Chelsea entlässt Thomas Tuchel: Ein Armutszeugnis

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Der FC Chelsea hat Trainer Thomas Tuchel entlassen. Der Schritt ist ein Armutszeugnis für die Vereinsführung. Ein Kommentar.

Es ist leicht, bei Thomas Tuchels letzten drei Entlassungen ein Muster zu erkennen: Dreimal hatte er aufgrund von sportlichen Leistungen einen hohen Kredit. Dreimal wurde das, was auf dem Rasen passierte, schnell zur Nebensache. Bei Borussia Dortmund, Paris Saint-Germain und nun bei Chelsea. Der Deutsche gilt als hervorragender Trainer, aber auch als „schwierig“. Sei es seine Meinungsstärke oder auf zwischenmenschlicher Ebene. Das führt zu Konflikten.



In dieser Causa ist der Schuldige jedoch ein anderer: Todd Boehly, das Gesicht der neuen Besitzergruppe, die im Mai 2022 den FC Chelsea von Roman Abramovich übernahm. Der Schritt war essenziell für den Fortbestand des Klubs. Die Blues waren aufgrund der Kriegssanktionen gegen den russischen Oligarchen handlungsunfähig geworden. Nun haben sie zwar eine Zukunft, aber keine Perspektive.

Eine Reihe hochrangiger Funktionäre hat die Blues verlassen, allen voran Direktorin (und rechte Hand Abramovichs) Marina Granovskaia. Jahrelang aufgebaute Kontakte, sportliche Expertise sowie raffiniertes Verhandlungsgeschick. Mit einem Schlag weg. Nachfolger? Fehlanzeige. Stattdessen spielt der Teilhaber eines Baseball-Teams, der keine fußballerische Kompetenz mitbringt, nun real life Fußball-Manager bei einem Top-Verein.

Chelsea-Besitzer Todd Boehly hat Thomas Tuchel entlassen.

(Photo by GLYN KIRK/AFP via Getty Images)

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Chelsea: Passte Tuchel nicht in Bohelys „Vision“?

Der Auftritt auf dem Transfermarkt spricht Bände. Boehly handelte sich unzählige Absagen und überteuerte Preise ein: 273 Millionen, ein Gros davon für Wesley Fofana, Marc Cucurella, einen 31-jährigen Kalidou Koulibaly. Und Pierre-Emerick Aubameyang, dessen Verpflichtung eine besondere Symbolik hat: Das 100-Millionen-Euro-Missverständnis Romelu Lukaku mit dem schwererziehbaren 33-Jährigen zu ersetzen, ist sinnbildlich für die Verzweiflung. Gleichzeitig wirkte sie wie ein Vertrauensbeweis in Tuchels Urteilsvermögen. So dachte man zumindest. Doch Aubameyangs erster Einsatz für Chelsea am Dienstag war gleichzeitig sein letzter unter Tuchel.

Die Entlassung am Mittwoch sei keine Kurzschlussreaktion auf die 0:1-Pleite in Zagreb sondern wohl überlegt. Das war auffällig schnell und flächendeckend aus den Medien zu entnehmen. Boehly habe demnach eine gewisse Kultur für „sein“ Chelsea im Sinn. Und Tuchel sollte und wollte angeblich nicht so richtig ein Teil davon sein.

Mit aller Macht soll der Außenwelt vermittelt werden, dass der Trainerwechsel Teil einer Vision ist. Dass für die Besitzer laut Statement jetzt „der richtige Zeitpunkt“ dazu gekommen war, deutet eher auf mangelnden Durchblick.

Sechs Tage, nachdem Tuchels Kader endlich komplett war und die eigentliche Arbeit erst beginnen konnte? Bei nur fünf Punkten Rückstand auf Platz eins wohlgemerkt. Sechs Wochen, nachdem Tuchel Gespräche über eine vorzeitige Vertragsverlängerung bestätigte?

Bei Fans und Medien genoss Tuchel ein hohes Standing. Weil er eine kaputte Mannschaft übernahm und zum Champions-League-Sieg führte. Weil er als kommunikationsstarker Innen- und Außenminister agierte, als der Klub im Frühjahr führungslos ins Ungewisse steuerte. Und weil er mit seinen Aussagen, so unbequem sie manchmal auch waren, nur den Erfolg des Vereins im Sinn hatte. Für viele war Tuchel Konstanz und Zukunft zugleich.

Dank Boehly ist er nun Vergangenheit. Denn Tuchel sollte eines liefern: Entweder utopische Ergebnisse in unrealistischer Zeit oder Argumente für eine Entlassung. Was auch immer er davon bevorzugte. Es ist ein Armutszeugnis für ein Vereinsoberhaupt.

(Photo by Jurij Kodrun/Getty Images)

Chris McCarthy

Gründer und der Mann für die Insel. Bei Chris dreht sich alles um die Premier League. Wengerball im Herzen, Kick and Rush in den Genen.

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