Ungeliebt und unauffällig: Wieso Olivier Giroud für Frankreich so wichtig ist

Frankreichs Olivier Giroud jubelt nach seinem Tor über Polen.
WM-Spotlight

Auch mit 36 Jahren spielt Olivier Giroud bei Frankreich eine große Rolle. Dabei galt die Sturmkante lange als ungeliebt und unauffällig. Bei der WM 2022 stand er ausnahmsweise im Mittelpunkt. 

Olivier Giroud bricht Thierry Henrys Rekord

Es hatte etwas aus einem kitschigen Liebesfilm. In Mitten des kollektiven Jubels über Frankreichs 1:0 gegen Polen, sprang Kylian Mbappé Torschütze Olivier Giroud in die Arme. Während um sie herum die Schreie und Sprünge ein euphorisches Chaos bildeten, wirkte es zwischen den beiden ganz ruhig. Mbappé schaute Giroud tief in die Augen. Das Gesicht des 23-jährigen Weltstars war voller Hochachtung und Bewunderung. Für einen 36-jährigen Stürmer, der während seiner Karriere wohl nie die Anerkennung erhielt, die er verdiente.



Vor wenigen Sekunden hatte Giroud auf Vorarbeit Mbappés mit einem platzierten Flachschuss Les Bleus nicht nur auf die Siegerstraße Richtung Viertelfinale gebracht. Er hatte zeitgleich sein 52. Tor für Frankreich erzielt und damit den bisherigen Rekordtorschützen Thierry Henry abgelöst. In sechs Länderspielen weniger. Mbappé tat mit einer „Man of the Match“-Vorstellung samt zweier sensationeller Tore zwar sein Bestes, auch an diesem Tag die Schlagzeilen zu erobern. Rein sportlich betrachtet, hätte er das auch verdient. Doch dieser Abend gehörte ausnahmsweise der Sturmkante mit dem Schlafzimmerblick und dem Dreitagebart.

„So viele Tore auf internationaler Ebene zu erzielen, ist eine Leistung“, sagte Nationaltrainer Didier Deschamps nach dem Spiel. „Er hat in seiner Karriere schwierige Phasen durchlebt. Er ist mental stark geblieben. Er wurde oft kritisiert, aber jetzt sehen die Leute seine Qualität.“ Leute, die vor nicht allzu langer Zeit noch seine Daseinsberechtigung bei der Equipe Tricolore hinterfragten. Wieso eigentlich?

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Kein typischer Stürmer

Anders als der elektrisierende Thierry Henry, war Olivier Giroud nie der Mann für die spektakulären Momente. Gut, klammern wir sein Puskas-Award-Winner per Skorpion-Kick mal aus. Er hatte nie die mitreißende Dynamik, die außergewöhnliche Technik – selbst bei hohem Tempo – und auf Klubebene kaum eine beeindruckende Torausbeute. Bis heute ist seine letzte Saison in der Ligue 1 – 2011/2012 mit HSC Montpellier – die torreichste seiner Karriere (21). Das ist auch der Grund, wieso Olivier Giroud in den Kneipen und Boulevardblättern Londons, Milans und Frankreichs nie den besten Ruf genoss. Ihn alleine nach Toren zu bewerten, ist jedoch der große Fehler.

„In der Vergangenheit habe ich Giroud immer gehasst, wegen Arsenal und Chelsea“, sagte Ex-Tottenham-Trainer Mauricio Pochettino nach dem Polen-Spiel bei der BBC. „Er war ein Spieler, dem man gegenüberstand und von dem man wusste, dass er zu allem fähig war. Er ist gewaltig. Es ist ein Spieler, den wir als Innenverteidiger gehasst haben, weil er ein Killer ist, im Strafraum ist es schwierig, weil er groß, clever – so klug ist.“

Mit seinen 1,92 Metern, ist er der perfekte Zielspieler, der vorne Verteidiger bindet und die Bälle festmachen kann. Das ist relativ gewöhnlich. Außergewöhnlich dagegen sind sein Fußball-IQ, das Körpergefühl und die Übersicht, das Spiel fortzusetzen und seine Mitspieler mustergültig zu bedienen. Er ist ein uneigennütziger, ein mitspielender Stürmer, der die Offensive flutschen lässt.

