La Dea in der Spitzengruppe der Serie A: Wie Gasperini Atalanta neu erfindet

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Atalanta Bergamasca Calcio, kurz Atalanta BC, gehört in der italienischen Serie A nicht zu den großen Namen. Trotzdem schrieb dieser Klub in den letzten Jahren seine ganz eigene, erfolgreiche Geschichte, spielte im Europapokal, ärgerte die Großen und war mit seinem wuchtigen Offensivspiel jederzeit in der Lage, einen Gegner komplett in sämtliche Einzelteile zu zerlegen. 

In der Vorsaison verpasste „La Dea“, die Göttin, wie der Klub auch genannt wird, den Einzug in den Europapokal. Was für andere eine Katastrophe wäre, nimmt der Verein aus der Lombardei aufgrund seiner Geschichte einfach hin. Und analysiert alles. Die daraus resultierenden Veränderungen scheinen eine Art Revolution des Fußballs der Bergamaschi hervorgerufen zu haben. Eine Revolution, die zumindest in der Anfangsphase der Saison Erfolg mit sich bringt.

Gasperini macht Atalanta zur Offensivmaschine

Um die besondere Verbindung zwischen Gian Piero Gasperini (64) und Atalanta zu verstehen, muss eine Reise zurück in das Jahr 2016 erfolgen. Damals übernahm der Trainer die Mannschaft nach knapp drei Jahren als Chefcoach beim CFC Genua. Dort leistete Gasperini durchaus ordentliche Arbeit, ohne für das ganz große Spektakel zu sorgen. Die Bergamaschi kamen gerade aus einer Saison, die sie zwei Plätze hinter Genua im absoluten Niemandsland der Tabelle abgeschlossen haben. Platz 13, 45 Punkte, 41 Saisontore: Mittelmaß. Doch die Dinge sollten sich ändern. 

Aus vielerlei Gründen. Gasperini baute nicht nur die Taktik um, sondern auch die Strukturen. Mit seiner Expertise erfand sich der Klub neu, setzte viel auf junge Spieler, aber auch auf Akteure mit viel Qualität, die besonders und speziell sind, eine ganz eigene Systematik auf dem Platz benötigen, um erfolgreich zu sein. Bergamo wurde zur Wohlfühloase für besondere Spielertypen. Josip Ilicic, der ein Spiel binnen Minuten mit gleich mehreren Treffer entschieden konnte, ein Papu Gomez, der auf dem Platz gerne auch mal durch Reibereien auffällt, aber gleichzeitig auch für besondere Momente stehen kann: Spieler wie sie fanden in der Lombardei ihre Heimat und in Gasperini einen Förderer, der die Qualitäten auf dem Platz zur Geltung bringen konnte.

Atalanta

(Photo by HENNING BAGGER/Ritzau Scanpix/AFP via Getty Images)

Das Scouting wurde modernisiert, eine 3-4-2-1-Grundordnung, gerne auch abweichend mit zwei Stürmern, eingeführt. Mit Erfolg. Atalanta entwickelte sich vor allem offensiv zu einer unberechenbaren Mannschaft. Besonders prägnant war die permanente Einbindung der Wingbacks. Die beiden Spieler auf der rechten respektive linken Seite vor der Dreierkette waren im Offensivspiel als Flügelstürmer aktiv, haben das Spiel breit gemacht und sind, wenn das Spielgerät auf der gegenüberliegenden Außenbahn war, als Verstärkung mit in den Strafraum gegangen.

Im ersten Jahr unter Gasperini landete Atalanta schon auf Platz vier, schoss 62 Tore. Es folgte Platz sieben mit 57 Treffern, 2018/19 sorgten 77 Tore für den dritten Platz. Der Peak unter Gasperini war in den Spielzeit 2019/20 und 2020/21: „La Dea“ erzielte alleine in der Serie A 98 (!) und 90 Tore, wurde zweimal Dritter und hatte zeitweise sogar gute Chancen auf den Scudetto. Torreiche Spiele waren keine Seltenheit 2019/20 gab es ein 7:0 beim FC Turin, ein 7:1 gegen Udinese Calcio und ein 7:2 gegen Lecce, selbst Milan wurde im Laufe dieser Spielzeit mit 5:0 vom Platz gefegt. 

