Nathan Jones: Der strenggläubige Waliser, der Southampton wiederbeleben soll

Nathan Jones, neuer Trainer des FC Southampton
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Drei Siege aus 14 Spielen, zwölf Punkte und Tabellenplatz 18. Der Southampton Football Club steckt – mal wieder – im Abstiegskampf. Am Wochenende trennte sich der Verein nach knapp vier Jahren von Cheftrainer Ralph Hasenhüttl. Nathan Jones, aktuell Coach von Zweitligist Luton, soll ihn beerben. Der bekennende Christ aus Wales könnte ein „match made in heaven“ für die Saints sein.

Als Jugendlicher hatte Nathan Jones eine Möglichkeit, von der viele junge Nachwuchskicker ein Leben lang nur träumen: Ein Probetraining bei der Jugend-Nationalmannschaft. Der junge Verteidiger schlug das Angebot des walisischen Fußballverbands mehrmals aus. Denn die Probetrainings waren immer sonntags: Der Tag, an dem Jones gemeinsam mit seiner Familie zur Messe ging. Seine Trainer redeten ihm ein, dass er seine Karriere wegwarf – ohne Erfolg.



Für Jones, geboren im walisischen Bergbaudorf Blaenrhondda zwischen Swansea und Cardiff, stand der Glaube lange an erster Stelle. Und auch wenn der mittlerweile 49-jährige Jones seinem Glauben immer treu geblieben ist, mittlerweile hat er eingesehen, dass der Ball nun mal sonntags rollt. Der Waliser, seit 2020 in einer zweiten Amtszeit Cheftrainer des englischen Zweitligisten Luton Town, kann auf eine lange und wechselhafte Karriere im englischen Fußball zurückblicken.

Die ersten Schritte machte der gelernte Linksverteidiger allerdings in Spanien. Weil er als 22-Jähriger (ironischerweise) bei Luton keine Spielpraxis bekam, entschloss er sich für einen Wechsel in zweitklassige Segunda División nach Spanien. Zwei Jahre später kehrte Jones auf die Insel zurück und verbrachte drei Jahre bei Southend United, fünf bei Brighton & Hove Albion und sieben bei Yeovil Town. Die Premier League blieb ihm dabei als Spieler stets verwehrt. Bis jetzt: Am Donnerstag stellte der FC Southampton Nathan Jones als Nachfolger des freigestellten Ralph Hasenhüttl vor. Doch kann ein Mann, der noch keine Erfahrung im englischen Oberhaus hat, die Lösung für die Saints sein?

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Nathan Jones: Michelangelo auf dem Rücken, Fußball im Herzen

Auf den ersten Blick scheint die Karriere des Nathan Jones wie viele andere: einst Spieler, dann Assistent und schließlich Cheftrainer. Schaut man genauer hin, gibt es wenige Trainer im englischen Profifußball, die so facettenreich sind wie der 49-Jährige. Während er noch als Spieler unter Vertrag stand, coachte Jones die Damen-Mannschaft Yeovil Towns und assistierte dem Trainerstab der ersten Mannschaft. 26 Tage nach seinem Karriereende im Sommer 2012 tauschte er Fußballschuhe gegen Trillerpfeife aus und wurde Coach der U21-Mannschaft Charlton Athletics.

Ein Jahr später wurde er Assistent von Brightons damaligen neuem Cheftrainer Óscar García – ein enger Freund Pep Guardiolas, einst Barcelona-Spieler unter Johann Cruyff und durch und durch ein Trainer katalanischer Schule – unter anderem, weil Jones neben Englisch auch fließend Spanisch sprechen kann. García musste Brighton nach einer Saison wieder verlassen, Jones blieb. Auch Liverpool-Legende Sami Hyppiä, mit dem Jones eine enge Freundschaft verbindet, und Chris Hughton behielten den Waliser in ihrem Trainerstab bei den Seagulls. 2015 war Jones im Trainerteam des jetzigen englischen Nationaltrainers Gareth Southgate in Vorbereitung auf die U21-Europameisterschaft in Tschechien. Der Schritt zum Cheftrainer gelang Jones schließlich Anfang 2016, als er zum damaligen Viertligisten Luton zurückkehrte. Den Ort, den er als junger Spieler einst verlassen hatte.