Und trotzdem bringt er es in 727 Profi-Spielen auf beachtliche 298 Tore, dazu hat er 104 weitere vorbereitet, aber unzählige mehr eingeleitet. Es passt ins Bild, dass er beim WM-Titel 2018 so eine große Rolle spielte, jedes Spiel in der Startelf stand, obwohl er das gesamte Turnier über keinen Torschuss abgab. „Es fällt vielleicht nicht so auf, aber das Team braucht ihn, selbst wenn er nicht trifft“, sagte Deschamps damals.

Einer der wenigen spektakulären Momente in Olivier Girouds Karriere: Sein Puskas-Award-Winner für Arsenal 2017

(Photo by Shaun Botterill/Getty Images)

„Die Franzosen haben ihn nicht sehr geliebt“

In den letzten Jahren schwand seine Bedeutung für Les Bleus. Mit der Rückkehr von Karim Benzema zur EM 2020 – der Weltklasseangreifer war aufgrund von Erpressungsvorwürfen seit 2015 nicht nominiert worden – rückte Giroud ins zweite Glied. Beim Achtelfinal-Aus der Franzosen kam er nur auf 40 Turnierminuten. Nicht wenige erwarteten, dass es die letzten werden würden. Es wäre das passende unspektakuläre Ende durch die Hintertür gewesen, immerhin wurde er im Anschluss neun Monate lang nicht berücksichtigt.

In Katar aber wollte Deschamps auf den nun 36-jährigen Giroud, der bei der AC Milan bei fünf Saisontoren steht, dennoch nicht verzichten. Seine Rolle hätte sich zwar verändert, zum Backup, sagte Deschamps, „ aber ich habe Vertrauen in ihn und in das, was er auf und neben dem Platz leistet.“

Keine leeren Worte, wie sich wenige Wochen später herausstellte. Benzema, der sich 2015 mit der Formel 1 und Giroud mit einem Gokart verglich, musste verletzungsbedingt passen. Und Deschamps stellte schnell klar, wen er bei der WM 2022 auf die Poleposition stellen würde: Giroud. „Die Franzosen haben ihn nicht sehr geliebt“, sah sich Deschamps auf einer Presserunde beinahe gezwungen, seine Entscheidung zu rechtfertigen und ergänzte mit einem Lächeln: „Aber jetzt verehren ihn alle, auch diejenigen, die ihn kritisiert haben, und ich sehe einige in diesem Raum“.

Giroud zahlt das Vertrauen zurück

Bei der WM 2022 zahlt Giroud dieses Vertrauen nun zurück. Gegen Australien traf er nach 32 Minuten zum 2:1, in der 71. zum 4:1, was ihn zum zweitältesten Doppelpacker der WM-Geschichte machte. Es fehlte nur der eine Treffer, um Thierry Henry zu überholen. Kurz vor Schluss aber wechselte ihn Deschamps aus.

Selbst mit 36 Jahren ist Olivier Giroud nämlich zu wichtig für einen WM-Titelfavoriten und der mannschaftliche Erfolg zu wichtig für Olivier Giroud. Folglich kommt es wenig überraschend, dass er sein 52. Länderspieltor nach dem 3:1-Erfolg über Polen zwar als die Erfüllung eines „Kindheitstraums“ bezeichnete, aber bereits im nächsten Atemzug die Geschlossenheit und Ziele der Mannschaft hervorhob. Denn das war es auch schon wieder mit dem Rampenlicht.

Auch am Samstag, wenn Frankreich im Viertelfinale auf England trifft, wird Giroud zwar wieder in der Mitte der Angriffsreihe stehen, aber keinesfalls im Mittelpunkt. Er wird ackern, Kopfbälle gewinnen und Antoine Griezmann, Ousmane Dembélé und Co in Szene setzen. Spieler, die die Schlagzeilen erobern werden und im Falle von Mbappé wohl bald auch seine frisch aufgestellte Bestmarke.

Bei 33 Länderspieltoren und neun WM-Toren mit erst 23 Jahren scheint das aufgrund Mbappés Weltfußballerpotentials nur Formsache zu sein. Und was er von Giroud hält, haben wir am Sonntag gesehen.

(Photo by Alex Grimm/Getty Images)

Chris McCarthy

Gründer und der Mann für die Insel. Bei Chris dreht sich alles um die Premier League. Wengerball im Herzen, Kick and Rush in den Genen.

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