Sieben Tore, ein Ausgleich, und ein Ergebnis, das die halbe Welt in Erinnerungen schwelgen lässt. Deutschlands 7:1 gegen Curaçao hat beim WM-Auftakt in Houston nicht nur die Gruppe aufgemischt – es hat die internationale Presse in Wallung gebracht. Und die Reaktionen könnten kaum unterschiedlicher sein.
Brasilien: Das Trauma kehrt zurück
In São Paulo und Belo Horizonte dürfte am Sonntagabend die ein oder andere Gänsehaut aufgekommen sein. O Tempo schrieb, Deutschland habe Curaçao einen „Brasilien-Tag“ beschert – und damit exakt jenes Trauma wiederbelebt, das die Seleção seit dem Halbfinale 2014 verfolgt. Noch bitterer: Die Folha de S. Paulo registrierte nüchtern, dass Deutschland die brasilianische Nationalmannschaft als torreichste Mannschaft in der WM-Geschichte abgelöst hat. Weniger Teilnahmen, mehr Tore. Das sitzt.
England: Grimms Märchen und ernste Warnung
Die The Sun ließ sich zu einem ihrer typischen Vergleiche hinreißen: Das WM-Debüt Curaçaos sei wie ein Märchen der Gebrüder Grimm – nur ohne Happy End. Brutal, aber nicht ganz falsch. Der Guardian lobte die offensive Variabilität Nagelsmanns, bei der ein halbes Dutzend verschiedener Torschützen für Gefahr sorgten. Den Jubel hielt das Blatt jedoch bewusst klein: Wesentlich ernsthaftere Gegner stünden noch aus. Eine Einschätzung, die kaum jemand beim DFB bestreiten dürfte.
USA: Musiala und Wirtz begeistern – die Abwehr nicht

Die New York Times und The Athletic zeigten sich angetan vom spielerischen Niveau der deutschen Offensivkünstler. Musiala, Wirtz, das flüssige Kombinationsspiel – das kam an. Doch der zwischenzeitliche Ausgleich durch Livano Comenencia ließ die amerikanischen Beobachter aufhorchen. Das 1:1 eines WM-Debütanten gegen einen Titelfavoriten ist keine Lappalie – und beide Blätter benannten die defensiven Anfälligkeiten ohne Umschweife.
Argentinien: Psychologie, Zahlen, Zufälle
Dass ausgerechnet wieder ein 7:1 heraussprang – und das genau zwölf Jahre nach Belo Horizonte – blieb auch in Buenos Aires nicht unbemerkt. La Nación und Clarín hoben die historische Parallelität hervor und werteten das Torfestival als perfekten Anschubser für das deutsche Selbstvertrauen im Turnier. Ob Schicksal oder Zufall: Das Ergebnis hat eine Symbolkraft, die über das Sportliche hinausgeht.
Niederlande: Held aus Brabant
De Telegraaf und Algemeen Dagblad sprachen erwartungsgemäß vom großen Klassenunterschied. Aber der eigentliche Aufmacher in den niederländischen Zeitungen war ein anderer: Livano Comenencia, geboren in Brabant, erzielte das historisch erste WM-Tor der Karibikinsel. Ein Moment, der im Ergebnis unterging – aber in Geschichtsbüchern stehen wird.
Mexiko: Rebellion mit Ablaufdatum
Mexikanische Medien wie ESTO und Mediotiempo hatten einen besonderen Blick auf die erste Halbzeit. Curaçaos mutiger, kämpferischer Auftritt wurde ausdrücklich gewürdigt – der Außenseiter habe sich nicht versteckt, sondern Deutschland für gut eine Viertelstunde tatsächlich ins Wanken gebracht. Was danach kam, war dann allerdings weniger romantisch: Deutschland schaltete einen Gang höher, und die kleine Rebellion war erledigt.
Was bleibt
Sieben Tore, sechs verschiedene Torschützen, ein Debütant mit historischem Tor und ein Ergebnis, das die Welt an 2014 erinnert. Für Deutschland war es der erste Auftaktsieg bei einer WM seit dem Titelgewinn damals – und gleichzeitig eine Mahnung: Gegen Curaçao lässt sich wenig ablesen. Der echte Test kommt noch. Die Weltpresse weiß das. Nagelsmann auch.

