Carlo Ancelotti gewinnt die Königsklasse: Der „Mister“ hat es erneut vollbracht

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Die Champions League ist ein Mythos. Viele Spieler und Trainer kommen in ihrer Karriere nicht in den Genuss, überhaupt daran teilzunehmen. Die Anzahl derer, die ein Finale spielen oder coachen dürfen, ist noch einmal deutlich geringer. Den berühmten Henkelpott in den Händen zu halten, ist im Vereinsfußball das Maß aller Dinge. Es gibt allerdings Spieler und Trainer, die den Erfolg in diesem Wettbewerb magisch anziehen. Einer davon ist Carlo Ancelotti. 

Schon als Spieler gewann der Italiener den Europapokal der Landesmeister gleich zweimal mit Milan. Dass aus dem herausragenden Mittelfeldspieler einmal ein großer Trainer werden könnte, war quasi vorprogrammiert. Am Samstagabend, im Endspiel der Champions League zwischen Real Madrid und dem FC Liverpool, krönte sich der 62-Jährige erneut, zum vierten Mal als Cheftrainer.

Carlo Ancelotti: Eine große Karriere

Vieles im Fußball hängt von Zufällen ab. Eine Karriere als Spieler ist nur bedingt planbar, als Trainer noch viel weniger. Ein Trainer muss verfügbar sein, der Wunschjob ebenfalls. Aus diesem Grund kommen viele Zusammenarbeiten zwischen großen Trainern, die zu großen Mannschaften passen würden, nicht zustande. Betrachtet man die Karriere des Carlo Ancelotti nach seiner aktiven Karriere, dann fällt auf, dass diese bis dato eine sehr runde war. Angefangen hat die Trainerlaufbahn des Italieners als Assistenzcoach bei der italienischen Nationalmannschaft. Über Reggiana ging es zu Parma, wo er mit Spielern wie Lilian Thuram, Fabio Cannavaro oder Hernan Crespo zusammenarbeitete. 



Die nächsten Stationen lesen sich wie eine Traumkarriere: Juventus, Milan, Chelsea, PSG, Real Madrid, FC Bayern, SSC Neapel, FC Everton, erneut Real Madrid. Ancelotti war ein gefragter Trainer, der taktisch in den vielen Jahren nie abgehängt wurde, neue Ideen einfließen ließ und dabei nie seine typische Mannschaftsführung vernachlässigte. Eine Mischung aus langer Leine und dann doch wieder enormer Disziplin, aus klaren Ansprachen und offener Kommunikation machten Ancelotti stets zu einem beliebten Trainer. Spannungen gab es natürlich von Zeit zu Zeit, diese lassen sich aber nie gänzlich verhindern. 

Der 62-Jährige erarbeitete sich den Ruf als Titelsammler. In allen fünf großen Ligen Europas konnte Ancelotti einen Meistertitel einfahren, mit einer großen Milan-Mannschaft um Paolo Maldini, Alessandro Nesta, Rivaldo und Andriy Shevchenko hob er 2003 erstmals als Trainer den Henkelpott in die Höhe. 2007 gelang dies erneut mit den Rossoneri, 2014 mit Real Madrid. Am gestrigen Samstag ließ Ancelotti dann den vierten Titel als Trainer in diesem Wettbewerb folgen. Und das, obwohl es zuvor Zweifel an der Besetzung des Trainerpostens mit dem Italiener gab. 

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Zweifel an Ancelotti? Die Königlichen steigern sich

Zweifel, die Folge der letzten Stationen des Italieners waren. In München war die erste Saison sehr gut, in der zweiten gab es interne Probleme, auch mit den nicht ganz einfachen Verantwortlichen des Rekordmeisters. In Neapel gelang es nicht, den „Scudetto“-Traum zu verwirklichen, später ging es zum FC Everton. Beim Klub mit seiner alles andere als einfachen Vereinsführung konnte Ancelotti das Feuer nicht so wirklich anzünden. 2019/20 schlossen die Toffees die Saison auf Rang zwölf ab, ein Jahr später wurde man Zehnter. Hatte sich der erfahrene Trainer abgenutzt? Oder kamen eher viele Dinge zusammen, die am Ende dafür sorgten, dass nicht alles nach Plan lief?

