Am Dienstagabend in Kansas City bestreitet Lionel Messi das Auftaktspiel seiner sechsten Weltmeisterschaft — Rekord, natürlich. Es ist mit größter Wahrscheinlichkeit sein letztes erstes WM-Spiel. Argentinien beginnt die Titelverteidigung gegen Algerien, und über allem schwebt die Frage, die kein Buchmacher bepreisen kann: Wie viel Messi steckt noch in diesem Sommer?
Die Fakten zur Personalie sind schnell erzählt und schwer zu verdauen: Messi geht angeschlagen ins Turnier, wurde beim 2:0 gegen Honduras komplett geschont, wird am 24. Juni — mitten in der Gruppenphase — 39 Jahre alt. Sein Trainer Scaloni hat öffentlich eingeräumt, dass ihn der Gedanke an die Zeit nach Messi an Maradonas Abgang erinnere. Und das Versprechen von 2022, Katar sei „sicher“ die letzte WM, hat er gebrochen wie schon den Rücktritt von 2016. Niemand beschwert sich. Aber jeder rechnet mit.
Lusail wohnt in jedem Auftaktspiel
Argentinische Auftaktspiele haben seit 2022 einen Beigeschmack, der nicht mehr weggeht: Saudi-Arabien, Lusail, das 1:2 — die größte Auftakt-Sensation seit eben jenem Senegal-Spiel von 2002, und der Tiefpunkt, von dem aus dieselbe Mannschaft vier Wochen später den Pokal holte. Die 1,36 auf den Dienstag-Sieg ist deshalb eine Quote mit Erinnerung: Vor vier Jahren stand Argentinien gegen die Saudis bei 1,20. Die Buchmacher haben Lusail nicht vergessen, und Scalonis Mannschaft auch nicht — was paradoxerweise ihr bestes Argument ist. Wer das Stolper-Szenario durchlebt und in Gold verwandelt hat, wiederholt denselben Fehler selten im selben Drehbuch.
Algerien ist kein Komparse
Der Gegner hat seine eigene Geschichte mitgebracht. Algerien kommt als eine der formstärksten afrikanischen Mannschaften der Qualifikation, kompakt organisiert unter Vladimir Petković, mit einer Defensive, die kaum Gegentore zuließ, und der Sorte Konterspiel, die müde Favoriten bestraft. Titelquote 251,00 — aber solche Zahlen haben Mannschaften wie diese noch nie interessiert. Algerien spielt am Dienstag das Spiel seines Zyklus, gegen den Weltmeister, gegen Messi, vor einem Publikum, das zur Hälfte in himmelblau-weiß kommen wird. Es gibt keinen besseren Abend, um unsterblich zu werden, und genau das macht solche Gegner so unbequem.
Was Kansas City bedeutet
Argentinien jagt derweil etwas, das seit 64 Jahren niemand geschafft hat: die Titelverteidigung — zuletzt Brasilien 1962. Der Weg dorthin ist mit elf Spielen in diesem Format länger und heißer als je zuvor, und er beginnt mit einem 39-Jährigen, dessen Minuten gezählt und dessen Muskeln beobachtet werden. Vielleicht ist das die ehrlichste Art, diesen Dienstag zu lesen: nicht als Pflichtspiel eines Favoriten, sondern als Beginn einer Abschiedstournee, deren Endpunkt niemand kennt — das Achtelfinale, das Finale am 19. Juli oder irgendwo dazwischen. Das letzte erste Spiel. Danach gibt es von allem nur noch letzte.

