Brasilien eröffnet sein Turnier am Samstag im MetLife Stadium gegen Marokko — ohne den verletzten Neymar, dessen Nummer zehn nun ein Loch in der Offensive hinterlässt. Die Vorzeichen deuten auf ein 4-2-3-1 mit Vinícius Júnior als Anführer, Raphinha auf der Zehn und einer einzigen wirklich offenen Personalie. Ein nüchterner Blick auf die wahrscheinliche Aufstellung — und auf die Entscheidung, die Ancelotti noch trifft.
Die Ausgangslage ist klar umrissen. Brasilien spielt in Gruppe C gegen Marokko, Haiti und Schottland; der Auftakt gegen den WM-Halbfinalisten von 2022 ist das anspruchsvollste der drei Spiele. Im direkten Duell notiert Brasilien bei rund 1,63 — eine respektvolle Favoritenrolle, die das marokkanische Defensivgerüst ernst nimmt. Ancelotti, seit Mai 2025 erster ausländischer Cheftrainer der Selecao, hat in seinen ersten Monaten zunächst die Defensive stabilisiert und zuletzt mit offensiveren Formationen experimentiert.
Die gesicherten Pfeiler
Über weite Teile der Elf herrscht bemerkenswerter Konsens. Im Tor steht Alisson, in der Innenverteidigung das Paar Marquinhos und Gabriel, links verteidigt Alex Sandro. Das zentrale Mittelfeld bildet die Doppelsechs aus Casemiro und Bruno Guimarães — von mehreren Beobachtern als eine der stärksten Mittelfeldpaarungen des Turniers eingeordnet, mit Casemiro als Absicherung und Guimarães als nach vorn treibendem Part. In der Offensive ist Vinícius Júnior auf dem linken Flügel gesetzt; er ist es auch, der die Anführerrolle übernehmen soll, die in früheren brasilianischen Titelläufen je ein Protagonist trug — von Pelé 1958 bis Ronaldo 2002.
Die Neymar-Lücke und ihre Folgen
Der Ausfall verschiebt die Statik der Offensive. Raphinha, bei Barcelona meist auf dem linken Flügel zu Hause, dürfte gegen Marokko auf die Zehn rücken — die Position, die eigentlich Neymar gehörte. Lucas Paquetá ist die Alternative für diese Rolle und könnte sie übernehmen, was Raphinha auf den rechten Flügel oder in seine natürliche Position zurückschöbe. Genau hier liegt die Verschiebung: Ohne Neymar verteilt sich die kreative Last auf mehrere Schultern, und Ancelotti muss entscheiden, ob er Raphinha zentral bindet oder außen frei spielen lässt. Als Mittelstürmer deutet vieles auf Matheus Cunha hin, vor Endrick und Igor Thiago — wobei Thiago in nur vier Länderspielen zweimal traf, einmal mehr als Cunha in 29 Einsätzen. Eine Zahl, die für eine Überraschung sprechen könnte, aber gegen die der Name steht.
Die eine offene Frage: rechts hinten
Die größte Unsicherheit sitzt auf der rechten Abwehrseite. Der dynamische Wesley fällt verletzt für das Turnier aus, und damit ist die Position zur offenen Baustelle geworden. Die wahrscheinlichste Lösung heißt Danilo — erfahren, turniererprobt, aber nicht mehr der Schnellste. Als Alternative wurde der spät nachnominierte Éderson Berichten zufolge im Training auf der Rechtsverteidiger-Position getestet, ein Mittelfeldspieler als Notlösung in der Kette. Gegen Marokkos Konterspiel über Hakimi und Brahim Díaz ist ausgerechnet diese Seite die heikelste — und Ancelottis Entscheidung dort dürfte das Spiel stärker prägen als die Frage, wer vorne die Tore schießen soll.
Was die Aufstellung verrät
An Brasiliens mutmaßlicher Elf ist die Offensive geklärt und die Abwehr die eigentliche Geschichte. Die wahrscheinliche Aufstellung — Alisson; Danilo, Marquinhos, Gabriel, Alex Sandro; Casemiro, Guimarães; Raphinha, Paquetá, Vinícius; Cunha — zeigt eine Mannschaft, die ihren Ausfall vorne durch Umverteilung kompensiert und hinten improvisieren muss. Das ist tragfähig gegen die meisten Gegner. Gegen ein Marokko, das aus einer stabilen Defensive heraus kontert, ist die rechte Abwehrseite die Stelle, an der dieses Spiel kippen könnte. Neymars Fehlen ist die Schlagzeile — die offene Personalie hinten rechts ist die relevantere Frage.