Nathan Jones geht offen mit seiner Religiosität um. Auf seinem Rücken trägt der 49-Jährige stolz die beiden sich berührenden Hände aus Michelangelos Erschaffung Adams. „Im Fußball gibt es viele Versuchungen“, sagte Jones einmal gegenüber der Zeitung i. „Dank meinem Glauben konnte ich auf einem relativ geraden Weg bleiben (…)“. Auch sein Job als Trainer wird von seiner Religiosität beeinflusst, behauptet Jones: „Christ zu sein, erlaubt mir ehrlich und fair zu sein und ein Trainer zu sein, der von den Spielern vielleicht nicht gemocht, aber respektiert wird.“

Mit einer kurzen Unterbrechung 2019, in der Jones den damaligen Premier-League-Absteiger Stoke City coachte, verbrachte der Waliser die letzten sechs Jahre auf der Trainerbank von Luton Town. Und blickt man auf die Entwicklung, die Luton seitdem unter Jones genommen hat, könnte man fast meinen, dass Gott seine Finger im Spiel hatte.

Nathan Jones, hier bei Luton Town, jubelt an der Seitenlinie.

(Photo by Dan Istitene/Getty Images)

Luton Town: Kein gewöhnlicher Fußballverein

Außerhalb der Insel ist die Stadt Luton wohl den wenigsten ein Begriff. Entlang der wichtigsten Nord-Süd-Verkehrsachse des Vereinigten Königreiches gelegen, ist die Industriestadt nördlich von London mittlerweile vor allem als Destination für Discount-Airlines und den London Luton Airport bekannt. Mit dem Flughafen hören die Gemeinsamkeiten mit der benachbarten Weltmetropole London aber auch schon auf.

Auf den ersten Blick wirkt Luton wie eine stinknormale englische Großstadt. Im Stadtkern konkurrieren Whetherspoons und Primark um Ladefläche, darum reiht sich ein Einfamilienhaus aus Ziegelstein ans nächste. Bei genauerer Betrachtung ist die Hauptstadt der Grafschaft Bedfordshire nicht ganz so ordinär: Die Geschichte der Stadt ist eng mit der des Werks des Automobilherstellers Vauxhall in der Stadt verbunden. Auf der Suche nach Arbeit zog es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts viele Iren und Pakistaner in die Stadt, die Anstellung im Vauxhall-Werk fanden. Seitdem ist Luton so multikulturell wie kaum eine andere Stadt im Vereinigten Königreich. Und nicht zuletzt Lutons Fußballverein, der Luton Town Football Club, oder in Anspielung auf die traditionsreiche Hutproduktion in Luton auch The Hatters genannt, ist alles andere als ein gewöhnlicher Fußballverein. 1891 waren die Hatters die erste professionelle Fußballmannschaft aus dem Süden Englands. Wenige Vereine im englischen Profifußball haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten einen so dramatischen Fall und eine so unwahrscheinliche Wiedergeburt erlebt wie Luton Town.

1992 stiegen die Hatters aus dem englischen Oberhaus ab, in dem sie sich in den 1980er-Jahren etabliert hatte. Die 1-2 Auswärtsniederlage bei Notts County am 2. Mai 1992 sollte das bis heute letzte Spiel Lutons in Erstklassigkeit bleiben. Es folgten vierzehn wechselhafte Jahre, in denen Luton zu dem wurde, was man in Deutschland eine Fahrstuhlmannschaft nennt. Zwar stiegen die Hatters zweimal bis in die Viertklassigkeit ab, kämpften sich jedoch 2005 zurück in die Championship. Zwischen 2006 und 2009 folgte ein dramatischer Niedergang. Luton Town stieg dreimal in Folge bis in die fünfte englische Liga ab. Dabei waren die Probleme nicht nur sportlicher Natur.

