfekte Match

Am 01. Juli 2008 übernahm Pep Guardiola den Cheftrainerposten beim FC Barcelona. Die Erfolgsgeschichte, die folgte, ist bekannt. Der moderne Tiki-Taka-Stil, mit dem die Katalenen Erfolg hatten, beeindruckte die Fußballwelt. Die Fähigkeiten der Einzelspieler stimmten mit Guardiolas durchdachter Spielidee, die den Regeln des Positionsspiels folgt, überein. Im Juego de Posícion wird das Spielfeld in Zonen unterteilt und die Spielern erhalten klare Anweisungen, in welchen Räumen sie wie zu agieren haben. Alles ist durchstrukturiert und geplant – ein ideales Umfeld für Spieler, die praktisch nie den Ball verliert. Dass das Mittelfeldtrio aus Xavi, Iniesta und Busquets zu den besten aller Zeiten gehörte, ist unbestritten. Während die beiden erstgenannten bereits in den Vorsaisons zur Weltklasse zählten, debütierte Busquets am zweiten LaLiga-Spieltag der Saison 2008/09 unter Guardiola. Dass er prädestiniert für den dominanten Ballbesitzfußball der Katalanen ist, war nach wenigen Spielminuten selbst für Laien erkennbar.

Die beiden gebürtigen Katalanen profitierten wechselseitig voneinander. Busquets entwickelte sich unter Guardiola auf spielerischer, persönlicher und taktischer Ebene weiter. Für Guardiolas Spielstil war Busquets eine Art Prototyp-Mittelfeldspieler und eine essenzielle Stütze der Tiki-Taka-Kathedrale. Busquets‘ Passfinten sind beispielhaft für seine ausgezeichnete Spielintelligenz und nur eine von zahlreichen Tricks, die sich im Repertoire des Mittelfeldspielers befinden. Unter Guardiola wurde der großgewachsene Spanier zum Stamm- und Schlüsselspieler – Das hat sich bis heute nicht geändert, obwohl Pep seit mehr als acht Jahren nicht mehr Trainer beim FC Barcelona ist.

Xavi wird Barça-Trainer – Der Kreis schließt sich

Vor wenigen Wochen begann mit der Anstellung von Xavi als Cheftrainer ein neues Kapitel beim FC Barcelona. Zwischen den Spielertypen Guardiola, Busquets und Xavi sind einige Parallelen erkennbar. Alle drei spielten in einer Mittelfeldposition vor der Abwehr, beide pflegten eine durchdachte und rationale Spielweise. Sie überzeugten vor allem durch Spielintelligenz, waren weder breit gebaut, noch bemerkenswert athletisch. Auch neben dem Platz ähneln sich die Charaktere. Sowohl Guardiola, als auch Xavi gelten als introvertierte Führungspersönlichkeiten, selbiges lässt sich über Busquets behaupten. Dass der 33-Jährige für Schlagzeilen außerhalb des Platzes sorgt, zählt zu den seltenen Ausnahmefällen. Lange Zeit verzichtete das Barcelona-Eigengewächs gar komplett auf Präsenz und Selbstinszenierung in den sozialen Medien.

Der 41-Jährige setzt auf einen ähnlich ballbesitzlastigen und dominanten Ansatz wie Guardiola einst, was angesichts der Historie wenig überraschend ist. Dass Busquets unter der Führung seines ehemaligen Teamkollegen weiterhin eine wichtige Rolle übernimmt, ist die logische Konsequenz.

 (Photo by David Ramos/Getty Images)

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