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90PLUS » Argentiniens Elfmeter-Rekord: Bevorzugung oder Berechnung?
Fußball NewsWM 2026

Argentiniens Elfmeter-Rekord: Bevorzugung oder Berechnung?

Fritz Pecker
17.07.26, 13:34
Fritz Pecker
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England Argentinien
Foto: Getty Images

Fünf Elfmeter in einem einzigen Turnier. Eine Foul-Statistik, die durchs Netz jagte wie ein später Siegtreffer. Ein Müller-Zitat, das jeder aufgriff. Die Zahlen rund um Argentinien und die Schiedsrichter sind echt – die Frage ist nur, was sie beweisen.

Fünf Elfmeter, ein Rekord: die harte Zahl

Fangen wir bei dem an, was unstrittig ist. Bei der WM 2022 in Katar bekam Argentinien fünf Strafstöße zugesprochen – gegen Saudi-Arabien, Polen, die Niederlande, Kroatien und im Finale gegen Frankreich. Das war ein Rekord. Die alte Bestmarke von vier Elfmetern hatten sich die Niederlande 1978 und Portugal 1966 geteilt; sie hielt über ein halbes Jahrhundert.

Bei dieser WM kamen laut Sofascore drei weitere hinzu. Macht acht Strafstöße in den letzten zwölf WM-Spielen – kein anderes Team der Welt kommt in vergleichbarem Zeitraum auch nur in die Nähe. England, Zweiter dieser unfreiwilligen Rangliste, steht bei vier. Ein Elfmeter etwa alle 135 Minuten Turnierfußball.

Nur: Ein geschenktes Turnier sieht anders aus. Von den drei Elfmetern 2026 verwandelte Argentinien genau einen – Lautaro Martínez gegen Jordanien. Messi setzte den einen gegen Österreich an den Pfosten, den anderen gegen Ägypten hielt der Torhüter. Wer hier von planmäßiger Begünstigung spricht, muss erklären, warum der Plan so schlecht ausgeführt wird.

Die virale Statistik – und ihr blinder Fleck

Vor dem Viertelfinale ging eine Auswertung viral, die aus den offiziellen FIFA-Spielberichten das Verhältnis von Fouls zu Gelben Karten destillierte. Das Ergebnis, das ran.joyn.de auch Urs Meier vorlegte: Argentinien durfte im Schnitt bis zu 23 Fouls begehen, ehe es verwarnt wurde – England nur rund acht. Andere Zählungen kamen auf 19,7 gegen 7,7. Der Tenor blieb gleich: krasse Diskrepanz.

Man kann darin ein Muster sehen. Man kann darin auch eine Kennzahl sehen, die zu wenig erfasst, um ein Urteil zu tragen. Denn dieselben Auswertungen führen an ihrer Spitze nicht Argentinien, sondern Norwegen – mit noch großzügigeren Werten. Ein Team, das selten und meist harmlos foult, landet in dieser Logik ganz oben. Das allein zeigt, wie grob das Maß ist: Es kennt keine Schwere, keine Art, keinen Spielstand.

Team Fouls pro Gelbe Karte (Viertelfinalisten)
Norwegen ~24
Argentinien ~20–23
Frankreich ~12
Schweiz ~11–12
Belgien ~10
Marokko ~10
England ~8

Werte schwanken je nach Zählweise und Quelle. Die Statistik erfasst weder Schwere noch Art der Fouls – und setzt Norwegen über Argentinien.

Was Thomas Müller wirklich gesagt hat

Der meistzitierte Kronzeuge der Debatte ist Thomas Müller, bei dieser WM als Experte für MagentaTV im Einsatz. Im Podcast „Kerners 11″ sagte der Weltmeister von 2014: „Die Schiedsrichter pfeifen nicht für Argentinien, aber sie lassen sich auf dieses Spielchen ein.“ Sie merkten oft nicht, dass diese Cleverness Teil des argentinischen Spiels sei – eine Qualität, mit der man Unparteiischen das Leben schwer mache.

Wer genau hinhört, merkt: Das ist keine Bevorzugungs-These. Müller wirft den Schiedsrichtern nicht vor, für Messi zu pfeifen. Er attestiert Argentinien eine Fertigkeit – Provokation, Verzögerung, die Kunst, den Referee ins eigene Drehbuch zu ziehen. Ein Kompliment mit Widerhaken, kein Betrugsvorwurf.

Meier: scharfe Kritik, klare Grenze

Ähnlich zweischneidig liegt der Fall Urs Meier. Der frühere Weltklasse-Schiedsrichter nahm im ran-Interview vor allem das Viertelfinale gegen die Schweiz auseinander: Argentinien habe über weite Strecken ungestraft gefoult, eine Schwalbe von Messi sei mit Freistoß belohnt worden, zwei mögliche Elfmeter für die Schweiz seien nie geprüft worden. Harte Worte von einem, der das Handwerk kennt.