Aufgrund finanzieller Unregelmäßigkeiten und gebrochenen Insolvenzauflagen wurde der Verein von der FA in den Saisons 07/08 und 08/09 jeweils mit einem Punktabzug von 10 bzw. 30 Zählern belegt, die den Abstieg endgültig besiegelten. Kein Verein im englischen Profifußball wurde je mit einem höheren Punktabzug belegt als Luton. Die Hatters kämpften sich zurück: 2014 erfolgte mit dem Aufstieg in die League Two die Rückkehr in den englischen Profifußball. Dort tat sich der Verein erwartbar schwer und galt zurecht in den ersten zwei Jahren Ligazugehörigkeit als Abstiegskandidat.

Seitdem finanzielle Unstimmigkeiten neben dem Platz den Verein 2008 in die tiefste sportliche Krise der Vereinsgeschichte gestürzt haben, ist man in Luton vorsichtig im Umgang mit Geld. Der Verein legt viel Wert darauf, finanziell gesund zu sein und langfristig nachhaltig zu agieren. Seit 2019 gibt es Pläne für ein neues Stadion, weil das legendäre, aber inzwischen schon 117 Jahre alte Stadion an der Kenilworth Road modernen Ansprüchen nicht mehr genügt. Teure Transfers und große Namen gibt es bei Luton also nicht. In der Saison 21/22 hatte Luton das drittkleinste Budget der Championship. Der Verein ist außerdem der einzige im englischen Profifußball, in dem der Supporters Trust, ein demokratisch organisierter Zusammenschluss von Fans, der mit 50.000 Aktien außerdem Anteilseigner des Vereins ist, ein Vetorecht besitzt, wenn es um die Identität des Vereins geht. Eine Änderung von Vereinsnamen, Logo, Farben oder dem Maskottchen geht nicht ohne Zustimmung der Fans.

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Nathan Jones: Aus wenig viel machen

Warum wir das erzählen? Nun ja, Nathan Jones machte Luton nach seiner Ankunft 2016 in kürzester Zeit von einem Abstiegs- zu einem Aufstiegskandidaten in der League Two. Zwischen 2017 und 2019 marschierten die Hatters aus der vierten in die zweite englische Liga durch. Kurz vor Lutons Rückkehr in die Zweitklassigkeit erhielt Jones im Januar 2019 ein Angebot vom Premier-League-Absteiger Stoke, das der Waliser annahm. Es folgte eine glücklose Zeit in den englischen Midlands, die im November desselben Jahres ihr vorzeitiges Ende fand, als Jones nach dem schlechten Saisonstart der Potters entlassen wurde. 170 Kilometer südlich erging es Luton nicht besser. Als die Pandemie den Ligabetrieb der Championship am 13. März 2020 nach 37 von 46 Spieltagen lahmlegte, befanden sich die Hatters auf dem vorletzten Tabellenplatz – sechs Punkte vom rettenden Ufer entfernt.

Inmitten des ersten Lockdowns kehrte der zu dem Zeitpunkt vereinslose Jones zurück an die Kenilworth Road auf Lutons Trainerbank. Mit einer Bilanz von 16 Punkten aus neun Spielen und nur einer einzigen Niederlage machte Luton unter Jones nach der Corona-Pause das Unmögliche möglich. Vor leeren Rängen sicherten sich die Hatters am letzten Spieltag mit einem 3:2-Heimsieg gegen Blackburn den Klassenerhalt. Im darauffolgenden Jahr wurde Luton Zwölfter, frei von jeglichen Abstiegssorgen. Den bislang größten Wurf schaffte Jones Mannschaft aber in der vergangenen Saison, als man sich mit dem sechsten Tabellenplatz für die Aufstiegs-Playoffs zur Premier League qualifizierte und dort im Halbfinale knapp an Huddersfield Town scheiterte.

Luton Towns Spielweise war dabei selten ein fußballerisches Spektakel. Die Hatters zeigten unter Jones eine beeindruckende im Gegenteil eine beeindruckende Direktheit und Effizienz. Luton hatte die gesamte Saison 2021/22 betrachtet im Durchschnitt am zweitwenigsten den Ball, spielte die zweitwenigsten Pässe. Aufsteiger Fulham spielte in der ganzen Championship Saison mehr als doppelt so viele Pässe wie Luton. Lutons spielt eher schnell und vertikal – die Hatters erzielten vergangene Saison zehn ihrer insgesamt 63 Tore nach hohen Ballgewinnen in der gegnerischen Hälfte (via fbref).