Der Motor stockt: Analyse und Veränderungen

Die Frage war: Wo kann die Reise noch hingehen? Den Offensivstil weiter zu optimieren, erwies sich aus vielerlei Gründen als schwierig. Gomez verließ den Klub nach Unstimmigkeiten mit Gasperini im Verlauf der Zeit, Ilicic hatte persönliche, psychische Probleme zu durchleben und die Gegner stellten sich natürlich auch sukzessive auf die Bergamaschi ein. Dem hohen Risiko fehlte zudem zunehmend die richtige Absicherung und die Effizienz vor dem Tor war nicht mehr derart überragend. 2021/22 hatte Atalanta noch immer sehr viele Partien, in denen das Team sehr viele Schüsse abgab. Es fehlten aber 25 Tore im Vergleich zur Vorsaison. Weil individuelle Fehler auch noch erschwerend hinzukamen, litt die Balance.

Mitten in der Saison den Turnaround zu schaffen, ohne eine größere taktische Veränderung vorzunehmen, erwies sich als schwierig. Auf Highlights folgten schwächere Spiele, „La Dea“ holte im heimischen Gewiss Stadium nur drei Siege in der gesamten Saison und tat sich deutlich leichter, wenn auswärts gespielt wurde. Serien wie in den Jahren zuvor fehlten plötzlich, die individuellen Fehler nahmen zu. Ein offener Schlagabtausch war mitunter das, was der Gegner wollte, zuvor sollte genau dies vermieden werden. Die Konsequenz war ein Verpassen des internationalen Wettbewerbs und Platz acht.

An diesem Punkt angekommen gibt es mehrere Optionen, wie ein Trainer(team) vorgehen kann. Nach sechs Jahren im Klub und der erfolgreichen Implementierung eines ganz eigenen, sehr gut durchdachten Spielstils wäre eine Trennung sogar in irgendeiner Form zu begründen gewesen. Für den Klub und auch für den Trainer, ein freundschaftliches Auseinandergehen zum Beispiel. Auch eine komplette Revolution des Kaders mit zig Zu- und Abgängen wäre denkbar gewesen. Kaderbewegungen gab es zwar, auch auf Schlüsselpositionen, aber der Ansatz Gasperinis war im Sommer nach reiflicher Analyse ein anderer.

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Atalanta mit größerem Fokus auf die Defensive

Zum Start der Saison 2022/23 wusste niemand so genau, wie Atalanta einzuschätzen ist. Schlüsselspieler wie Rafael Toloi (31), Merih Demiral (24), Marten de Roon (31), Hans Hateboer (28), Ruslan Malinovskyi (29) oder Duvan Zapata (31) blieben, hinzu kamen kluge Ergänzungen wie Ederson (23), Rasmus Höjlund (19) oder Brandon Soppy (20). Der Kader wurde etwas verjüngt, Spielern wie Giorgio Scalvini (18) oder Caleb Okoli (21) mehr Verantwortung zugetraut. Die Saison startete mit einem 2:0-Auswärtssieg bei Sampdoria. Dieser half zur Einordnung nur wenig. Das 3-4-1-2-System war erkennbar, wechselte gegen Milan, im ersten Heimspiel der Saison, zum 3-4-2-1.

Soweit, so klar. Beim 1:1 gegen den amtierenden Meister zeigte Atalanta eine engagierte Leistung. Es folgten fünf Spiele mit vier Siegen und einem Remis, auch in der neuen Saison sieht es auswärts sehr gut aus, alle Partien in der Fremde wurden gewonnen und die Bergamaschi stehen auf Platz zwei in der Tabelle, punktgleich mit der SSC Neapel. Die Konstanz ist zurück, das hat aber ganz andere Gründe als zuvor. Das zeigt sich schon beim Blick auf das Torverhältnis. 11:3 lautet dieses nämlich nach sieben Spielen. In den vorherigen Spielzeiten konnte das schon einmal bei zwei aufeinanderfolgenden Partien der Fall sein.

Atalanta Gasperini

(Photo by ANDREAS SOLARO/AFP via Getty Images)

Auch auf dem Feld wird schnell deutlich, dass sich die Dinge geändert haben. Der Fokus liegt mehr auf der Defensive. Ja, auch diese Saison trafen schon zwei Innenverteidiger aus dem Spiel heraus und die Wingbacks schieben mehr an. Atalanta steht aber generell etwas tiefer, lässt sich nicht so leicht überspielen und macht das Zentrum gerne frühzeitig zu. Eigene Abschlüsse werden besser vorbereitet, was Harakiri-Spielphasen deutlich weniger begünstigt. Es fällt dem Team generell leichter, mit kleinen, aber effektiven Foulspielen einen Angriff zu unterbinden und den Spielrhythmus zerstören. Der offene Schlagabtausch der Vergangenheit hatte häufig zur Folge, dass Fouls direkt taktischer Natur waren und eine gelbe Karte nach sich zogen.

