Ligue 1 | PSG unter Galtier und Campos: Aus Paris, für Paris

PSG Galtier Campos
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Spotlight | Dass Paris Saint-Germain die Champions League gewinnen will, ist nicht neu. Vielmehr der Ansatz, den sie verfolgen wollen. Unter Luís Campos und Christophe Galtier will man endlich das Talent ausschöpfen, das schon seit Jahren in der eigenen Jugend lauert.

PSGs „bestes Transferfenster“, das keines war

Das erste, was man sieht, wenn man den Rasen des Pariser Prinzenparks betritt, ist der Schriftzug über der Gegengeraden „Rêvons Plus Grande“ – „Träume größer“. Jahrelang wurde bei Paris Saint-Germain auch in größtem Stil geträumt.

Am 14. August des vergangenen Jahres twitterte Fabrizio Romano „Bestes Transferfenster aller Zeiten. Unglaublich. Nein, es ist nicht FIFA 22 Karrieremodus“

 

Es schien, als wollte PSG sein Klubmotto auf die absolute Spitze treiben. Lionel Messi und Sergio Ramos, jahrelang Rivalen im Clásico, Georginio Wijnaldum, jahrelang Leistungsträger des Liverpool FC sowie die beiden vielversprechenden Achraf Hakimi und Gianluigi Donnarumma, der frisch mit dem EM-Titel sowie der Auszeichnung als Spieler des Turniers kam – alle in einem Transferfenster. 2020 das Finale, 2021 Halbfinale. Jetzt musste es doch einfach etwas werden, mit dem Champions-League-Titel.

Allein, die blau-weiß-roten Träumereien wurden schon früh von der Realität eingeholt. Das 2:0 gegen Manchester City war das einzige wirkliche Highlight der Gruppenphase, die man hinter der Mannschaft von Pep Guardiola auf Platz 2 abschloss. Als es im Achtelfinale gegen Real Madrid wirklich darauf ankam, blieb vom „besten Transferfenster aller Zeiten“ nicht mehr viel übrig. Sergio Ramos musste abermals verletzt passen, Lionel Messi vergab im Hinspiel vom Punkt gegen Thibaut Courtois, Gianluigi Donnarumma leitete im Rückspiel mit einem schweren Patzer die madrilenische Aufholjagd ein und Achraf Hakimi hob vor Reals zweitem Treffer das Abseits auf.

 



 

9. März 2022: Auf der Anzeigetafel, die in der Gegengeraden des Santiago Bernabéu eingebaut ist, prangte in riesigen Lettern „REAL MADRID C.F. 3-1 PARIS SAINT-GERMAIN“. Damit war der Traum von Europas Krone – mal wieder – ausgeträumt. Nasser Al-Khelaifi und dem damaligen Sportdirektor Leonardo brannten im Anschluss an die Partie sämtliche Sicherungen durch. Auch die Polizei musste benachrichtigt werden.

Mit 13 Punkten Vorsprung in der Ligue 1 und dem Aus in der Coupe de France gegen Nizza (5:6, i.E, 0:0) stand fest, dass am Saisonende einmal mehr „nur“ der Meistertitel stehen würde. Dass es der zehnte war und man damit Rekordmeister AS Saint-Étienne einholte – Makulatur.

In Spiel 1 nach dem Champions-League-Aus kam das akut abstiegsgefährdete Girondins Bordeaux zu Besuch in den Prinzenpark. Für Spitzenmannschaften gibt es in dieser Situation eigentlich nichts Undankbareres. Gewinnt man deutlich, ist es so erwartet worden. Tut man es nicht, bekommt man von der Gazette schnell die nächste Blamage ans Bein gebunden.

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Pariser Jugendstil: Endlich die eigenen Ressourcen ausschöpfen

Diese Partie könnte aber dennoch zukunftsweisenden Charakter gehabt haben. Wie bei jedem Heimspiel verlas Stadionsprecher Michel Montana auch diesmal die Aufstellungen. Wenig überraschend bekam der Großteil des Teams vom Publikum die volle Breitseite ab – jedoch nicht alle. Marquinhos, der sich seit jeher mit dem Verein identifiziert, gehörte genauso zu den Verschonten wie Eigengewächs Presnel Kimpembe oder der aus dem Pariser Banlieue Bondy stammende Kylian Mbappé. Bei Letzterem könnte es natürlich auch damit zusammenhängen, dass er beide Tore gegen Real Madrid erzielte.

Dennoch kann man als Fan kaum deutlicher signalisieren, wo zukünftig die Reise hingehen soll. Mehr lokal, weniger global. Ein Verein aus Paris für Paris. Dass man es geschafft hat, Mbappé bis 2025 zu binden, darf guten Gewissens als Coup bezeichnet werden. Von einem Mitspracherecht für Mbappé war ebenfalls die Rede. Daher verwundert es nicht, dass diesen Sommer Luís Campos, sein Entdecker und Förderer aus Monaco-Zeiten in Paris aufschlug, als sportlicher Berater. Mit ihm kam Neu-Trainer Christophe Galtier. Also genau selbiges Duo, dass PSG 2021 mit Lille noch die Meisterschaft madig machte.

