Khvicha Kvaratskhelia: Wie der junge Mohammed Salah

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Khvicha Kvaratskhelia erzielte in seinen ersten beiden Serie-A-Spielen für die SSC Napoli drei Tore und bereitete eins vor. Über den Georgier, der das Diego Armando Maradona Stadion zu einem Tollhaus machte, als größtes Talent seines Landes gilt und in seine Heimat zurückkehrte, weil er den Krieg ablehnt.

Mehr durch Zufall gelangte der Ball am frühen Sonntagabend im Diego Armando Maradona Stadion vor die Füße von Khvicha Kvaratskhelia. Es war die 34. Spielminute der Partie des SSC Napoli gegen die AC Monza. Das Stadion blickte gebannt darauf, was die Nummer 77 der Himmelblauen, der seine Stutzen auffallend niedrig trägt, mit dem Ball machen wird. Ein Woche zuvor, auswärts gegen Hellas Verona, erzielte Kvaratskhelia bei seinem Serie-A-Debut gleich ein Tor und bereitete ein weiteres vor. Und nun, in der 34. Spielminute, legte er  sich den Ball mit zwei kleinen Ballkontakten zurecht, bevor er den Ball aus zwanzig Metern zentral vor dem Tor unhaltbar ins rechte obere Eck zirkelte.



(Photo by Francesco Pecoraro/Getty Images)

Khvicha Kvaratskhelia – wer ist dieser Spieler, die die Napoli-Fans während den ersten beiden Spieltagen so sehr verzauberte? Geboren wurde er in Tiflis, der Hauptstadt Georgiens. Sein Vater Badri Kvaratskhelia spielte ebenfalls professionell Fußball. Aber, obwohl Badri in Georgien geboren wurde, ist er kein Star im Land, nicht mal übermäßig bekannt, denn er verbrachte die meisten Jahre seiner Karriere in Aserbaidschan. Er spielte dort für verschiedene Vereine und lief sogar dreimal für die Nationalmannschaft auf. Nicht für die Georgiens, sondern für die von Aserbaidschan.

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Schon als Minderjähriger war Khvicha, der Sohn, bekannter als Badri, der Vater. In der Akademie von Dinamo Tiflis, dem erfolgreichsten Verein des Landes, stach Khvicha Kvaratskhelia schon früh hervor. Als 16-Jähriger ging er in der U17 des Klubs auf Torejagd, als er wenig später, im September 2017, für die Profimannschaft von Dinamo Tiflis debütierte. Vier Kurzeinsätze später war seine Zeit in der Hauptstadt schon vorüber, Kvaratskhelia wechselte zum Ligakonkurrenten FC Rustavi, für den auch sein Vater zwei Jahrzehnte zuvor für wenige Jahre gespielt hatte. Als Linksaußen und Hängende Spitze blühte er auf und nachdem er für wenige Monate zu Lokomotive Moskau ausgeliehen wurde, wagte er den Schritt in die größere russische Premjer-Liga – zu Rubin Kasan.

Er debütierte für die georgische Nationalmannschaft und spielte über zwei Jahre für Rubin Kasan. In 73 Spielen bereitete er 18 Tore vor und erzielte neun Tore selbst. Das erste davon in seinem Ligadebut gegen seinen ehemaligen Klub Lokomotive Moskau. Aus Verbundenheit zu seinen alten Kollegen jubelte er nicht. Fast beschämt reckte er seine Arme neutral in die Höhe.

Khvicha Kvaratskhelia: „no to war!“

Einige europäische Klubs wurden in dieser Zeit auf Kvaratskhelia aufmerksam – darunter die Tottenham Hottspurs und Borussia Mönchengladbach. Und auch in seinem Heimatland wurde Kvaratskhelia zum Star. Im November 2021 führte er die Nationalmannschaft mit zwei Treffern zu einem überraschenden 2:0-Sieg gegen Schweden, kurze Zeit später wurde Kvaratskhelia in Georgien zum besten Fußballer des Jahres gewählt. „Es ist das schönste Gefühl, wenn man der beste Spieler seines Landes wird“, sagte Kvaratskhelia.