Die Umstellungen fruchten also. Und sie sorgt dafür, dass die Spieler im Kopf eine neue Aufgabe haben, mehr gefordert werden. Die typischen Gasperini-Tugenden der letzten Jahre konnte im Kader jeder herunterbeten. Jetzt werden neue Reize gesetzt, neue Wege gefunden, um positive Resultate einzufahren. Diesen Lösungsweg zu gehen, erfordert durchaus Mut. Gasperini hat aber an den elementaren Stellschrauben gedreht und heimst früh in der Saison die Belohnung ein. Fünf Teams haben mehr Tore erzielt, gar 14 Teams mehr Torschüsse abgegeben. Selbst bei den Lauf- und Ballbesitzwerten befindet sich Atalanta nicht in der Spitzengruppe. Es gibt also trotz der 17 Punkte aus sieben Spielen noch Verbesserungspotenzial. Die Basis stimmt aber. 

Zukunftsblick: Wie nachhaltig ist die Ausrichtung?

Gian Piero Gasperini hat also sich selbst und Atalanta neu erfunden. Nicht komplett, denn auf einigen vorher schon elementaren Säulen wie einer Grundausrichtung mit drei Innenverteidigern und offensiv ausgerichteten Wingbacks basiert das Spiel der Bergamaschi noch immer. Aber er zeigte, dass er anpassungsfähig ist und dass er dieser Mannschaft nach Jahren des Offensivspiels auch noch einen anderen Stil mitgeben kann. Eine zentrale Frage stellt sich aber automatisch: Wie nachhaltig ist das? Diese Frage allgemeingültig zu beantworten, ist zum jetzigen Zeitpunkt schlichtweg unmöglich. Weniger Abschlüsse bedeuten automatisch, dass die Effizienz über einen längeren Zeitraum hochgehalten werden muss. Bei der Roma gewann „La Dea“ beispielsweise mit einem xG-Wert von nicht einmal 0,5. Solche Spiele sind nicht Woche für Woche zu erwarten.

Die Umstrukturierung hin zu mehr Kontrolle und mehr defensiver Stabilität war clever und richtig. Jetzt geht es in den nächsten Schritten darum, basierend darauf noch die ein oder andere neue Facette zum offensiven Spiel hinzuzufügen. Ademola Lookman (24) und Jeremie Boga (25) sind dafür die idealen Bausteine. Die ersten Wochen der Saison ließen nämlich den Eindruck entstehen, dass eher ein oder zwei Spieler weniger im offensiven Drittel zu finden sind. Das bedeutet auch, dass die Vielzahl an Flanken der Wingbacks nicht mehr in der gleichen Häufigkeit erfolgsvorsprechend sind. Statistisch lässt sich das belegen, elf Teams schlagen mehr Flanken als Atalanta. Die genannten Spieler sind mit ihren 1-gegen-1-Fähigkeiten also perfekt, um Unterzahl- oder Gleichzahlsituationen zu lösen.

Der „Misserfolg“ der Vorsaison kann gerade bei der Frage nach der Nachhaltigkeit zum größten Bonus werden. Atalanta hat vor jedem Spiel, abgesehen von englischen Wochen in der Liga, eine gesamte Trainingswoche Zeit, um Dinge einzustudieren. Anpassungen im Saisonverlauf sind so möglich, genau wie eine detaillierte Vorbereitung auf den Gegner. Kurzum: Die Chancen, dass „La Dea“ 2022/23 auf einem Platz landet, der zur Teilnahme am Europapokal berechtigt, stehen nicht schlecht. Wichtig wird sein, dass das Team die Gasperini-Anpassungen nach den Länderspielen in den Partien gegen die Fiorentina, Udinese Calcio und Sassuolo festigt. Gelingt das, kann schon bald wieder die Hymne der Europa League oder gar der Königsklasse durch Bergamo klingen. 

(Photo by Emilio Andreoli/Getty Images)

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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