Steven Gerrard bei Aston Villa – Der perfekte Job?

Steven Gerrard wechselt von den Rangers zu Aston Villa.
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Spotlight ǀ Steven Gerrard wurde am Donnerstag als neuer Übungsleiter von Aston Villa vorgestellt. Damit verlässt Gerrard die Glasgow Rangers nach knapp dreieinhalb Jahren. Aston Villa ist die erste Trainerstation der Liverpool-Legende in der Premier League. Warum es dazu kam, wie Gerrards Philosophie als Trainer ist und warum es trotz der laufenden Saison der perfekte Zeitpunkt ist.

  • In Schottland als Mensch und Trainer gereift
  • Jürgen Klopp als Vorbild
  • Erinnerungen an Brendan Rodgers werden wach

Überragende Zeit von Steven Gerrard in Schottland

Im Januar 2017 beendete Steven Gerrard (41) seine aktive Fußballer-Karriere. Der in einem Vorort von Liverpool geborene Gerrard spielte 17 Jahre für den Liverpool FC, ehe er zum Abschluss seiner Karriere für eineinhalb Jahre nach Amerika zu LA Galaxy ging. Nach dieser Zeit kehrte der ehemalige Mittelfeldspieler in seine Heimat zurück, um bis Sommer 2018 in der Jugend des LFC als Trainer zu arbeiten.

Seinen ersten Job im Herrenbereich bekam Gerrard von den Glasgow Rangers. Der Traditionsklub aus Schottland wollte sechs Jahre nach der Insolvenz wieder um die Meisterschaft kämpfen, Platz zwei mit 13 Punkten Rückstand auf Serienmeister Celtic Glasgow reichte den Verantwortlichen nicht. In Gerrard sahen sie den Mann, der die Rangers zurück an die Spitze führen könnte.

Finanziell sollte es ihm dabei an nichts fehlen, insgesamt machten die Rangers unter ihm ein Transferminus von über 30 Millionen Euro. Auch musste er in seiner Zeit keinen einzigen Stammspieler abgeben und konnte die Mannschaft perfekt aufeinander abstimmen. Nach zwei Jahren der Eingewöhnung war es in der Saison 2020/21 endlich soweit. In unglaublicher Manier pflügte die Mannschaft durch die Liga, bleib ungeschlagen, kassierte dabei in 33 Spielen nur zehn Gegentore und sicherte sich mit 20 Punkten Vorsprung den ersten Meistertitel seit zehn Jahren.

Auch in dieser Saison grüßen die Rangers von der Tabellenspitze, wenn auch bei weitem nicht mehr so deutlich wie im vergangenen Jahr. Nach 13 Spielen hat man 30 Punkte, der Vorsprung auf Celtic beträgt vier Punkte.

Klopp 2.0 in Sachen Taktik?

Nun ist Gerrard also in der Premier League, heuert bei Aston Villa an. Dass seine Zeit in Schottland erfolgreich war ist das eine, doch die Frage ist, wie sein Spielstil ist und ob er diesen auch bei einer im Verhältnis zu den Gegnern schwächeren Mannschaft in einer insgesamt deutlich stärkeren Liga umsetzen kann.

Die Anleihen, die sich Gerrard bei Jürgen Klopp (54) genommen hat, sind unverkennbar. In seiner Zeit in Liverpools Jugendakademie sprachen die beiden fast täglich über ihre Spielansätze, auch heute telefonieren und schreiben sie noch regelmäßig. Die offensichtlichste, wenn auch nicht bedeutendste Gemeinsamkeit ist das System. Gerrard lässt am liebsten im 4-3-3 agieren, weicht im Notfall auch mal auf ein 4-2-3-1 aus. In Liverpool experimentierte er noch mehrfach mit einer Dreierkette, in Schottland gab es solche Wechsel in der Abwehrformation nicht mehr.

Die viel entscheidendere Gemeinsamkeit ist, wie das Spiel angegangen wird. Gerrard setzt extrem auf das Gegenpressing, er möchte frühe Ballgewinne forcieren und dann schnell vor das gegnerische Tor kommen. Auch Standardsituationen nehmen einen hohen Stellenwert in den täglichen Trainingseinheiten ein, starke 21 Treffer erzielten die Rangers vergangenes Jahr nach ruhenden Bällen.