Und doch zieht Meier eine Grenze, die im Getöse gern untergeht. Er wolle „nicht in den Chor der Verschwörungstheoretiker einstimmen“, betonte er – und glaube nicht an eine bewusste Bevorzugung. Die Frage ist also nicht, ob Meier die Schweizer Spielleitung kritisiert. Das tut er, deutlich. Die Frage ist, was er daraus ableitet. Und da wird er auffällig vorsichtig.

Der kolumbianische Präzedenzfall

Neu ist das Muster nicht. Nach dem Copa-América-Finale 2024 – Argentinien schlug Kolumbien in Miami mit 1:0 nach Verlängerung – wurde ebenfalls der Schiedsrichter zur Geschichte. Allerdings erst mit Verspätung: Erst im März 2025, Monate später, sprach James Rodríguez in einer Talkshow des Journalisten Edu Aguirre von „externen Faktoren“ und einem oder zwei verweigerten Elfmetern. Für ihn sei mindestens einer klar gewesen. Der Unparteiische damals: der Brasilianer Raphael Claus.

Bemerkenswert ist die Gegenstimme aus den eigenen Reihen. Kolumbiens Verbandspräsident Ramón Jesurún widersprach seinem Kapitän offen: Man habe die Copa auf dem Platz verloren, nicht am grünen Tisch. Dasselbe Bild wie 2026 – ein unterlegenes Team, ein großes Finale, ein argentinischer Titel, und danach steht der Referee im Zentrum. Wer das als Zufall abtut, macht es sich zu leicht. Wer es als Beweis nimmt, aber auch.

Elfath, Messi und die Optik: das eigentliche Versäumnis

Bleibt der Punkt, an dem die FIFA sich tatsächlich angreifbar macht. Fürs Halbfinale gegen England setzte sie den US-Amerikaner Ismail Elfath an – einen Referee, der in der MLS bereits vier Spiele von Messis Inter Miami leitete. Alle vier gingen an Miami. Ob das eine einzige Entscheidung beeinflusst, sei dahingestellt. Ein Signal von Unbefangenheit ist es nicht.

Genau hier liegt der Kern, den die Bevorzugungs-Debatte verfehlt. Schon nach dem Achtelfinale gegen Ägypten hatte Trainer Hossam Hassan von Manipulation gesprochen – befeuert von einer Ansetzung, die Fragen offenließ. Die Frage ist nicht, ob die FIFA Argentinien bevorzugt. Ein Beweis dafür fehlt. Die Frage ist, warum der größte Verband der Welt so beharrlich den Eindruck riskiert, den er mit transparenteren Ansetzungen mühelos entkräften könnte.

Zahlen belegen keinen Betrug. Sie belegen ein Muster der Nachlässigkeit. Und wer jeden Verdacht durch eigene Optik selbst nährt, darf sich über den Chor der Zweifler am Ende nicht wundern.

Häufige Fragen zur Debatte um Argentiniens Schiedsrichter-Bonus

Wie viele Elfmeter bekam Argentinien bei der WM 2022?

Fünf – gegen Saudi-Arabien, Polen, die Niederlande, Kroatien und Frankreich. Das war ein WM-Rekord für die meisten in einem Turnier zugesprochenen Strafstöße. Die alte Bestmarke von vier teilten sich die Niederlande (1978) und Portugal (1966).

Stimmt die Statistik mit den 23 Fouls pro Karte?

Die Zahl kursierte vor dem Viertelfinale, schwankt aber je nach Auswertung zwischen rund 19,7 und 23 Fouls pro Verwarnung für Argentinien; England liegt bei etwa acht. Wichtig: In denselben Rankings steht Norwegen mit rund 24 noch über Argentinien. Die Kennzahl erfasst weder Schwere noch Art der Fouls.

Hat Thomas Müller Argentinien Betrug vorgeworfen?

Nein. Müller sprach von einem Spielchen und einer Qualität, mit der Argentinien Schiedsrichter unter Druck setze. Ausdrücklich sagte er, die Referees pfiffen nicht für Argentinien – sie ließen sich nur darauf ein.

Was kritisiert Urs Meier genau?

Der Ex-Schiedsrichter monierte vor allem die Leitung des Viertelfinals gegen die Schweiz: ungeahndete Fouls, eine belohnte Schwalbe, zwei ungeprüfte Elfmeter-Szenen. Zugleich distanzierte er sich klar von Verschwörungstheorien und einer bewussten Bevorzugung.

Was hat James Rodríguez gesagt?

Im März 2025 führte Kolumbiens Kapitän die Finalniederlage bei der Copa América 2024 auf externe Umstände und verweigerte Elfmeter zurück. Kolumbiens Verbandschef Jesurún widersprach und betonte, man habe auf dem Platz verloren.

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