Diese Frage stellten sich Medien, aber auch Fans von Real Madrid, als Ancelotti als neuer Cheftrainer und Nachfolger von Zinedine Zidane (49) vorgestellt wurde. Nachdem Zidane 2.0 eher eine längere Stabilisationsmaßnahme war, bei der der Funke nicht erneut übersprang, wurde umso genauer auf die zweite Amtszeit von Ancelotti geblickt. Einen Großangriff auf dem Transfermarkt gab es nicht, dafür kluge Ergänzungen. Der Trainer wusste schließlich, wo seine Stärken liegen: Eine gute Basis weiter verfeinern, eine Umgebung zu kreieren, in der sich jeder Spieler wohl fühlt und der Mannschaft einen Glauben an den Sieg mit auf den Weg zu geben, in jeder Situation.

Ancelotti Real Madrid

(Photo by JORGE GUERRERO/AFP via Getty Images)

Die Hinrunde trug noch nicht wirklich zur Beantwortung der Fragen bei. Real Madrid spielte nur selten vollends souverän, verlor zuhause gegen Sheriff Tiraspol in der Champions League, gegen Levante gab es ein 3:3, gegen Espanyol eine Niederlage. Der Titelkampf war lange offen, obwohl Barcelona und Atletico schwächelten.  Es folgte die Rückrunde und es folgten die großen Spiele. In der Copa del Rey schieden die Königlichen zwar gegen Athletic aus, in La Liga wurde der Vorsprung aber immer größer. Abgesehen vom Totalausfall im Clasico (0:4) war die Rückrunde nahezu tadellos. Nicht immer überragend, nicht immer spielte das Team die Sterne vom Himmel, aber die Einteilung der Kräfte passte, die Resultate passten ebenfalls. 

Der „Mister“ beweist es allen

In einer langen Saison in vielen Spielen genau das zu tun, was nötig ist, um Siege einzufahren, ist eine Qualität, die nicht viele Mannschaften haben. Es ist hilfreich, über eine enorme individuelle Klasse zu verfügen und Spieler im Kader zu haben, die wissen, wann das Tempo erhöht werden muss und wann Kontrolle und nicht am Limit zu spielen ausreicht. Luka Modric (36), Toni Kroos (32) oder Karim Benzema (34) sind genau diese Spieler. Sie fungieren nicht nur als Anführer, sondern auch als verlängerter Arm des Trainers. Zuckt die Augenbraue des Italieners, dann ist das als Signal zu verstehen, wieder einen Gang hochzuschalten.

Im Endspiel in Paris war Real Madrid in nahezu keiner Phase das wirklich bessere Team. Ein guter Thibaut Courtois (30), Spieler, die jeden Sprint mitgingen und bis zum Ende kämpften, eine immense mannschaftliche Geschlossenheit und das Ausnutzen des einen Moments in der Offensive reichten. Es war kein schöner Auftritt der Königlichen, aber Fußball ist ein Ergebnisssport. Dass Liverpool über längere Phasen intensiveren Fußball spielen können würde, war allen klar. Allen voran Carlo Ancelotti.

Die gesamte K.O.-Runde der Champions League war sinnbildlich für die Herangehensweise des Cheftrainers. Real Madrid passte sich mitunter dem Gegner an, spielte nicht selten in einem eher defensiveren 4-4-2-System, das dem Team eine größere Kompaktheit ermöglicht. Offensiv war immer Verlass auf Benzema und Vinicius Junior (21), notfalls mussten die Joker einspringen. Paris Saint-Germain, der FC Chelsea und Manchester City waren die Gegner, die Real aus dem Weg räumte. Auch hier nicht immer souverän, aber mit der Fähigkeit, ein Spiel binnen weniger Minuten auf den Kopf zu stellen.

Es passt zu Ancelotti, dass er viele Phasen dieser aufregenden K.O.-Duelle mit verschränkten Armen und fast schon stoisch an der Seitenlinie verfolgte. Frei nach dem Motto: „Lass die Jungs auf dem Platz mal machen!“ Der entscheidende Punkt ist dabei aber: Sie wussten, was sie zu tun hatten. Und sie machten. Der Sieg in der Königsklasse ist kein Zufall, er ist das Resultat einer perfekt moderierten Saison des 62-Jährigen Cheftrainers. Der „Mister“ hat es erneut allen bewiesen, die Zweifel hegten. Und er streckte zum vierten Mal als Trainer den Henkelpott in die Höhe.

(Photo by ANNE-CHRISTINE POUJOULAT/AFP via Getty Images)

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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