Carlo Ancelotti hat fünf Champions-League-Titel, Meisterschaften in fünf Ländern und jeden Pokal, den der Klubfußball zu vergeben hat. Was er nicht hat: ein einziges WM-Spiel als Trainer. Am Samstagabend im MetLife Stadium holt er das nach — mit 66, an der Seitenlinie Brasiliens, gegen den unbequemsten Auftaktgegner, den der Spielplan hergab.
Man muss sich die Fallhöhe dieses Abends auf der Zunge zergehen lassen. Brasilien, fünfmaliger Weltmeister, wartet seit 2002 auf den sechsten Stern — eine Durststrecke, die länger ist als das Leben der halben Kaderliste. Um sie zu beenden, hat der Verband etwas getan, was als undenkbar galt: zum ersten Mal in der Geschichte der Seleção einen Ausländer zum Cheftrainer gemacht. Den Italiener, der alles gewonnen hat. Der Deal ist so einfach wie brutal: Ancelotti bekommt die letzte fehlende Trophäe seiner Sammlung, Brasilien bekommt den Stern. Scheitern ist in diesem Vertrag nicht vorgesehen.
Ausgerechnet Marokko
Und dann stellt der Spielplan ihm zum Einstand ausgerechnet die Mannschaft hin, die 2022 das europäische Establishment seziert hat. Belgien, Spanien, Portugal — alle flogen gegen diesen marokkanischen Block aus dem Turnier, ohne ihn aus dem Spiel heraus zu knacken. Der Halbfinalist von Katar ist kein Überraschungsgast mehr, er ist eine Institution mit Generationenvertrag: Der neue Trainer Mohamed Ouahbi hat die Struktur geerbt und mit einem der jüngsten Kader des Turniers aufgefrischt. Die Buchmacher haben verstanden, was da am Samstag auf dem Rasen steht — Brasilien notiert nur bei 1,63, für ein Auftaktspiel des Rekordweltmeisters gegen einen vermeintlichen Außenseiter eine bemerkenswert respektvolle Zahl.
Das Duell im Duell
Die Schlagzeile des Abends könnte ohnehin zwei anderen gehören: Achraf Hakimi gegen Vinícius Júnior, das vielleicht beste Eins-gegen-eins, das dieser erste Spieltag zu bieten hat. Der Außenverteidiger, der in Paris zur Weltklasse gereift ist, gegen den Flügelstürmer, der Madrider Abende im Alleingang entscheidet — und der unter Ancelotti seine beste Zeit hatte. Der Trainer kennt also beide Seiten dieses Duells besser als jeder andere im Stadion. Es ist die Sorte Detail, die aus einem Gruppenspiel ein Schachspiel macht.
Die Generalprobe am Ort des Finales
Ein letzter Dreh, den das Drehbuch eingebaut hat: Das MetLife Stadium ist der Ort, an dem am 19. Juli das Finale steigt. Brasilien spielt seine Premiere also dort, wo es am Ende stehen will — eine Generalprobe mit 82.000 Zeugen. Wer an Omen glaubt, hat hier eines. Wer an Ancelotti glaubt, braucht keines: Der Mann hat seine Karriere darauf gebaut, am Ende im richtigen Stadion zu stehen. Am Samstag erfahren wir, ob die letzte Geschichte seiner Laufbahn ein Auftakt nach Maß wird — oder ob Marokko dem nächsten Giganten die Geduld lehrt.