Aber nicht nur was den Fußball angeht ist Luton ein Kontrast zu den größeren Namen im englischen Unterhaus. Der gesamter Kader hat in der aktuellen Saison 2022/23 einen Marktwert von 30 Millionen Euro. So viel, wie Premier-League-Aufsteiger Nottingham Forest im Sommer allein für Morgan Gibbs-White auf die Theke legte. Mit einem durchschnittlichen Alter von 27,4 Jahren zählt der Kader außerdem zu den älteren in der Championship. Von außen betrachtet sticht kaum ein Name hervor. Der 24-jähirge Elijah Adebayo, der aus der Jugend des FC Fulham stammt und letzte Saison in 40 Spielen 16 Treffer erzielte, ist einer der jungen Hoffnungsträger.

Auf dem Transfermarkt grasen die Hatters die unteren Ligen der englischen Fußballpyramide und die Nachwuchsmannschaften der Topklubs ab, um vielversprechende und vor allem günstige Spieler zu verpflichten. Seit 2016, dem Jahr von Jones Ankunft, hat Luton sage und schreibe nur vier Millionen Euro für Transfers ausgegeben. Sowohl auf als auch neben dem Platz: Luton ist ein Verein und Jones ein Trainer, die in den letzten Jahren bewiesen haben, dass sie aus wenig viel machen können.

Die Premier League ruft

Lutons märchenhafte Wiederbelebung, die untrennbar mit dem Namen Nathan Jones verbunden ist, hat Wellen geschlagen. Und der Traum von der Premier League, den Jones Anfang des Jahres im Aufstiegsrennen mit Luton formulierte, ist für ihn nun Wirklichkeit geworden. Beim Southampton Football Club, der Jones Spezialität, aus wenig viel zu machen, seit Jahren leidenschaftlich praktiziert, wird er Ralph Hasenhüttls Erbe antreten.

Der Alpen-Klopp, wie der Österreicher Hasenhüttl auch genannt wird, hatte Southampton im Dezember 2018 übernommen und, wenn man die beiden blamablen 9:0-Niederlagen während seiner Amtszeit ausblendet, stets in sicheren Tabellengefilden gehalten. Doch Hasenhüttls Magie scheint schon lange verpufft zu sein, sein Kredit schwand in den letzten Monaten stetig. Anders als die Entlassung seines Vorgängers, sorgte die Entscheidung für Jones in den letzten Tagen für gemischte Gefühle bei den Anhängern der Saints. Vor allem die fehlende Premier-League-Erfahrung des Walisers ist einigen ein Dorn im Auge.

Bei Southampton wird Jones alles andere als geordnete Zustände vorfinden. Der Verein befindet sich nach 14 Spielen in der Premier League auf einem Abstiegsplatz, am nächsten Wochenende wartet auswärts Liverpool. Immerhin: nach der WM-Pause spielen die Saints erst wieder am 11. März gegen ein Team der „Big Six“. Der Kader von Southampton ist nach einem ereignisreichen Sommer mit jungen Talenten gespickt, die Jones besser machen könnte. Allen voran der deutsche Nationalspieler Armel Bella-Kotchap.

Ob die Entscheidung für Nathan Jones am Ende die richtige für Southampton sein wird, ist noch schwer vorherzusagen. Die Einwände zu seiner Unerfahrenheit sind berechtigt. Die Premier League wird für den Waliser eine komplett neue Herausforderung. Zumindest auf dem Papier passen der bekennende Christ Jones und die „Saints“ aber ganz gut zusammen. Und: Southampton selbst ist bestes Beispiel dafür, dass Trainer in Englands höchster Spielklasse nicht immer Premier-League Erfahrung mitbringen müssen. Auch Mauricio Pochettino und Ronald Koeman empfahlen sich bei den Saints einst für höhere Aufgaben.

Autor: David Schöngarth

(Photo by George Wood/Getty Images)

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