Tavenier und Barisic jubeln

(Photo by Ian MacNicol/Getty Images)

Ist ein Spielaufbau von hinten angesagt, haben bei Gerrard – ähnlich wie bei Klopp – vor allem die Außenverteidiger wichtige Funktionen. In der vergangenen Saison hatten beispielsweise die beiden Stammspieler auf diesen Positionen, James Tavernier (30) und Borna Barisic (29), zusammen 17 Torvorlagen. Das erinnert schon stark an Trent Alexander-Arnold (23) und Andrew Robertson (27), die in der Meistersaison von Liverpool gemeinsam auf 25 Vorlagen kamen.

Ob das System zum Kader passt, wird man erst sehen müssen. Die wichtigsten Positionen sind wohl das zentrale Mittelfeld und die Außenverteidiger. Das Mittelfeld dürfte perfekt passen. John McGinn (27) oder Douglas Luiz (23) zeichnen sich vor allem durch starkes Zweikampfverhalten und hohe Laufwerte aus. In einem System, das auf Gegenpressing setzt, sind das die entscheidenden Stärken.

Den Außenverteidigern Matty Cash (24) und Matt Targett (26) hingegen fehlt es für Gerrards System an offensiver Durchschlagskraft. Zusammen haben die beiden in der letzten und dieser Saison lediglich fünf Tore vorbereitet. Durchaus möglich erscheint es also, dass entweder Ashley Young (36) hier seine Chance bekommt oder im Winter nachgebessert wird.

Brendan Rodgers als Vorbild

Was nun bleibt ist die Frage, ob der Wechsel Gerrards zum richtigen Zeitpunkt kommt. Trainer, die während der Saison den Verein wechseln, gibt es nur sehr selten. Zu groß ist die Gefahr, die Mannschaft zu verlieren. Denn wie will man seine Spieler motivieren, alles zu geben und gemeinsam etwas aufzubauen, wenn man selbst bei einem besseren Angebot den Verein verlässt, noch dazu während der Saison.

Ein Argument, warum Gerrard diesen Schritt gehen musste ist ein Blick in die Zukunft. Klopps Vertrag in Liverpool endet 2024, nahezu alle Experten und Fans sind sich einig, dass Gerrard sein Nachfolger werden kann. Etwas verwunderlich ist, dass Gerrard einen Vertrag bis 2025 unterschrieben hat. Dies sollte jedoch kein Problem darstellen. Entweder Klopp bleibt ein weiteres Jahr oder Gerrard wird erneut aus seinem Vertrag heraus gekauft.

Die Stelle bei einem absoluten Topklub anzutreten, ohne vorher Erfahrungen in der Premier League gesammelt zu haben, hätte jedoch einige Risiken geborgen. Man schaue nur einmal auf den Chelsea FC. Dort übernahm mit Frank Lampard (43) eine Vereinslegende 2019 den Trainerposten. Lampard kam direkt aus der zweitklassigen Championship von Derby County, und man sah ihm an, dass er einfach noch nicht bereit war, eine Spitzenmannschaft zu trainieren. Entsprechend wurde er nach nur eineinhalb Jahren wieder entlassen.

Dieses Schicksal soll Gerrard und Liverpool erspart bleiben. Und da niemand zusichern kann, dass Gerrard im Sommer 2022 einen Trainerjob in der Premier League bekommt, der passend ist, musste die Chance nun genutzt werden. Zunächst einige Zeit lag Trainer von Aston Villa sein und dann nach Liverpool gehen klingt definitiv nach einem durchdachten Vorgehen. Und auch die Vergangenheit hat gezeigt, dass Wechsel von einem Topteam einer kleineren Liga hin zu einem Mittelfeldteam einer Topliga durchaus auch während der Saison funktionieren können.

Brendan Rodgers bei Celtic

(Photo by Ian MacNicol/Getty Images)

Das beste Beispiel hierfür ist Brendan Rodgers (48). Der Nordire war zweieinhalb Jahre für Celtic Glasgow tätig, ehe er im Februar 2019 zu Leicester City wechselte. In kürzester Zeit machte Rodgers aus einer Mittelfeldmannschaft (Leicester war zum Zeitpunkt der Übernahme Elfter) einen Anwärter auf die Champions-League-Plätze. Ganz so hoch hinaus dürfte es zwar für Gerrard und Villa nicht gehen, doch ein Platz in der oberen Tabellenhälfte erscheint durchaus machbar.

(Photo by Ian MacNicol/Getty Images)

Lukas Heigl

Liebhaber des britischen Fußballs: Von Brighton über Reading und Wimbledon bis nach Inverness. Ist mehr für Spiele der dritten englischen Liga als für den Classico zu begeistern. Durch das Kommentatoren-Duo Galler/Menuge auch am französischen Fußball interessiert

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