(Photo by VANO SHLAMOV/AFP via Getty Images)

Seine Karriere glich einem rasanten Aufstieg. Ein Schritt erfolgte nach dem anderen, Rückschläge schien es keine zu geben. Doch als die Welt nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar 2022 eine andere wurde, war auch Kvaratskhelias Karriere unmittelbar davon betroffen. Auf den sozialen Medien positionierte er sich gegen den russischen Einmarsch. Am 26. Februar, zwei Tage nach Kriegsbeginn, postete er auf Instagram ein komplett schwarzes Bild, unterschieben mit drei Worten: „no to war!„.

Eine Sonderregelung der FIFA erlaubte ausländischen Spielern, ihre Verträge in der russischen Premjer-Liga auszusetzen. Von dieser machte Kvaratskhelia Gebrauch. Er kehrte in seine Heimat zurück und beendete die vergangene Saison bei Dinamo Batumi. In elf Ligaspielen erzielte er acht Tore und bereitete zwei vor. „Ich war zwei Jahre lang in Kasan und vor allem in der letzten Zeit ging es mir gut. Doch dann brach der Krieg aus, und mir wurde klar, dass ich nach Hause zurückkehren musste. Ich hatte keine Angst vor dem Krieg, aber ich hatte das Bedürfnis, in mein Heimatland zurückzukehren, in einen sichereren Staat“, sagte er später in einem Interview mit der neapolitanischen Tageszeitung „Il Mattino„.

Fabio Capello: „Kvaratskhelia erinnert mich an den jungen Mohamed Salah.“

Im Sommer entschied sich Kvaratskhelia dann zu einem großen Schritt. „Die Champions League ist mein erster und größter fußballerischer Traum, praktisch seit ich angefangen habe zu spielen, träume ich von einem Spiel in einem solch prestigeträchtigen Wettbewerb.“ Und diesen wollte er sich nun erfüllen. Zahlreiche Vereine waren interessiert, Kvaratskhelia entschied sich für die SSC Napoli. Eine entscheidende Rolle dabei spielte Trainer Luciano Spalletti. Es spricht ein wenig russisch. Er sei ein „großartiger Lehrer“ und bringe den Spielern „jeden Tag etwas neues bei“, berichtet Kvaratskhelia.

Außerdem schwärmte er in dem Interview mit „Il Mattino“, das vor der Saison stattgefunden hatte, von der Atmosphäre im Diego Armando Maradona Stadion: „Die Atmosphäre in Napoli ist fesselnder als alles, was ich bisher erleben durfte, und ich kann es kaum erwarten, hier auf dem Platz zu stehen.“ Eine Kostprobe davon bekam er gleich bei seinem ersten Spiel in diesem altehrwürdigen Stadion.

In der 61. Spielminute im Spiel gegen Monza landete der Ball erneut vor den Füßen von Kvaratskhelia. In halblinker Position auf Höhe des Sechzehners täuschte die Nummer 77 an, genau wie bei seinem ersten Treffer, in die Mitte zu ziehen, um mit seinem stärkeren rechten Fuß abzuschließen. Ein kleiner Schritt von Monza-Verteidiger Valentin Antov reichte aus. Kvaratskhelia wechselte leichtfüßig die Richtung und schloss aus sechs Metern eiskalt mit links ab, Antov hielt sich nur mit Mühe auf den Beinen. Kvaratskhelia sprang über die Bande in Richtung der Fans, jubelte in ihre Richtung. Der Lärm war ohrenbetäubend. Nur Daniele „Decibel“ Bellini, der legendäre Stadionsprecher der SSC Napoli, durchschnitt diesen Lärm. Nicht einmal, nicht zweimal – fünfmal brüllte er „Khvicha“ in die neapolitanische Nacht. Fünfmal antworteten die Fans „Kvaratskhelia“. Dass, was der legendäre italienische Trainer Fabio Capello meinte, als er gegenüber „Tutto Mercado“ sagte, die Bewegungen von Kvaratskhelia erinnern ihn an die des jungen Mohammed Salah, schien in dieser Situation nicht zum ersten Mal durch.

(Photo by Vano SHLAMOV / AFP)

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