PSG Zaire-Emery

Photo by Masashi Hara/Getty Images

Wenn sich die Lillois in diesem Zeitraum über eines definiert haben, dann junge Spieler. Und wenn PSG in der eigenen Akademie etwas im Überfluss hat, dann Talent. Würde man eine Mannschaft mit Spielern zusammenstellen, die entweder aus Paris kommen und/oder die PSG-Akademie durchlaufen haben, bestünde allein der Angriff aus Kingsley Coman, Christopher Nkunku, Moussa Diaby sowie Kylian Mbappé. Weiter hinten fänden sich Mike Maignan, beziehungsweise Alphonse Aréola, Tanguy Nianzou oder Ferland Mendy.

Die Frauenmannschaft baut bereits erfolgreich auf dieses Prinzip: Marie-Antoinette Katoto, Kadidatou Diany, Grace Geyoro oder Sandy Baltimore sind allesamt Stamm- und Nationalspielerinnen.

In diese Richtung will sich auch die Herrenmannschaft entwickeln: Ein Name, den man dahingehend im Auge behalten muss, ist Warren Zaïre-Emery. Der 16-Jährige Mittelfeldspieler gilt als das nächste große Talent der PSG-Schmiede und wurde zusammen mit Bayerns Mathys Tel U17-Europameister. Auf der Asienreise seines Klubs kam er bereits zum Einsatz und darf – trotz seines jungen Alters – in dieser Saison schon auf erste Profiminuten hoffen. Laut Medienberichten hat er innerhalb des Kaders bleibenden Eindruck hinterlassen. Sein Vater Franck, der selbst Trainer einer Amateurmannschaft im Pariser Distrikt Seine-Saint-Denis war, sagte in einem Interview mit RMC Sport: „Die erwachsenen Spieler mussten bei mir Übungen machen. Und manchmal, wenn sie es nicht richtig machen konnten, habe ich Warren gebeten, ihnen zu zeigen, wie es geht – obwohl er erst neun Jahre alt war.“

 

Die Vertragsverlängerung von Ayman Kari, einem weiteren hochtalentierten Mittelfeldspieler, der 2021 den Titi D’Or, den vereinsinternen Preis für den besten Nachwuchsspieler gewinnen konnte, darf als weiterer Grundstein für die Zukunft betrachtet werden. Der FC Bayern machte bereits Avancen, ging allerdings leer aus.

Darüber hinaus hat der Verein die Kaufoption bei Nuno Mendes (20) gezogen und Vitinha (22), Hugo Ekitike (20) sowie Leipzigs Nordi Mukiele (24) verpflichtet. Zusammen mit Donnarumma und dem Ex-Dortmunder Achraf Hakimi, die beide erst 23 sind sowie dem 26-jährigen Kimpembe, kann PSG eine Defensive aufstellen, die auf ein Durchschnittsalter von 23,2 Jahren kommt. Im Mittelfeld könnte neben Vitinha bald Renato Sanches spielen, bei Lilles Meisterschaft einer von Galtiers Leistungsträgern. Und ganz vorne Ekitike an der Seite von Kylian Mbappé in Galtiers 4-4-2, das er bereits in Lille und Nizza praktizierte.

Christophe Galtier: Herausforderungen als Lieblingsbeschäftigung

Ohnehin scheut der neue Pariser Trainer nie vor Herausforderungen zurück. 2009 übernahm er Rekordmeister AS Saint-Étienne im Abstiegskampf, hielt die Klasse und gewann 2013 die Coupe de la Ligue, Saint-Étiennes erster Titel seit 32 Jahren. Mehr noch: Er machte den Verein zu einem regelmäßigen Teilnehmer in der Europa League. Viermal innerhalb von acht Jahren und dreimal hintereinander, zwischen 2013/14 und 2015/16.

Und dann? Dasselbe Spiel nochmal in Lille. Auch die Doggen drohten nach dem Abgang von Marcelo Bielsa im Abstiegskampf zu versinken. Galtier kam, hielt mit einem Punkt Vorsprung die Klasse und führte den Verein in seiner ersten kompletten Saison zur Vizemeisterschaft. Eine Verbesserung von FÜNFZEHN (!!!) Plätzen. Ganz nebenbei schickte er seinen aktuellen Arbeitgeber um Thomas Tuchel mit 5:1 nach Hause. 2019/20 gab es einen weiteren vierten Platz, bevor ein Jahr später der große Coup gelang. Galtier verabschiedete sich im größten aller Stile.

PSG Galtier

Photo by Masashi Hara/Getty Images

Nämlich nach Nizza, die in Lilles Meistersaison Neunter wurden. Lucien Favre darf sich zur aktuellen Saison über ein scheckheftgepflegtes Team auf Platz 5 freuen, das mit Galtier in der Coupe de France PSG und Marseille eliminierte.

Mit dem Talent, das Galtier zur Verfügung steht und einem der besten Entdecker in Luís Campos ist es gut möglich, dass Fabrizio Romanos Take vom 14. August 2021, zumindest vereinshistorisch, ein Jahr später zutrifft. Paris Saint-Germain hat ab sofort nicht nur eine Vision, sondern auch ein stabiles Projekt. Grund genug, im Prinzenpark wieder größer zu träumen.

Photo by JACK GUEZ/AFP via Getty Images

Victor Catalina

Victor Catalina

Mit Hitzfelds Bayern aufgewachsen, in Dortmund studiert und Sheffield das eigene Handwerk perfektioniert. Für 90PLUS immer bestens über die Vergangenheit und Gegenwart des europäischen Fußballs sowie seine Statistiken informiert.

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