Sonntag, November 29, 2020

Der Absturz des Mesut Özil: Wie die fußballerischen Argumente verschwanden

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Chris McCarthy
Chris McCarthy
Chefredakteur

Mesut Özil ist einer der polarisierendsten Spieler in der Geschichte des Fußballs. Wurde sein Bild oftmals von Handlungen abseits des Platzes getrübt, sind es nun die fußballerischen Argumente, die dazu führen, dass er vom FC Arsenal aussortiert wurde. Ein Kommentar.

Sich bei einer Stammtischdiskussion für Mesut Özil stark zu machen, hatte spätestens seit 2018 keinen Sinn mehr. Vorbei war die Zeit, in der man inhaltslose Argumente wie mangelhafte Körperhaltung oder angebliche Lethargie mit spielerischer Genialität und Statistiken entgegen konnte. Die Sympathien zum vielkritisierten türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hatten die nüchterne Bewertung des Fußballers Mesut Özil hierzulande gewaltig erschwert.

Als Sündenbock für die Blamage der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2018 trat Özil zurück. Dass der Spielmacher mit der trägen Eleganz, die für Fans der alten Schule nur schwer zu akzeptieren ist, die meisten Torchancen des Turniers kreierte, stieß hierzulande zumeist auf taube Ohren. Der wohl polarisierendste und missverstandenste Fußballer in der Geschichte Deutschlands war von der Allgemeinheit endgültig abgestempelt worden. Zwei Jahre später erreichte Özil fernab der deutschen Stammtische am Mittwoch einen neuen Tiefpunkt. Mikel Arteta nominierte seinen Zehner nicht für den Premier-League-Kader des FC Arsenal.

Özil bei Arsenal nicht für die Premier League gemeldet

Obwohl die Stimmung im Norden Londons so optimistisch ist wie seit Jahren nicht, sorgte Özils Ausbootung in den sozialen Netzwerken regelrecht für Kriegszustände. Anhänger des Ballvirtuosen erinnern sich an die Euphorie, die seine Ankunft bei den Gunners 2013 entfachte. Schätzer seines einzigartigen Gespürs für Raum und Spielsituation verweisen auf seine 101 Torvorlagen seit 2010: Nur vier Spielern europaweit gelangen in der letzten Dekade mehr.

Vielleicht, so der Gedanke einiger Fans, spielen Handlungen abseits des Platzes eine Rolle. Er erhob seine Stimme gegen die Verfolgung der Uighur Muslime in China, etwas von dem sich der Verein zur Empörung vieler distanzierte. Doch im Anschluss daran stand er zwölfmal in Folge in der Startelf. Er ergriff im Südkaukasus-Konflikt Partei und stellte sich zur Freude Erdogans auf die Seite des von der Türkei unterstützten Aserbaidschans. Zu diesem Zeitpunkt hatte er aber bereits seit Monaten kein Spiel mehr gemacht. Im März lehnte er in Mitten der Corona-Krise als Einziger einen Gehaltsverzicht ab. Während die Entscheidung bei Klub und Trainer wohl kaum gut ankam, ist auch das offenbar nicht entscheidend: Dass Özil keinen Platz mehr im Kader des FC Arsenal hat, habe „rein fußballerische Gründe“, wie Arteta betont.

(Photo by Catherine Ivill/Getty Images)

Özil: Mit Wenger verabschiedete sich auch seine Rolle

Und so lohnt es sich für die Anhänger des hochbegabten Kickers, fernab von Nostalgie und Emotionen, einen Blick auf den Rasen zu werfen. Von den 101 Vorlagen in der letzten Dekade erfolgten sechs seit 2018. Ganze sechs Assists seit dem Zeitpunkt seiner Vertragsverlängerung, die ihm zu bestbezahlten Spieler der Vereinsgeschichte machte. Doch nur wenige Monate nach der Unterschrift änderte sich etwas. Arsene Wenger ging. Mit der Trainerlegende verabschiedete sich auch sein größter Förderer sowie seine Rolle als freischaffender Künstler im Wengerball aus dem Emirates Stadium.

Während Arsenal unter Nachfolger Unai Emery weiter abbaute, da keinerlei Konzept zu erkennen war, ist es eben jenes, was die aufstrebenden Gunners heute unter Arteta auszeichnet. Und dennoch waren sich die beiden Spanier in einer Sache einig: Beide Trainer verlangten von jedem Spieler mehr. Mehr defensive Disziplin, mehr Intensität. Auch von einem Zehner, der sich bislang vor allem durch die Offensive definierte.

(Photo by ANDREW MATTHEWS/POOL/AFP via Getty Images)

Özil bei Arsenal: Die fußballerischen Anforderungen haben sich verändert

Nachdem Özil unter Emery immer wieder auf der Tribüne landete, versuchte der Klub, ihn und seinen hochdotierten Vertrag loszuwerden. Vergebens. Und so erhielt der Ex-Nationalspieler unter Arteta im Dezember 2019 eine neue Chance. Doch die Anforderungen waren dieselben. Der neue Trainer hatte eine klare Philosophie und wollte beim FC Arsenal eine Kultur etablieren. Alle Spieler müssen mitziehen: Ein reiner Torjäger wie Pierre-Emerick Aubameyang, der plötzlich grätschend im eigenen Strafraum zu finden war, und eben auch Özil.

„Das Team kann nicht die richtige Struktur haben (…), wenn er nicht einige dieser Dinge tut, die nicht verhandelbar sind“, warnte Arteta den Spielmacher im Februar und betonte: „Wenn er diese Dinge tut, dann kann die Mannschaft sich leisten, jemand wie ihn zu haben, der den Unterschied macht.“ Kurzum: Er tat diese Dinge nicht. Özil landete nach zwölf Einsätzen, in denen er mit einer Vorlage auch offensiv wenig glänzte, nach dem Restart auf der Bank, dann auf der Tribüne. 2020/2021 wird er die Europa League und die Premier League nun aus dem Wohnzimmer verfolgen müssen. „Mein Job ist es, das Beste aus jedem Spieler zu holen, damit er seinen Beitrag zur Mannschaft leisten kann. Hier habe ich das Gefühl, dass ich gescheitert bin“, begründete Arteta seinen Entschluss, auf Özil zu verzichten.

In seiner Stimme ist Wehmut zu hören. Denn auch Mikel Arteta kennt die herausragenden Qualitäten Mesut Özils. Doch auch er weiß, dass diese für eine Rolle bei seinem FC Arsenal eben nicht genügen. Und obwohl die Wahrnehmung der Person Mesut Özil in den letzten Jahren durch Handlungen abseits des Rasens geprägt wurde, geht es hier alleine um den Fußballer Mesut Özil, der entweder nicht so kann oder nicht so will, wie es mittlerweile von ihm verlangt wird.

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(Photo by DANIEL LEAL-OLIVAS/AFP via Getty Images)

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